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Foto: Intmed Com
Prof. Dr. Siegfried Meryn Facharzt für Innere Medizin und Leiter der Besonderen Einrichtung für medizinische Aus- und Weiterbildung, Medizinische Universität Wien
 
Allgemeinmedizin 22. Oktober 2009

Männer sterben früher und leiden mehr – aber warum?

6. World Congress on Men’s Health (WCMH): „Es braucht ein Männer-freundliches Gesundheitssystem.“

Der Begriff „Frauengesundheit” ist in aller Munde, doch wie ist es um die Gesundheit des „starken Geschlechts” bestellt? Selbst in der Meta-Datenbank PubMed existiert kein MeshTerm, der sich „Men‘s Health“ nennt. Angesichts statistisch belegter früherer Sterblichkeit und zeitigerem Ausbruch bedrohlicher Erkrankungen wie Myokardinfarkt, Insult und Krebs bei Männern sei es an der Zeit zu handeln, so der Tenor beim WCMH-Kongress.

 

Über 80 hochkarätige Vortragende aus 70 Ländern diskutierten mit rund 1.000 Teilnehmern über das Thema Männergesundheit. Die Eröffnungsrede von Kongress-Präsident Prof. Ridwan Shabsigh, Maimonides Medical Center in Brooklyn, New York, USA, stand im Zeichen von „Edutainment“ – einer Kombination aus „Education“ und „Entertainment“. Auf spielerische Weise wurde den Anwesenden eine zentrale Botschaft vermittelt: „Wer sich keine Zeit nimmt, um sich um seine Gesundheit zu kümmern, der muss Zeit haben, um krank zu sein.“

Demzufolge muss das Hauptaugenmerk auf den Lifestyle gerichtet werden. Ein Übermaß an schädlichem Lebenswandel resultiert in erektiler Dysfunktion. Diese wiederum begünstigt die Entstehung eines metabolischen Syndroms und in der Folge kardiovaskuläre Erkrankungen wie Myokardinfarkt und Insult. Daher muss es das vorrangige Ziel sein, den Mann gesund zu halten und Prävention sowie einen ausgewogenen Lebensstil zu propagieren. In einer Plenary Session widmeten sich fünf internationale Experten der Frage: Warum leben eigentlich Männer kürzer und leiden mehr als Frauen?

Die europäische Perspektive

Prof. Alan White von der Leeds Metropolitan University in England skizzierte die gesundheitspolitische Situation der Männer in Europa. Die Spannweite des zu erwartenden Lebensalter reicht von 80 Jahren in Island bis hin zu 65 Jahren in Litauen. Als Todesursache nehmen kardio-vaskuläre Erkrankungen stetig zu. Auch der Tod durch jegliche Karzinomformen ist im Vormarsch. Betrachtet man die Fünf-Jahres-Überlebensrate, so liegt diese für männliche Patienten um zwölf Prozent unter jener für weibliche. White: „Es gilt, das Gesundheitssystem für diese Unterschiede sensibel zu machen.“

Die amerikanische Perspektive

Prof. David C. Dodson von der Tufts University School of Medicine in Massachusetts stellte die Situation der amerikanischen Patienten dar. Schon ab dem Zeitpunkt der Zeugung sei der Mensch durch den Erhalt eines Y-Chromosoms – und somit als Mann determiniert – dazu verurteilt, früher zu sterben und mehr zu leiden als seine weiblichen Genossinnen. Männliche Feten sterben häufiger als weibliche, Buben sind mehr von kindlicher Sterblichkeit betroffen als Mädchen. Der Tod trifft von der Kindheit über die Jugend bis ins hohe Alter meist zuerst die Männer – unter anderem auch deshalb, weil sie häufiger in Unfälle involviert sind. Des Weiteren begehen um 40 Prozent mehr Männer Selbstmord als Frauen, und insgesamt leiden 13,5 Prozent mehr männliche Patienten an einer Krebserkrankung als weibliche. Dodson: „Zu fordern ist ein Männer-freundliches Gesundheitssystem, mehr Prävention und ein grundlegendes Verständnis für männliche Erkrankungen.“

Die asiatische Perspektive

Prof. Shigeo Horie von der Teikyo University in Japan verdeutlichte die derzeitige Situation in Asien. Die Gesundheitsgeheimnisse der Asiaten seien ihre ausgewogene, gesunde Ernährung sowie ihr Lebensraum, welcher Entspannung zulässt. Doch auch in Japan ist in den letzten 20 Jahren eine Zunahme der Adipositas zu verzeichnen. Daher gelte es, vermehrt die traditionelle Lebensweise fortzuführen, um die Gesundheit erhalten zu können. Eine große Anzahl an Suiziden und eine rasch steigende Inzidenz an Prostatakarzinomen tragen des Weiteren zur niedrigeren Lebenserwartung der Männer bei. Eines der großen Probleme in Asien ist die niedrige Zahl an ÄrztInnen. Auf 1.000 Einwohner entfallen in Japan nur 2,1 Mediziner, im europäischen Durchschnitt hingegen 3,1. Horie: „Hier ist großer Aufholbedarf gegeben.“

Die australische Perspektive

Prof. John MacDonald erläuterte die Situation der Männer in Australien, wo vor allem die Aborigines-Männer von einer sehr schlechten Ausgangslage betroffen sind.

Unter dem Begriff „Masculinity“ werden Behauptungen subsumiert wie: „Männer trinken zu viel Alkohol“, „Männer gehen zu selten zum Arzt“, „Männer machen zu wenig Bewegung“ und „Männer sind zu gewalttätig“. Es gelte daher vermehrt, die männliche Bevölkerung in ein positives Licht zu rücken und ihnen Chancen einzuräumen, sich zu entfalten und ihren Gesundheitsansprüchen nachgehen zu können. MacDonald: „Es braucht ein Männer-freundliches Gesundheitssystem.“

Die globale Perspektive

Eine globale Sicht der Situation bot Prof. Dr. Siegfried Meryn, Facharzt für Innere Medizin, Leiter der Besonderen Einrichtung für medizinische Aus- und Weiterbildung an der Medizinischen Universität Wien, Präsident der Internationalen Gesellschaft für Männergesundheit (ISMH) und WCMH-Initiator. Er betonte, dass das Geschlecht sehr wohl eine Rolle spiele, dass jede Zelle ihr Geschlecht habe und dass viele Unterschiede zwischen Frauen- und Männer-Gesundheit existierten, die erkannt und beseitigt werden müssten. Meryn verwies auf Studienergebnisse, wonach keinerlei biologische Faktoren ursächlich an der frühzeitigeren Sterblichkeit der Männer beteiligt sind. Sie sterben demnach also zeitiger, als sie müssten. Dadurch wird der Ruf nach der Etablierung eines Männer-freundlichen Gesundheitssystems nur noch stärker. Meryn: „Der Ausbau von Gesundheitseinrichtungen und Programmen für Männer muss gefördert werden, um die bestehende Lücke endlich schließen zu können.“

Zum Kongressende zeigte sich Meryn über das rege Interesse und den Besucherrekord begeistert. „Die Vorbereitungen für den 7. WCMH, der vom 15. bis 17. Oktober 2010 in Nizza stattfinden wird, laufen bereits auf Hochtouren!“

Von Dr. Mercedes Art, Ärzte Woche 43 /2009

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