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Foto: Buenos Dias/photos.com
Achtsamkeits-praxis hat im Wensentlichen das Ziel, zu einer direkt wahrgenommenen Körperlichkeit zurückzufinden.
 
Allgemeinmedizin 28. Oktober 2009

Stressbewältigung durch Achtsamkeit

Der Geist lässt sich ebenso trainieren wie der Körper eines Sportlers.

Stress beeinträchtigt unsere Gesundheit und unsere Beziehungen. 75 Prozent aller Krankheiten entstehen auf Grund von Stress. Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Stress und Krebs, hohem Blutdruck, Herzinfarkt, Rückenleiden, Migräne, Magengeschwüren, Verdauungsproblemen, Immunschwäche und Verhaltensstörungen verschiedenster Art. „Eine der bestuntersuchten und nachhaltigsten stresslösenden Maßnahmen ist MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction)“, behauptet der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Otto Pichlhöfer.

 

Der Wiener Allgemeinmediziner hält seit vielen Jahren Seminare zu MBSR ab, einer Methode, die vor knapp 30 Jahren von Jon Kabat-Zinn entwickelt wurde. Kabat-Zinn ist Gründer und ehemaliger Direktor der Stress Reduction Clinic, Professor für Medizin an der Universität in Worcester, Massachusetts, sowie Direktor des Instituts für Achtsamkeit in Medizin, Gesundheitsvorsorge und Gesellschaft. Im Gespräch mit der Ärzte Woche skizziert Pichlhöfer die Grundlagen und Auswirkungen des Achtsamkeitstrainings.

 

Wie definieren Sie Achtsamkeit?

PICHLHÖFER: Achtsamkeit ist ein offenes, nicht urteilendes, aufmerksames, annehmendes Gewahrsein dessen, was im jeweiligen Augenblick passiert. Die Praxis der Achtsamkeit ist ein Weg, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen, es bewusst zu leben und seine Richtung zu bestimmen. Und sie ist ein Weg, auf das Leben zuzugehen, mit dem Leben direkten Kontakt aufzunehmen – das heißt, etwas für mich selbst tun, etwas, das niemand anderer für mich tun kann.

 

Wie kommt man vom Gewahrsein des Ist zum Steuern des Lebens?

PICHLHÖFER: Man kann die Dinge auf verschiedenen Ebenen betrachten. Das Achtsamkeitstraining ist ein Geistestraining, um aus unserem kognitiven Apparat ein besser funktionierendes Instrument zu machen. Viele Leute klagen über Zerstreutheit, Konzentrationsmangel, Schlafstörungen etc. – das bewirkt unser eigenes Denken, unser eigener Geist, und trotzdem fühlen wir uns diesem ausgesetzt. Ein erster Ansatzpunkt ist, zu erkennen, dass dies nicht so sein muss, dazu kommt der Wille, etwas zu verändern. So wie ein Sportler ein körperliches Training absolviert, lässt sich auch das Gehirn trainieren, um etwas zu verändern. Umgekehrt kann man auch fragen, wie man überhaupt in diese Lage gekommen ist, dass man mit dem eigenen Geist nichts tun kann, weil er herumschießt. Die Antwort lautet: Weil wir das geübt haben, indem wir uns ständig abgelenkt haben, über lange, lange Zeit – begünstigt durch die aktuellen Lebensumstände. Das heutige Leben ist speedy, und wir nehmen das bereitwillig an. Ein Preis ist die Zunahme von Angsterkrankungen etc.

 

Welche rationalen Daten existieren zu MBSR?

PICHLHÖFER: In den letzten 25 Jahren haben mehr als 30.000 Personen an über 200 Krankenhäusern ein MBSR-Training absolviert und es wurden über 100 wissenschaftliche Studien durchgeführt, die gezeigt haben, dass die Absolventen dieses Programms Folgendes in ihrem Leben beobachten konnten: Sie konnten leichter mit ungesundem Stress umgehen. Eine natürliche Entspannung stellte sich ein. Sie erlebten ein gesteigertes Wohlbefinden und mehr Lebensfreude, eine bleibende Verminderung an körperlichen und psychischen Beschwerden sowie eine deutliche Verringerung an chronischen Schmerzen und die Fähigkeit, damit besser umzugehen. Eine rezente, kürzlich im JAMA publizierte Studie (JAMA 2009; 302(12):1284-1293) mit gestressten, bornout–gefährdeten Allgemeinmedizinern bestätigt dies eindrucksvoll.

 

Können Sie bei Ihren Patienten konkrete Auswirkungen des Achtsamkeitstrainings beobachten?

PICHLHÖFER: Das Training geht über acht Wochen, die Treffen finden einmal pro Woche für 2-2,5 Stunden statt. In der sechsten Wochen ist eine ganztägige Sitzung vorgesehen. Die Leute sind angehalten, jeden Tag Achtsamkeitsübungen zu praktizieren. Wenn sie das tatsächlich tun, merkt man ab der sechsten Woche eine Veränderung, eine Transformation. Die erste Übung nennt sich Body-Scan, erfolgt im Liegen und ist eine geführte etwa 40 Minuten dauernde Meditation, wobei die Aufmerksamkeit durch den ganzen Körper gelenkt wird. Wir haben auch achtsame Körperübungen, Yoga-Übungen, Chi Gong etc. Im Wesentlichen geht es darum, Körperbewegungen mit einer mentalen Praxis zu begleiten. Die Achtsamkeitspraxis ist, zu einer direkt wahrgenommenen Körperlichkeit zurückzufinden.

