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Dr. Wolfgang Routil Präsident der Österreichischen Akademie der Ärzte
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Prof. Dr. Andreas Sönnichsen Facharzt für Allgemein- und Innere Medizin, Institut für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg

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Prof. Dr. Martin Lischka Besondere Einrichtung für medizinische Aus- und Weiterbildung, Medizinische Universität Wien

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Dr. Hansueli Späth Züricher Facharzt für Allgemein-medizin und Vorsitzender der Prüfungskommission Allgemeinmedizin in der Schweiz

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MR Dr. Walter Dorner Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK)

 
Allgemeinmedizin 3. November 2009

Spezialisten für alle Fälle

Zehn Jahre nach Einführung der Prüfung zum „Arzt für Allgemeinmedizin” steht fest: Der eingeschlagene Weg ist richtig, doch es gibt noch viel zu tun.

Welche Kompetenzen werden geprüft? Wofür wird der medizinische Nachwuchs ausgebildet? Wie verändert sich die Allgemeinmedizin? Und nicht zuletzt: Wird es auch in Zukunft eine individuelle, personenzentrierte Patientenbetreuung geben? Diese und andere Fragen rund um die Prüfung zum Arzt für Allgemeinmedizin wurden im Rahmen der Enquete „Qualität durch Kompetenz” der Österreichischen Akademie der Ärzte am 10. Oktober 2009 in Wien diskutiert.

 

„Die österreichische Prüfung zum Arzt für Allgemeinmedizin ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zum kompetenten Allgemeinmediziner, an deren Didaktik sich zahlreiche andere europäische Länder orientieren. 7.941 Kandidaten sind bereits angetreten, davon haben 93,8 Prozent die Prüfung positiv absolviert. Das kann mit Fug und Recht als eine echte Erfolgsgeschichte bezeichnet werden”, betonte MR Dr. Walter Dorner, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), in seinem Eröffnungsstatement.

Dr. Wolfgang Routil, Präsident der Österreichischen Akademie der Ärzte, ergänzte in seinem Vortrag weitere wichtige Aspekte: „Wir haben damit den Grundstein dafür gelegt, dass Allgemeinmedizin nicht als ,Restlverwertung dessen, was von allen Fächern übrigbleibt’, gesehen werden kann, und wir erkennen immer genauer: Der Allgemeinmediziner ist kein Facharzt für Bagatellerkrankungen.” Diese Disziplin verfolge vielmehr einen stark personenzentrierten Ansatz mit bio-psycho-sozialem Hintergrund und sei nicht nur an der Pathogenese, sondern vor allem auch an der Salutogenese der behandelten Patienten interessiert.

Faire Prüfung mit Weiterentwicklungspotenzial

Die seit nunmehr zehn Jahren von der Akademie der Ärzte im Auftrag der ÖÄK durchgeführte Prüfung zum Arzt für Allgemeinmedizin legt dafür einen essenziellen Grundstein, und sie gewährleistet unter anderem ein methodisch kompetentes Prüfen. „Arbeitsteilung unter den Prüfern, das Vieraugenprinzip, eine Abstimmung über richtige à priori-Lösungen, Objektivität, Reliabilität und Validität sind garantiert. Und wir können mittels unseres Systems zeigen, dass bei hoher Zuverlässigkeit alle Kandidaten gleich behandelt werden und Prüfungsbeurteiler mit großer Wahrscheinlichkeit zu den gleichen Ergebnissen kommen”, so Prof. Dr. Martin Lischka von der Besonderen Einrichtung für medizinische Aus- und Weiterbildung der Medizinischen Universität Wien. Entscheidend ist für den Experten, dass mit der Prüfung jene Personen ausgefiltert werden, die die Probleme von Patienten in der allgemeinmedizinischen Praxis lösen können.

Interessant sei jedoch, dass die Prüfung in bestimmten Bereichen nahezu konstant Schwierigkeiten aufzeige: „Dazu zählen die Interventionsbereiche der Psychiatrie, der Neurologie und der Kinderheilkunde. Weitere Problemfelder stellen Fragestellungen zur Schilddrüse, zu unspezifischen Allgemeinreaktionen und teilweise auch die Bereiche Anamnese und Beratung dar.”

