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Foto: Archiv-WMW Skriptum
Priv.-Doz. Dr. Michael Damm Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde Klinikum der Universität zu Köln
 
Allgemeinmedizin 16. September 2009

Riechen Blinde wirklich besser?

Ein oft behauptetes Phänomen ist „nur“ ein Trainingseffekt.

Fällt bei Menschen ein Sinnesorgan aus, soll es zu einer Steigerung der verbleibenden sensorischen Funktionen kommen. Blinden Personen wird daher ein überdurchschnittlich guter Hör-, Tast- und Riechsinn nachgesagt. Was ist an dieser oft gehörten Behauptung wirklich dran?

Fällt bei Menschen ein Sinnesorgan aus, soll es zu einer Steigerung der verbleibenden sensorischen Funktionen kommen. Blinden Personen wird daher ein überdurchschnittlicher Hör-, Tast- und Riechsinn nachgesagt. Eines der bekanntesten Beispiele aus der Historie ist der blinde französische Benediktinermönch Dom Pérignon, der mit seinem hervorragenden Riechvermögen den Champagner erfunden haben soll. Murphy und Cain berichteten in einer Studie an 20 Blinden über eine bessere Duftidentifikationsleistung im Vergleich mit einer sehenden „matched pairs“ Kontrollgruppe. Bislang wurde dieses Phänomen zumeist an relativ kleinen Stichproben überprüft. In einer prospektiven Studie haben wir das Riechvermögen an einer repräsentativen Gruppe von Blinden untersucht.

Untersuchung der Riechschwelle

In die Untersuchung wurden 50 männliche Personen (Durchschnittsalter: 37 Jahre) eingeschlossen, die entweder seit Geburt oder bereits seit mehreren Jahren erblindet waren oder nur einen minimalen Restvisus aufwiesen. Die Riechleistung wurde mit dem Sniffin’Sticks-Test Stufe 2 untersucht. Bei diesem Testverfahren werden die Riechschwelle, das Duftdiskriminationsvermögen und die Duftidentifikationsleistung bestimmt. Die Riechschwelle wurde mit dem „Rosenduft“ Phenylethylalkohol (PEA) untersucht. Beim Schwellentest werden den Probanden nacheinander drei Stifte angeboten. Einer dieser Stifte enthält den Duftstoff, die anderen beiden nur das geruchlose Lösungsmittel. Die Testperson muss den riechenden Stift identifizieren (tripple forced choice-Technik). Solange sie dazu nicht in der Lage ist, wird die Konzentration schrittweise erhöht. Die Riechschwelle entspricht dem Mittelwert der letzten vier Umschlagspunkte zwischen richtigen und falschen Antworten. Der Diskriminationstest prüft die Fähigkeit, Düfte zu unterscheiden.

Den Versuchspersonen wurden jeweils drei Stifte angeboten, von denen zwei gleich und einer anders riecht, der gefunden werden muss. Beim Identifikationstest werden insgesamt 16 verschiedene Düfte präsentiert. Normalerweise werden den Probanden Testkarten mit vier Antwortmöglichkeiten vorgelegt, diese wurden hier den Studienteilnehmern vom Untersucher vorgelesen. Das Testergebnis wird zu einem Summenwert (SDI-Score) zusammengefasst. Neben der subjektiven Olfaktometrie wurde ein HNO-Status mit Endoskopie der Riechspalte, eine standardisierte Anamnese sowie eine Selbsteinschätzung des Riechvermögens durchgeführt. Als Kontrollgruppe durchliefen norma lux Probanden ohne Dysosmie als „machted pairs“ (für Geschlecht und Alter) das gleiche Untersuchungsprogramm. Um identische Testbedingungen zu schaffen, wurden die Kontrollgruppe für den gesamten Sniffin’Sticks-Test mit einer Schlafmaske verblindet. Zur statistischen Analyse wurden Korrelationsanalysen und verschiedene Gruppenvergleiche mit T-Tests durchgeführt.

Blind versus sehend

Die meisten blinden Probanden schätzten ihr Riechvermögen als gut oder ausgezeichnet ein. Der Mittelwert des SDI-Scores lag bei 36,5. Die Subtests der Riechschwelle bei 9,1, der Diskrimination bei 13,3 und der Identifikation bei 14,2 Punkten. In den beiden untersuchten Kollektiven gelang es, 42 „matched pairs“ zu bilden. Die vorgenannten Ergebnisse der Blinden unterschieden sich nicht oder nur geringfügig von der sehenden Kontrollgruppe. Keine der miterfassten anamnestischen Faktoren stand in Relation zur Riechleistung im Sniffin’Sticks-Test. Die Riechleistung korrelierte weder mit dem Restvisus noch der Dauer der Blindheit. Die Subgruppen „Blind seit Geburt“ oder „Visus 0,0“ unterschieden sich nicht von den Patienten mit geringem Restvisus oder Normalux. Auch die subjektive Einschätzung des eigenen Riechvermögens zeigte keinen Unterschied zur alters- und geschlechtkorrelierten Kontrollgruppe.

Trend zu besserer Diskrimination

Blinde riechen im Sniffin’Sticks-Test nur „normal“ und schätzen ihr Riechvermögen nicht besser ein. Die eingangs erwähnte Studie von Murphy und Cain verwendete einen vergleichbaren n-Butanol Schwellentest, aber einen deutlich mehr Duftstoffe beinhaltenden Identifikationstest (80 Items (!) im Vergleich zu 16 Items im Sniffin’Sticks-Test).

In der vorgenannten Studie war die Duftidentifikationsleistung bei den blinden Studienteilnehmern signifikant besser, die Riechschwelle war hingegen schlechter als bei der Kontrollgruppe. Bei den Sniffin’Sticks-Subtests zeigten die hier untersuchten Blinden ebenfalls im Trend (p< 0,1) eine bessere Identifikation, die Mittelwerte unterschieden sich jedoch klinisch nicht markant (Subtest-Score: Blinde: 14,17 versus Kontrollen: 13,68). Möglicherweise benötigt man eine größere Anzahl von Duftstoffen, um die Stärken blinder Personen in überschwelligen Tests deutlicher zu erkennen. Sowohl die Riechschwelle als auch das Duftstoffunterscheidungsvermögen waren hingegen in unserer Kontrollgruppe geringfügig besser als bei den hier untersuchten Blinden.

Zusammenfassend gehen wir daher jetzt in Übereinstimmung mit den Ergebnissen früherer Studien davon aus, dass die Riechschleimhaut von Blinden keine höhere Empfindlichkeit besitzt. Möglicherweise sind Blinde jedoch durch den Wegfall optischer Informationen bei der Erkennung von Gerüchen geübter als Normalsehende. Hierbei könnte es sich um einen Trainingseffekt handeln, da diese Riechleistung bei Lebensmittel- oder Trinkwasserkontrolleuren noch ausgeprägter als bei blinden Personen ist. Der eigentlich positive Mythos über „geschärfte Restsinne“ trifft daher für den Riechsinn blinder Menschen nicht oder nur in Form eines Trainingseffektes zu.

Der Originalartikel inklusive Literaturquellen ist nachzulesen im Magazin Skriptum Kongressjournal 9/2009.

© Springer-Verlag, Wien

Von PD Dr. Michael Damm, Dr. Jan-Christoffer Lüers, Dr. Sebastian Beyer, Dr. Julia Vent und Prof. Dr. Karl-Bernd Hüttenbrink, Ärzte Woche 38 /2009

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