Ab der zweiten Woche haben wir auch Meditation im Sitzen, wobei die Achtsamkeit in erster Linie auf den Atem gelenkt wird. Und dann noch Übungen, die in den Alltag eingeflochten werden, wo die Leute ihre Emotionalität beobachten sollen, oder Übungen, wo man sich ein bisschen Auszeit gönnt, um zu schauen, wie sich das Erleben ändert.

Die meisten Teilnehmer kommen mit dem Wunsch, ruhiger zu werden. Das ist wichtig und OK, kratzt aber die ganze Thematik nur an. Denn letztlich impliziert dieser Ansatz das Verständnis, dass unsere Wirklichkeit ganz wesentlich von unserer Wahrnehmung geprägt ist. Das Wahrgenommene entsteht aus einem Zusammenspiel von uns selbst und der Umwelt. Wenn wir lernen, uns das mit Hilfe eines etwas gesetzten Geistes genauer anzuschauen, kann das wirklich helfen, ein erfülltes Leben zu führen.

 

Man schaut genauer hin, fühlt genauer rein, man nimmt wahr, welchen Anteil man an der eigenen Geschichte hat und bekommt durch Achtsamkeit eine Möglichkeit, diese besser zu steuern – lässt sich das so zusammenfassen?

PICHLHÖFER: Das ist gut im Sinne von Patienten-Empowerment – das ist für mich ein sehr grundsätzliches Empowerment. In vieler Hinsicht ist der Lebenslauf mit einem selbst verflochten. Es ist ein positiver Weg, Schritte zu setzen. Viele unserer Denkmuster haben wir ja auch eingeübt, das ist passiert, war keine bewusste Entscheidung – durch Achtsamkeit kann man hinterfragen und eingreifen, ein bisschen etwas ändern.

 

Wo sehen Sie Zusammenhänge zwischen Achtsamkeit und Gesundheitsproblemen, beispielsweise mit Schmerzzuständen des Bewegungsapparates?

PICHLHÖFER: Es gibt einige Untersuchungen zu diesem Thema. Das Interessante ist: Die diversen Skalen bezüglich Schmerzintensität werden in den – relativ kurzen – Studien kaum beeinflusst. Allerdings werden Parameter zu Lebensqualität und Befindlichkeit besser. Das heißt, die Leute haben immer noch Schmerzen, es geht ihnen aber besser. Man kann nicht sagen, jetzt meditiere ich, dann geht der Schmerz weg. Aber die Reaktion darauf ändert sich.

Gehen Sie mit diesem Bewusstsein anders an Ihre Patienten heran?

PICHLHÖFER: Beim MBSR reden wir nicht viel darüber, denn das ist ein begrenztes Format. Aber man kann sagen, dass es in der Erst-Person-Erfahrung so etwas wie grundlegende Gesundheit gibt. Das ist kein definierter Körperzustand, sondern eine Erlebnisqualität – der Einklang von Körperlichkeit, Emotionalität und dem Selbst. Das Synchronisieren von Körper und Geist mit Hilfe der Achtsamkeitstechnik ist ein wesentlicher Schritt zu dem persönlichen Erleben von Gesundheit. Es ist vielleicht nicht nur die Technik, sondern auch die Einstellung, eine mutige Auseinandersetzung mit sich selbst, dass man sich nicht dauernd versteckt und ablenkt. Die grundlegende innewohnende Gesundheit zu entdecken, geht in Richtung Empowerment. Gleichzeitig bin ich nicht mehr verzweifelt, wenn ich jemanden nicht heilen kann, weil ich eine grundlegende Wahrnehmung des Ganzen habe.

Aufgrund ökonomischer Interessen wird dauernd etwas angeboten, was unrealistische Hoffnungen schürt – nicht dass es keine Hoffnung geben soll –, aber irgendwo gibt es immer jemanden, der Hoffnung verkauft. Wenn Sie wollen, ist der Achtsamkeitsansatz von innen her genau das Gegenteil – ein positives Annehmen der Realität. Es soll eine Akzeptanz dessen, was da ist, kultiviert werden und daraus die Kraft – und nicht aus der Vorstellung von einem Märchen.

 

Das Gespräch führte Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer

 

 www.mbsr.at

Kasten 1:
Veranstaltungstipp
Gemeinsam mit der GAMED organisiert Dr. Otto Pichlhöfer ein Seminar über Menla-Training. Der Titel des von 28.-29. November stattfindenden Kurses lautet „Die Essenz des Heilens – Einführung in Kontemplatives Heilen“. Die Mediziner Dr. Phil Weber und Dr. Christoph Klonik haben dieses Training für helfende Berufe entwickelt. Es vermittelt Voraussetzungen, um mit anderen Menschen empathischer umgehen zu können.
 www.gamed.or.at
Kasten 2:
Der Nutzen der Achtsamkeit
Eine Zusammenstellung von Gesundheitsproblemen, bei denen sich Achtsamkeit nachweislich günstig ausgewirkt hat.
• Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen
• Leistungsabfall und chronische Müdigkeit
• Schmerzzustände des Bewegungsapparates
• hoher Blutdruck und chronische Herzerkrankungen
• Schlafstörungen und sexuelle Funktionsstörungen
• Angst- und Panikerkrankungen
• Magen-Darm-Erkrankungen
• chronische Erkrankungen
• beruflicher und familiärer Stress
• Existenz- und Versagensängste

Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer, Ärzte Woche 44 /2009

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