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Foto: Buenos Dias/photos.com / Ärzte-Woche-Montage
Zwei gut integrierte Obstarten mit Migrationshintergrund (Ananas und Paprika). Vielfalt bringt Lebendigkeit – das gilt nicht nur für den Obstkorb.
 
Allgemeinmedizin 23. September 2009

Bereichernde Vielfalt

Menschen mit Migrationshintergrund richtig begegnen.

Menschen aus anderen Kulturkreisen haben letztlich ähnliche oder dieselben Bedürfnisse beim Arzt wie Menschen, die ihre Herkunft in Österreich haben. Kultursensible Aspekte sollten freilich beachtet und respektiert werden.

 

„Es ist keine Frage, dass sich die Gruppe der Personen, die zum Allgemeinmediziner kommen, in Hinblick auf ihre Herkunft in den letzten 15 Jahren in ihrer Zusammensetzung verändert hat“, erklärt Dr. Barbara Degn, Ärztin für Allgemeinmedizin in Wien, weshalb Organisation und Abläufe innerhalb der Ordination dieser Entwicklung Rechnung tragen sollten. „Dabei gibt es einen sehr wichtigen Grundsatz: Menschen mit Migrationshintergrund sind Patienten wie alle anderen. Sie kommen zu uns mit ihren gesundheitlichen Problemen und Wünschen und brauchen unser Zuhören, unsere Zuwendung und medizinische sowie menschliche Kompetenz.“

Dies sollte der Arzt auch deutlich gegenüber anderen Patienten vertreten, die vielleicht Anstoß an Menschen im Wartezimmer nehmen, die aufgrund ihrer Sprache oder Kleidung einem bestimmten Kulturkreis zugeordnet werden. Damit würden gleichzeitig entsprechende Vorurteile und von Klischees geprägte Werthaltungen ansgesprochen.

Degn: „So wie in viele andere Ordinationen auch kommen zu uns mehr Menschen mit Migrationshintergrund. Dies ist nicht nur auf den städtischen Bereich beschränkt. Die Lebensgeschichten dieser Menschen, die Vielfalt in Hinblick auf kulturelle Erfahrungen, die konkrete Lebenssituation – all das ist, wie bei jedem Patienten – sehr spannend und bereichernd.“

Sprach- und Kulturbarrieren behutsam begegnen

Auch Menschen aus Österreich können von Schicksalsschlägen gezeichnet sein, Probleme am Arbeitsplatz oder im Zusammenleben mit anderen Menschen haben. Bei Menschen mit Migrationshintergrund sind Flucht und teils unvorstellbare Lebensumstände sehr oft starke Komponenten. „Natürlich stellt eine andere Sprache in gewisser Weise eine Barriere dar. Persönlich berührt mich das Schicksal von Frauen, die oft Analphabetinnen sind und, obwohl sie schon jahrelang in Österreich leben, wenig oder kaum Deutsch sprechen.“ Degn verweist darauf, dass in immer mehr Ordinationen Mitarbeiter einbezogen werden, die selbst verschiedene Sprachen beherrschen oder einen Migrationshintergrund in der Familiengeschichte mitbringen. Wichtig könne es zudem sein, zu bestimmten Zeiten einen Dolmetsch zur Verfügung zu haben. „Es kann beispielsweise“, so Degn, „äußerst schwierig sein, mit einer Frau aus dem islamischen Kulturkreis über Depressionen zu sprechen, die bei ihr vermutet werden. Dafür fehlen oft die entsprechenden Worte in der Herkunftssprache oder die Vorstellung, dass es ‚so etwas‘ überhaupt gibt.“

Veränderungen im Ablauf einer Ordination können sich auch dadurch ergeben, dass es etwa sehr große Widerstände geben kann, wenn eine Ärztin einen arabischen Mann rektal untersuchen soll. Oder ein männlicher Arzt eine Frau medizinisch durchleuchtet und sie sich dabei zumindest teilweise entkleiden muss. Wichtig sei, dies auf keinen Fall zu ignorieren oder es lächerlich zu machen, betont Degn: „Auch Österreicher haben ja teils sehr genaue Vorstellungen darüber, wie sie vom Arzt behandelt werden wollen. Es kann also wichtig sein, vorausschauend dafür zu sorgen, dass ein Patient mit einer Begleitung kommt, die dann während der Diagnose oder Therapiemaßnahmen anwesend ist.“ Sowohl in Hinblick auf den Abbau der Sprachbarriere als auch, um auf Unterschiede in der Lebenskultur behutsam eingehen zu können.

Zeit und Zuwendung ist unabhängig von Herkunft

Des Weiteren, so Degn, kann es wichtig sein, einen Untersuchungstermin, die Besprechung von Befunden oder therapeutische Maßnahmen in Zeiten zu legen, die außerhalb des stressigen Routinebetriebs liegen, wie etwa in die Vormittagsordination. Zeit und Zuwendung ist für die Allgemeinmedizinerin aber natürlich keine Größe, die mit einer bestimmten Herkunft zu tun hat.

„Wünschenswert wäre, wenn es mehr Institutionen wie etwa das Wiener Frauengesundheitszentrum F.E.M. gebe, die auch Gesundheitsförderungsprojekte speziell für Menschen mit Migrationshintergrund anbieten und bei besonders schwierigen gesundheitlichen Situationen eine Anlaufstelle sein können“, so Deng. „Vielfalt ist in jeder Hinsicht eine Chance, bringt mehr Lebendigkeit und neue Perspektiven. Manchmal ist es nötig, sich bestimmte Strategien zu überlegen, wie mit Sprachbarrieren oder Unterschieden in der Lebenskultur und der Konzeption von Gesundheit und Krankheit umgegangen werden kann. Im Grundprinzip geht es um eine Haltung, die bei allen Patienten angesagt ist, die von Wertschätzung und Interesse geprägt ist.“

 

 Linktipps

Mehrsprachig aufbereitete Informationen rund um das Themenfeld Gesundheit finden sich unter anderem hier:

www.diesie.at/publikationen/broschueren

www.migesplus.ch

www.infodienst.bzga.de

www.medknowledge.de/migration/migration.htm

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher , Ärzte Woche 39 /2009

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