Die Prüfung an sich wird von Lischka insgesamt als „ernstzunehmend, fair und konsequent” bezeichnet. Dennoch ortet er Weiterentwicklungspotenzial: „Die Prüfung findet derzeit am Ende der Ausbildung statt, doch es gäbe auch gute Möglichkeiten, sie währenddessen abzulegen. Zum anderen wird derzeit rein quantitativ beurteilt, für die Zukunft wäre auch eine qualitative Beurteilung anzustreben.”

Schweiz: hohe Akzeptanz, minimale Durchfallquote

Im Vergleich zu Österreich treten in der Schweiz – einem Land mit eklatantem Hausärztemangel – wesentlich weniger Kandidaten zur Facharztprüfung in Allgemeinmedizin an: jährlich nur 100 bis 150 (hierzulande rund 900). Auch die Ergebnisse sind bei weitem nicht so gut wie bei uns. Die Schweiz verzeichnet im schriftlichen Examen eine Dropoutquote zwischen 3,8 und 18,5 Prozent, dies liegt auch am hohen Anteil ausländischer Kandidaten.

Dennoch hat die Prüfung eine hohe Akzeptanz, und im mündlich-praktischen Teil der Prüfung ist die Durchfallquote praktisch null, wie der Züricher Facharzt für Allgemeinmedizin und Vorsitzende der Prüfungskommission Allgemeinmedizin in der Schweiz, Dr. Hansueli Späth, in seinem Referat darlegte.

Voraussetzungen für die Zukunft der Allgemeinmedizin

„Der alte, polymorbide Mensch bedarf aufgrund seiner vielen Leiden einer solch großen Anzahl an Spezialisten, dass für seine Behandlung eigentlich nur der Hausarzt in Frage kommt”, so Späth. Diese hausärztliche Kompetenz gelte naturgemäß auch für die anderen Bevölkerungsgruppen. „Was wir neben aller Evidenzbasierten Medizin und State-of-the-Art-Behandlungen nicht vergessen dürfen, ist das gute Bauchgefühl, dem viele Hausärzte oft folgen und mit dem sie häufig auch richtig liegen“, mahnte Späth. „Wir sollten solche Parameter gelten lassen – die Frage ist nur, ob sie sich überprüfen lassen.” Als Stolpersteine und ungeeignete Kriterien zur Heranbildung kompetenter Allgemeinmediziner bezeichnete Späth Numerus clausus, Semesterprüfungen, Staatsexamen und das Fehlen ausreichend vieler Weiterbildungsstätten. „Zudem: Die Weichen müssen früh gestellt werden. Wir müssen zukünftige Hausärzte schon vor ihrer Auswahl fördern, strukturierte Weiterbildungs-Curricula anbieten und Praxisassistenz ermöglichen.” Für die Zukunft der Facharztprüfung forderte Späth ein Multiple-Choice-Basisexamen nach drei Jahren, modulartige Prüfungen der Spezialfächer und eine laufende Überprüfung mittels mini-CEX/DOPS (Mini-Clinical Evaluation Exercice/Direct Observation of Procedural Skills).

Gatekeeper, Familienarzt und Gesundheitsmanager

Was die hausärztlichen Aufgaben der Zukunft betrifft, so nannte auch Prof. Dr. Andreas Sönnichsen, Facharzt für Allgemein- und Innere Medizin, Institut für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin, Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg, die Langzeitbetreuung chronisch Kranker und Polymorbider. „Schnittstellen-, Disease- oder Case-Management, leitliniengerechte Versorgung, Betreuung im Kontext von Familie und sozialem Umfeld, Koordination von ärztlicher Behandlung, Pflege und Rehabilitation sowie die Gewährleistung der Medikamentensicherheit sind zunehmend wichtige Aufgabenbereiche. So kann hausärztliche Therapie, wenn immer möglich und sinnvoll, evidenzbasiert sein, wir ersparen uns Labor- und Befundkosmetik und erzielen damit auch noch beträchtliche Einsparungen.” Für den Experten ist der Hausarzt der Zukunft vieles in einem: Gatekeeper, Koordinator, Gesundheitsmanager und Familienarzt.

Von Mag. Gabriele Vasak, Ärzte Woche 45 /2009

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