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Allgemeinmedizin 15. Oktober 2008

Die „Pille“ für den Mann in sieben Jahren?

Ein Implantat soll es Männern in wenigen Jahren ermöglichen, erstmals – abgesehen von Kondom und Vasektomie – aktiv an der Schwangerschaftsverhütung zu partizipieren. Dies könnte wesentlich zur Reduzierung unerwünschter Schwangerschaften beitragen.

„Eine Frau, die zwei Kinder möchte, verwendet fünf Jahre ihres Lebens auf den Versuch, schwanger zu werden, auf Schwangerschaft und Geburt“, leitete Dr. Sharon Camps vom amerikanischen Alan- Guttmacher-Institute ihren Vortrag anlässlich des World Contraception Day 2008 in London ein. „Und dreißig Jahre bemüht sie sich, eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern.“
Dies gelingt mit durchaus unterschiedlichen Resultaten: Weltweit kommt es jedes Jahr bis zu 80 Millionen ungewollten Schwangerschaften (Zahl der Schwangerschaften liegt bei insgesamt 210 Millionen pro Jahr). 58 Prozent der ungewollten Graviditäten werden durch einen Schwangerschaftsabbruch beendet. In Europa liegt die jährliche Rate von ungewollten Schwangerschaften bei neun Millionen. 90 Prozent dieser Schwangerschaften in Osteuropa und 64 Prozent in Westeuropa werden durch eine Interruptio abgebrochen. Eine der häufigsten Ursachen für unerwünschte Graviditäten liegt auf der Hand: „Zwei Drittel aller ungeplanten Schwangerschaften entstehen, weil keine Verhütungsmittel verwendet werden“, zeigt Camps das Hauptproblem auf.
In den Industrienationen ist der Zugang zu wirksamen Verhütungsmitteln mittlerweile zwar einfach geworden, jedoch unterschätzen viele Frauen die Möglichkeit, schwanger zu werden. Zu ungeplanten Schwangerschaften kommt es in diesem Teil der Welt einfach deshalb, weil „Frauen glauben, ohnehin nicht schwanger werden zu können und weil sie Angst vor Nebenwirkungen der Verhütungsmittel haben. Ein kleinerer Teil hat auch Schwierigkeiten, Verhütungsmittel zu erwerben“, fasste Sharon Camps zusammen. Sie forderte deshalb eine bessere Aufklärung über Sexualität und Schwangerschaft und – dies gilt vor allem für die sogenannten Entwicklungsländer – „einen deutlich leichteren Zugang zu Verhütungsmitteln.“ So kommt es in Afrika jedes Jahr zu 40 Millionen Schwangerschaften – 30 Prozent davon sind unerwünscht. (siehe Unerwünschte Schwangerschaften weltweit). Nur rund 30 Prozent der afrikanischen Bevölkerung verfügt über die Möglichkeit, Verhütungsmittel zu erwerben. 4,8 Millionen der so entstandenen unerwünschten Schwangerschaften werden abgebrochen. Die Bedingungen, unter denen diese Abtreibungen stattfinden, sind zum Großteil äußerst besorgniserregend schlecht, da in den meisten Ländern des Kontinents Abbrüche verboten sind.

Werkzeug Sexualerziehung

„Wir haben ein Werkzeug, um diese Situation dauerhaft zu verändern“, hielt Dana Hovig von der Hilfsorganisation Mary Stopes International in seinem Vortrag fest: „Und dieses Werkzeug heißt Verhütung und Sexualerziehung.“ (siehe Mary Stopes International). Die Sexualerziehung muss dabei der jeweiligen Kultur angepasst sein. Sie spielt eine Schlüsselrolle im Umgang mit Sexualität und Schwangerschaft.
Wird der Aufklärung zu wenig Raum geboten, steigen die unerwünschten Schwangerschaften – besonders unter Teenagern. Dies zeigt sich deutlich an der immer noch hohen Rate an Teenagerschwangerschaften in den USA und Großbritannien. Weltweit ist die Rate an unwillkommenen Schwangerschaften in der Altersgruppe zwischen 20 und 24 Jahren am höchsten. „Am niedrigsten ist diese Quote hingegen in Holland und Belgien“, erläuterte Prof. Dr. Jean-Jacques Amy von der European Society of Contraception and Reproductive Health in Belgien. Die Ursachen hierfür sind in der frühen und umfassenden Sexualerziehung der Kinder und Jugendlichen zu suchen sowie im einfachen Zugang zu Verhütungsmitteln und zum Schwangerschaftsabbruch. „Dabei ist zu bemerken, dass die Abtreibungen in diesen Ländern seit mehreren Jahren zurückgehen“, erläuterte Amy.
„Junge Frauen sind heute einem großen Druck ausgesetzt“, sagte Popsternchen Kelly Osbourne in ihrem Statement. „Meine Botschaft in Bezug auf Verhütung ist einfach: Es ist dein Leben, es ist dein Körper, und es ist deine Entscheidung.“ Osbourne ist die Botschafterin des Weltverhütungstages 2008. Sie rät allen Jugendlichen: „Sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, sprich mit deinem Partner und entscheide dich dann für die beste Methode der Verhütung.“ Was in der Theorie wunderbar klingt, scheint sich in der Praxis noch lange nicht durchgesetzt zu haben. In einer aktuellen Facebook-Umfrage, für die 1.000 Personen zwischen 18 und 24 Jahren befragt wurden, gaben 50 Prozent an, bereits ungeschützten Sex gehabt zu haben.

