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Extremsportarten wie Heliskiing werden zunehmend populär. Immer mehr Menschen kommen auch im Urlaub ohne Adrenalinkick nicht aus.
Foto: IntMedCom

Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Facharzt für Spezifische Prophylaxe und Tropenhygiene, Medizinische Universität Wien

Foto: Archiv

DDr. Martin Haditsch, Facharzt für Infektiologie und Tropenmedizin vom TravelMedCenter in Leonding

 
Allgemeinmedizin 2. Februar 2010

Ganz schön gefährlich

Reisemedizinische Beratung bekommt einen immer höheren Stellenwert.

Rund 500.000 Österreicher reisen pro Jahr ins Ausland. In den letzten Jahrzehnten haben sich Reisealter, Sicherheitsbedürfnis und Reisestil stark verändert. Der Massentourismus der 1980er-Jahre nach dem Motto „Hinfliegen – Sonnenbaden – Sonnenbrand“ wurde von gefahrvollerem Reiseverhalten abgelöst. Entsprechend liegen die Hauptaufgaben der reisemedizinischen Beratung heute in der Infektionsprophylaxe, aber auch zunehmend in der Unfallprävention.

 

Reisemedizin genießt bei vielen Reiseveranstaltern einen unverdient schlechten Ruf, weil sie mit potenzieller Geschäftsschädigung assozi-iert wird. Nicht zuletzt deshalb, weil Schutzimpfungen einen additiven Kostenfaktor vor Reisen darstellen und diese dadurch insgesamt teurer werden. „Dieses Denken ist kurzsichtig“, warnt DDr. Martin Haditsch, Facharzt für Infektiologie und Tropenmedizin vom TravelMedCenter in Leonding. Denn jeder Tourist, der gesund von einer Reise zurückkehrt, hat einen positiven Multiplikationsfaktor von 5, jeder, der krank heimkehrt, einen negativen Multiplikationsfaktor von 20. Haditsch: „Insofern würde die Tourismusbranche sogar profitieren, wenn sie Beratung fördern würde.“

Derzeit gelingt es nur schlecht, den Reisenden ihr jeweiliges Risikopotenzial zu vermitteln. Dieses richtet sich vor allem nach der Klientel, dem Reisezweck, dem Reise-ziel sowie dem Transportmittel. Bei der Klientel ist insbesondere auf Schwangere, (Klein-)Kinder, Senioren, Personen mit Grundkrankhei-ten oder körperlichem Handycap sowie Herkunft zu achten. Dabei sind nicht nur „Outgoing“-, sondern auch „Incoming“-Reisende zu berücksichtigen. Ein Beispiel für Letztere sind Österreich-Touristen aus Ländern, in denen FMSE nicht vorkommt. Ein weiteres Beispiel sind Migranten und Flüchtlinge, die eine erhöhte Inzidenz von HIV, Tuberkulose und anderen Infektionskrankheiten aufweisen.

Urlaub im Adrenalinrausch

Die Reisezwecke reichen von Erholung über (Fort-)Bildung, Leistungssport, Abenteuer und „Events“ aus Sport, Politik und Religion (Pilger) bis zu Business- und Kongress-Tourismus und – selten, aber doch – humanitärer Hilfe, wie aktuell in Haiti.

Die Reiseziele haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert – vom früher gängigen Strandurlaub an der Adria oder in der Ägäis hin zu hochalpinen Regionen, (Eis-)Wüsten, Tropen und Dschungel. Haditsch: „Adrenalin als Basis der Hochleistungsgesellschaft wird zunehmend auf den Urlaub übertragen.“

Ein wesentlicher Risikofaktor ist das gewählte Transportmittel. Denn Unfälle sind nach wie vor die häufigste Todesursache auf Reisen, weit vor Infektionskrankheiten.

Mit dem Wandel des Reiseverhaltens hat sich auch das Risikopotenzial stark verändert. Die höchste Gefahr ist mit einer K2-Besteigung verknüpft, jeder zehnte Versuch endet tödlich. Aber auch in einem Badeurlaub kann mangelndes Equipment zur Lebensbedrohung werden. So sind nach Öffnung der Ostgrenzen jedes Jahr Dutzende Tschechen in Kroatien ertrunken, weil sie sich zum Tauchen ein Mundstück aus dem Gartenschlauch gebastelt haben.

Insgesamt gilt laut Haditsch: Je abenteuerlicher eine Reise, desto breiter ist das Risikoprofil und desto bedeutsamer das individuelle Verhalten. Und desto länger sollten die Vorbereitungszeiten und desto umfassender die Vorsorgemaßnahmen sein. Je höher das potenzielle Risikoprofil, desto wichtiger sei die reisemedizinische Betreuung vorher und auch danach. „Die Reisemedizin umfasst praktisch das Gesamtgebiet der Medizin, erweitert um den Faktor der Standortveränderung. Dies bedarf spezifischer Expertise, basierend auf guter Aus- und Fortbildung“, betont Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Facharzt für Spezifische Prophylaxe und Tropenhygiene, Medizinische Universität Wien.

