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Allgemeinmedizin 14. Juli 2009

Neue Schmerztherapie: Gemeinsam statt einsam

Trotz Bemühungen klaffen Lücken zwischen Diagnose und Therapie bei Schmerzpatienten auf.

Mit einem Curriculum Schmerztherapie setzt die Schmerzgesellschaft neue Impulse für die Diagnose und Behandlung von Schmerzpatienten. Nach wie vor bestehen in diesem Bereich zahlreiche Mängel und eine deutliche Unterversorgung der Betroffenen, was durch eine neue Ausbildung behoben werden soll.

 

In Österreich leiden etwa 20 Prozent der Menschen an chronischen Schmerzen, im Durchschnitt über mehrere Jahre. Besonders betroffen sind ältere Menschen. „Laut einer aktuellen Erhebung in mehreren europäischen Ländern leiden mehr als 50 Prozent der zu Hause Lebenden und mehr als 80 Prozent der Bewohner von Pflegeheimen an Schmerzen“, stellt Prim. Dr. Christian Lampl, Sekretär der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) fest. In der Gruppe der über 50-Jährigen haben bereits 43 Prozent chronische Schmerzen. Bei den über 65-Jährigen sind mehr als 50 Prozent betroffen, von den über 74-Jährigen berichten sogar rund 75 Prozent von chronischen Schmerzen. Trotz vieler Fortschritte in der Schmerzmedizin gibt es also noch viel zu tun, vor allem hinsichtlich der frühzeitigen adäquaten Wahrnehmung und Diagnose.

Konsumentenschutz

Bei der Tagung der ÖSG im Mai in Linz wurde das von dieser Fachgesellschaft entwickelte Curriculum „Spezielle Schmerztherapie“ vorgestellt, das bereits über 100 Ärzte absolviert haben. „Das ist ein echter Durchbruch in der interdisziplinären schmerzmedizinischen Ausbildung und ein Plus an Konsumentenschutz für unsere Patienten“, freut sich der Past-ÖSG-Präsident Dr. Michael Bach (derzeitiger Präsident ist Prof. Dr. Wilfried Ilias; siehe Interview auf Seite 21). Das erworbene Wissen hat nachhaltigen Einfluss auf die Teilnehmer: Sie begreifen den chronischen Schmerz als bio-psycho-soziales Phänomen, sie anerkennen deshalb die Notwendigkeit einer interdisziplinären Schmerztherapie, und sie können mit Kollegen über die Grenzen ihres Fachgebietes hinaus kommunizieren und kooperieren. Bach: „Das ist leider keine Selbstverständlichkeit, denn Schmerzbehandlung wurde im traditionellen Medizinstudium stets im Rahmen einzelner Fächer gelehrt. Das ändert sich erst jetzt.“ Außerdem dürfe man unter dem Begriff Interdisziplinarität nicht bloß die Kooperation unterschiedlicher Fachärzte verstehen, dazu gehöre ebenso die Integration anderer Berufsgruppen, wie zum Beispiel aus den Bereichen Pflege, Psychologie oder nichtärztliche Psychotherapie. Bislang verstünden sich zu viele Ärztinnen und Ärzte in der Schmerztherapie als Einzelkämpfer. Dies führe immer wieder dazu, dass Patienten von einem Arzt zum anderen gehen und verschiedenste – teils auch obskure – Therapieansätze austesten. Diese teils über Jahre andauernden Patientenkarrieren verursachten hohe Kosten im Gesundheitswesen.

Nächster Schritt: Gütesiegel für Schmerztherapie

Ein weiterer Schritt zur Optimierung der Diagnose und Behandlung von Schmerzpatienten war die zuletzt erfolgte Entwicklung von Strukturqualitätskriterien durch die ÖSG gemeinsam mit dem Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG): Entstehen soll ein Gütesiegel, das Institutionen der Schmerztherapie als qualitätsvoll ausweist. Grundlage ist das abgestufte ÖBIG-Versorgungskonzept, also Schmerzpraxis, Schmerzambulanz, Schmerztagesklinik, Schmerzklinik – jeweils interdisziplinär. Bach: „Hier ist allerdings noch einiges zu tun, denn die von der ÖSG und vom ÖBIG formulierten und publizierten Kriterien sind leider noch nicht verbindlich.“

Ähnliches gilt für die von der ÖSG ausgearbeiteten Qualitätskriterien für interdisziplinäre Schmerzkonferenzen – Ziel ist die Sicherstellung der Vernetzung von Ärzten, die mit chronischen Schmerzpatienten zu tun haben.

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 28 /2009

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