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Fotos (3): Dr. Walter Fiala
Dr. Walter Fiala Arzt für Allgemeinmedizin, Graz
 
Allgemeinmedizin 18. November 2008

Körperliche Aktivität als bestes und billigstes Heilmittel

Beim diesjährigen Allgemeinmedizin-Kongress dreht sich alles um das Thema Bewegung. In einem Vortrag wird auch die Infiltration als Probetherapie bei Rückenschmerz vorgestellt.

Bewegung zur Vorbeugung, aber auch zur Behandlung von Krankheiten ist das Motto des 39. Allgemeinmedizinkongresses, der vom 20. bis 22. November in Graz stattfindet. „Wir erwarten 1.200 Ärzte – das ist ein neuer Rekord“, freut sich Kongresspräsident Dr. Walter Fiala.

Der Besucheransturm ist nicht zuletzt auf die hohe Praxisrelevanz des diesjährigen Veranstaltungsthemas zurückzuführen. Immerhin verursachen Erkrankungen des Bewegungsapparates die meisten Krankenstandstage und liegen an erster Stelle bei Frühpensionen.

Was sind aus Ihrer Sicht die Highlights des diesjährigen Allgemeinmedizinkongresses?

FIALA: Unsere zentrale Botschaft lautet: Bewegung ist das Beste und Billigste zur Vorbeugung vieler Erkrankungen – begonnen bei Stoffwechselerkrankungen über Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Leiden. Auch bei vielen Tumorerkrankungen ist mittlerweile evidenzbasiert, dass durch regelmäßiges, gezieltes Training die Prognose verbessert werden kann. Und natürlich kann auch das Altern gebremst werden.

Die zweite Botschaft lautet: Junge Menschen bewegen sich zu wenig. Allein in der Schule verbringen sie bis zum 18. Lebensjahr rund 20.000 Stunden sitzend – und dies, obwohl der wachsende Körper darauf ausgelegt ist, seine Bewegungsreize zu erhalten, um als erwachsener Organismus optimal funktionieren zu können. Der Arzt kann hier als Berater fungieren, die Verantwortung liegt allerdings letztendlich bei den Eltern und den Schulen. Was in der Kindheit nicht angelegt wird, ist später kaum mehr aufzuholen. Das betrifft neben der Koordination auch den Aufbau des Skelettsystems. Bewegungsmangel führt zu einer schlechten Konstitution, mit der man den Rest seines Lebens zurechtkommen muss.

Sie halten selbst einen Vortrag zum Thema „Infiltration als Probetherapie an der Wirbelsäule“. Was sind Ihre Kernaussagen?

FIALA: Die meisten chronischen Kreuzschmerzen werden nicht durch Bandscheibenschäden hervorgerufen, sondern durch Veränderungen an den kleinen Wirbelgelenken, am Bandapparat und an der Muskulatur (Abb. 1). Allerdings wird heute nahezu bei jedem Patienten mit Rückenschmerzen gleich eine Computertomographie oder eine Magnetresonanztomographie gemacht, weil man in erster Instanz fälschlich oft einen Bandscheibenvorfall vermutet. Dieser betrifft zwar viele Menschen, verursacht allerdings relativ selten Symptome, weil im Rückenmarkskanal viel Platz ist. Die häufigsten Schmerzverursacher sind also meist die kleinen Wirbelgelenke, die einer Behandlung bedürfen und auf eine lokale Therapie auch sehr gut ansprechen.

Wie gehen Sie konkret bei der Infiltration als Probetherapie vor?

FIALA: Probetherapie ist eine Hauptdomäne der Allgemeinmedizin. Das heißt, ich stelle eine Verdachtsdiagnose und behandle mit den geringstmöglichen Nebenwirkungen. Wenn ich damit erfolgreich bin, habe ich sowohl die Diagnose als auch die richtige Therapie gleichzeitig. Wenn beispielsweise Anamnese, Betasten, Befühlen und Schmerzpalpation an der Lendenwirbelsäule den Verdacht auf die kleinen Wirbelgelenke lenken, werde ich mit einer gezielten Infiltration mit einem Lokalanästhetikum – anfangs mit Cortison-Zusatz – das jeweilige Wirbelgelenk in einer Tiefe von 5-6 Zentimetern infiltrieren (Abb. 2). Diese Methode ist ganz einfach zu erlernen und völlig ungefährlich, weil keine wichtigen Organe getroffen werden können und keine Gefäße in der Nähe sind.

Welches Thema ist Ihnen außerdem noch besonders wichtig?

FIALA: Ein großes Anliegen ist uns der Vortrag „Physikalische Therapiemaßnahmen optimal verordnet“, weil die meisten Patienten ohne genaue Anweisung zu einer Physiotherapie geschickt werden. Je exakter diese jedoch in Abhängigkeit von der Diagnosestellung ist, desto besser ist das Ergebnis, weil die physikalische Behandlung individuell maßgeschneidert angewendet werden kann. Es bringt gar nichts, jeden Patienten mit Fangopackung und Elektrotherapie zu behandeln. Es kommt nämlich sehr darauf an, ob der Patient instabil in der Wirbelsäule und den Gelenken ist, ob der Muskel trainiert werden muss, ob er zu kurz ist und daher gedehnt werden soll, ob er Wärme oder Kälte verträgt.

Welche Konsequenz hat eine Verschlechterung des Zustands unter physikalischer Therapie?

FIALA: Erstverschlimmerungen per se kommen sehr selten vor. Meistens ist eine Verschlechterung auf eine falsche Diagnose und daher eine falsche Indikationsstellung und eine inadäquate Therapie zurückzuführen. Es gibt gereizte Gelenke, die vertragen keine Wärme, weil diese einen zusätzlichen Reiz darstellen. Sie brauchen eher Kälte. Umgekehrt gibt es hypermobile Patienten, die sehr elastisch sind. Wenn man sie dehnt und bewegt, werden sie noch elastischer. Hier kann man also auch viel falsch machen.

Gibt es einen Algorithmus für physikalische Therapie?

FIALA: Leider nein. Wir hoffen, im Rahmen des Kongresses einen Algorithmus als wertvollen Succus entwickeln zu können.

Das Gespräch führte Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer

Fotos (3): Dr. Walter Fiala

Dr. Walter Fiala Arzt für Allgemeinmedizin, Graz

Abb. 1: Hauptverursacher von Rückenschmerzen sind nicht Bandscheibenvorfälle, sondern Beschwerden an den kleinen Wirbelkörpergelenken.

Abb. 2: Bei entsprechendem Verdacht kann das jeweilige Wirbelgelenk in einer Tiefe von 5-6 Zentimetern infiltriert werden.

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