Erschreckende Defizite

In Österreich werden keine Zahlen zu Schwangerschaftsabbrüchen erhoben. Schätzungen gehen aber von 30.000 bis 40.000 Abbrüchen pro Jahr aus. Im Wiener Ambulatorium Gynmed werden Frauen, die zum Schwangerschaftsabbruch kommen, zur Ursache ihrer unerwünschten Schwangerschaft befragt. Dabei gaben immerhin 35 Prozent der Frauen zwischen 20 und 35 Jahren an, keine Verhütung verwendet zu haben. Die Gründe waren teilweise alarmierend, so etwa, „dass ihnen Verhütung egal sei“, sagte der Gynäkologe DDr. Christian Fiala, Leiter des Gynmed-Ambulatoriums in Wien, in dem Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden. „Das Wissen der Erwachsenen über Verhütung und Fruchtbarkeit in Österreich ist erschreckend gering“, so Fiala im Interview. Er sieht vor allem Defizite in der Aufklärung über Verhütung und Sexualität, und hier besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

„Es ist Deine Wahl!“

Um dieses Wissen zu verbessern und Kampagnen zu Sexualaufklärung ins Leben zu rufen, stand der Weltverhütungstag 2008 unter dem Motto „Dein Körper, dein Leben, deine Entscheidung!“ So soll etwa mithilfe einer speziellen Kampagne für Angehörige des Gesundheitswesens sichergestellt werden, dass Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Familienberatungsstellen ausreichend über den World Contrazeption Day informiert sind (mehr zum Weltverhütungstag auf www.your-life.com).

Beim „ersten Mal“ leichtsinnig

Seit Einführung der ersten „Antibabypille“ im Jahr 1961 hat sich das Angebot an wirksamen Kontrazeptiva vervielfacht. Heute stehen – dies gilt vor allem für die industrialisierte Welt – Frauen von diversen „Pillen“ über Verhütungsringe bis hin zu Implantaten und Spiralen eine breite Palette an Verhütungsmitteln zur Verfügung. Trotzdem wenden 47 Prozent aller Europäer keine Verhütungsmethoden an, wenn sie zum ersten Mal mit einem neuen Partner intim werden.
Eine Antwort auf dieses Dilemma könnte die Entwicklung noch sicherer und nebenwirkungsärmerer Verhütungsmittel sein. Davon zeigte sich zumindest Dr. Régine Sitruk-Ware, Executive Director of Research and Development am Population Council‘s Center of Biomedical Research in New York, überzeugt: „Wir forschen derzeit beispielsweise an Pillen mit natürlichem Östrogen.” Ein besonders interessantes Forschungsgebiet des Population Council betrifft die erste hormonelle Verhütung für den Mann. In rund sieben Jahren soll M.E.N.T. auf den Markt kommen, ein „Hormonimplantat, ähnlich jenem, das für Frauen bereits am Markt ist“. Auch wenn die Funktionsweise des Implantats für den Mann schon bekannt ist, der Weg zur Zulassung ist noch lang: „Dies erfordert umfangreiche Studien, aber auch eine ausgefeilte Argumentation für die Zulassungsbehörden“, erläuterte Sitruk-Ware.

Schöne neue „Pillenwelt“

Für Frauen soll es in den nächsten Jahren einen „Skin-Spray“ geben, der – auf die Haut aufgetragen – für eine wirksame und sichere hormonelle Verhütung sorgen soll. Dazu sollen Vaginalringe kommen, die nicht nur für einen Monat, sondern bis zu einem Jahr getragen werden können. „Zusätzlich arbeiten wir an Ringen, die zusätzlich mit antiviralen Substanzen beschichtet sein werden und so auch vor HIV schützen können“, warf Sitruk-Ware einen weiteren Blick in die Zukunft.
Mit dem Weltverhütungstag soll das Bewusstsein für Sexualität und Verhütung verbessert werden. Die Unterstützer dieses – vom Pharmaunternehmen Bayer-Schering ins Leben gerufenen – Programms wollen auch daran arbeiten, den Zugang zu Verhütungsmitteln in jenen Ländern zu verbessern, in denen Frauen und Männer heute wenig bis gar keine Möglichkeit einer wirksamen Schwangerschaftsverhütung haben.
„Wenn alle Frauen Zugang zu wirksamen Verhütungsmitteln hätten, würden die unerwünschten Schwangerschaften um 52 Millionen pro Jahr zurückgehen“, hielt Sharon Camps fest.

 Unerwünschte Schwangerschaften weltweit

Sabine Fisch, Ärzte Woche 42/2008

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