Spitzenreiter Reisediarrhoe

Die Reisediarrhoe (RD) ist die häufigste Urlaubserkrankung überhaupt. Ein Drittel bis die Hälfte aller Reisenden erkranken während eines zweiwöchigen Urlaubs an einer Reisediarrhoe, bei bestimmten Destinationen wie Afrika ist die Inzidenz sogar noch höher. Rohes Gemüse, (Obst-)Salate, Mayonnaise, Fruchtsäfte und Kaltschalengerichte, ferner Meeresfrüchte sowie Speiseeis zählen zu den wesentlichen Infektionsquellen. Kollaritsch warnt besonders vor Sorglosigkeit angesichts eines luxuriösen Ambientes: „In Fünf-Sterne-Hotels erkranken mehr Menschen als in Drei- oder Vier-Sterne-Hotels, weil Hygienefehler durch den äußerlichen Prunk verdeckt werden.“ Weiters entscheidend seien Aufenthaltsdauer und Reisestil (je „rustikaler“, desto höher das Risiko).

Anforderungen an die Therapie sind eine deutliche Krankheitsverkürzung, Minimierung der Begleitbeschwerden, mikrobielle Unbedenklichkeit, Einsetzbarkeit bei allen RD-Formen, Ungefährlichkeit in der Hand des Laien sowie Nebenwirkungsarmut. Die Cholera-Impfung ist mit einer RD-Risikoreduktion von 40 Prozent verknüpft. Kollaritsch: „Hier wohnen zwei Seelen in meiner Brust: Wenn breit geimpft wird, sinkt das Risikobewusstsein und steigt das Risikoverhalten. Die Choleraimpfung zum Schutz vor RD ist v.a. bei Risikopersonen zu befürworten, wobei immer auch eine Kosten-Nutzen-Relation zu beachten ist. Denn bei gesunden Erwachsenen ist RD selbstlimitierend und nach rund drei Tagen überstanden.“

Insektenschutz gegen Malaria

An zweiter Stelle der reiseassoziierten Infektionskrankheiten rangiert die Malaria mit zehn Prozent Inzidenz. Hier verweisen die Experten auf die Wichtigkeit von Insektenschutz. Kollaritsch: „Die Malariaimporte sind von 1999 bis 2008 um 42 Prozent gesunken. Die Infektionsverhütung durch Insektenschutz liegt bei konsequenter Anwendung bei bis zu 50 Prozent.“ Daneben stehen Chemoprophylaxe mit einer Effizienz von über 95 Prozent, aber auch die Therapie durch Notfallselbstmedikation erst nach subjektivem Krankheitsbeginn zur Verfügung.

Vernunftappell bei Summersplash

Einen speziellen Augenmerk richtet Kollaritsch auf bei Maturanten so beliebte Summersplash-Reisen, die gerade in den Monaten Jänner bis März bevorzugt für den Frühsommer gebucht werden. Tödliche Unfälle nach Koma-Saufen lieferten hier in den letzten Jahren traurige Schlagzeilen. Der Experte appellierte an die Restverantwortlichkeit in einer Gruppe und schlug vor, jeweils für einen Tag einen Verantwortlichen zu definieren, der sich mit dem Trinken zurückhält und die Gruppe im Auge behält. Dieser sollte seine stark alkoholisierten Kollegen beispielsweise sicher auf ihr Zimmer bringen, um zu verhindern, dass sie beispielsweise in einem Swimmingpool ertrinken oder sich bei riskanten Klettermanövern in Gefahr bringen.

 

Quelle: Hintergrundgespräch von Novartis anlässlich des 2. Symposiums für Tropen- und Reisemedizin der Österreichischen Gesellschaft für Reise- und Touristikmedizin, 15. Jänner 2010, Wien

Aufgaben der reisemedizinischen Beratung
• Allgemeine Risikoaufklärung: individuell, geographisch
• Erklärung von Verhaltensmustern zur individuellen Verhütung von (Infektions-)Krankheiten: regions- und situationsbezogen
• Verhütung von Adaptionsstörungen (v.a. bei Adventure-Tourismus): Höhen, Tiefen, Klima, Sonne
• Feststellung der allgemeinen Reisefähigkeit: bei Grundkrankheiten, Dauermedikation, speziellem Anforderungsprofil

Von Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer, Ärzte Woche 5 /2010

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