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Allgemeinmedizin 17. November 2009

Adipositas ist nicht nur für Herzinfarkte verantwortlich

Aktuelle Daten zeigen, dass Übergewichtige ein erhöhtes Krebsrisiko tragen.

Eine neue Studie geht davon aus, dass in Europa bis zu 124.000 Krebserkrankungen von Adipositas verursacht werden. Experten vermuten kaum wahrnehmbare Entzündungsprozesse als Ursache.

 

Die Untersuchung, die auf dem Europäischen Krebskongress ECCO15-ESMO34 in Berlin vorgestellt wurde (Renehan et al.), verzeichnete ab einem Body Mass Index (BMI) von 31 oder mehr ein erhöhtes Risiko für eine neoplastische Erkrankung. Dies wurde insbesondere bei Frauen in mitteleuropäischen Ländern wie Tschechische Republik, Lettland, Slowenien und Bulgarien deutlich.

Der BMI-Normalwert liegt bei Frauen zwischen 19 und 24, bei Männern zwischen 20 und 25; bis 30 spricht man von Übergewicht, über 30 von Fettleibigkeit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht 30 Prozent aller Brustkrebsfälle in Zusammenhang mit der Ernährung. Frauen, die nach dem Wechsel einen BMI über 31 aufweisen, haben demnach ein 2,5 Mal höheres Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, als Gleichaltrige mit einem BMI unter 26.

Zahlen wurden hochgerechnet

Aber nicht nur bei der Entwicklung von Brustkrebs spielt Übergewicht eine Rolle. Doz. Dr. Andrew Renehan, Onkologe an der Universität Manchester, UK, und seine Kollegen entwickelten ein komplexes Modell, mithilfe dessen der übergewichtsabhängige Anteil der Krebserkrankungen in 30 europäischen Ländern geschätzt werden konnte. Die Grundlage des Modells lieferten die Daten der WHO und der internationalen Agentur für Krebsforschung. Von den im Jahr 2002 (das letzte Jahr, für das zuverlässige Daten vorliegen) neu diagnostizierten Krebserkrankungen, dies sind rund 2,2 Millionen, seien mehr als 70.000 auf Übergewicht zurückzuführen. Die Forscher rechneten diese Zahlen für 2008 hoch und berücksichtigten dabei den dramatischen Rückgang von Hormonersatztherapien bei Frauen seit 2002 (seitdem die Forschung ein erhöhtes Brustkrebsrisiko nachgewiesen hatte) sowie den umfassenden Einsatz von PSA-Screenings bei Männern.

Subklinische Entzündungen

Die größte Zahl neuer, Adipositas-bedingter Krebserkrankungen sind das Endometriumkarzinom, das Mammakarzinom nach der Menopause und das Kolorektalkarzinom. Diese drei Gruppen, so wurde errechnet, wären für 65 Prozent aller durch einen exzessiven BMI bedingten Krebserkrankungen verantwortlich. Bei Ösophaguskarzinomen kam noch die Wechselwirkung von Rauchen, Alkoholkonsum und Refluxerkrankungen dazu. Jedenfalls unterstreicht diese Studie die Wichtigkeit, die Bevölkerung auf das gesundheitliche Risiko aufmerksam zu machen, das sie durch Übergewicht eingeht.

Die Mechanismen für diese epidemiologischen Ergebnisse sind nicht unbedingt klar erkennbar und werden beforscht. Der Wiener Experte für Fettstoffwechselstörungen, Prof. Dr. Helmut Sinzinger, MedUni Wien, sieht als eine der Ursachen einen ständig ablaufenden, kaum wahrnehmbaren Entzündungsprozess: „Die Adipozyten produzieren ein hochsensitives C-reaktives Protein sowie Interleukin 6 und den Tumornekrosefaktor. Diese Faktoren tragen zu einer ‚low grade‘ Inflammation bei. Darüber hinaus ist ein abdominelles Übergewicht mit einer Vielzahl von Fettstoffwechselstörungen assoziiert.“

Von Dr. Gerta Niebauer, Ärzte Woche 47 /2009

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