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Allgemeinmedizin 14. Oktober 2008

Optimierung des Bluteinsatzes

Der Bedarf an Blutkonserven steigt stetig, gleichzeitig sinkt aber die Bereitschaft zum Spenden. Nach wie vor werden Potenziale zur Verhinderung von Fremdblutransfusionen geortet.

Bei der Jahrestagung der europäischen Transfusionsmediziner in Düsseldorf im September wurde einmal mehr auf den stark steigenden Blutbedarf hingewiesen, dem eine sinkende Spendenbereitschaft vor allem jüngerer Menschen gegenüber steht. Dr. Eva Menichetti, medizinische Leiterin der für Wien, Niederösterreich und Burgenland zuständigen Blutspendezentrale des Roten Kreuzes verweist auf einen Trend, der sich im ganzen Bundesgebiet widerspiegelt: 1958 wurden in dieser Region 12.000 Blutkonserven geordert – Transplantationschirurgie war damals noch Zukunftsmusik. An der Jahrtausendwende waren es über 200.000 und derzeit sind es etwa 174.000 (in ganz Österreich: etwa 460.000). „Zwei Faktoren sind dafür maßgeblich, die flächendeckende Einführung der Blutdepots und damit eine radikale Senkung des Verwurfs sowie viele Änderungen bei den Operationstechniken“, sagt Menichetti.
In den vergangenen Jahren stieg der Bedarf für Blutkonserven wieder um drei bis vier Prozent. „Aber es wird schwieriger, junge Menschen zum Blutspenden zu bewegen“, so Menichetti. Früher haben Arbeitgeber einen halben oder ganzen Tag nach einer Blutspende frei gegeben.
Auch Johann Kurz verweist auf die vielen Maßnahmen zur Reduktion von Fremdbluttransfusionen in Österreich. Er ist Leiter der „Blutkommission“ des Gesundheitsministeriums, die verantwortlich ist für die ausreichende Versorgung mit Spenderblut. „Noch vor drei Jahrzehnten gab es Verwurfraten bei Blutkonserven von bis zu 50 Prozent“, erzählt der Ministerialrat, „heute liegt die Rate bei etwa drei Prozent.“ Aber: In Österreich werden jährlich durchschnittlich 54 Blutkonserven pro 1.000 Einwohner benötigt. Im europäischen Vergleich liegt die Alpenrepublik damit im oberen Drittel – in Dänemark sind es 70. Kurz: „Es wird zur langfristigen Sicherstellung der Versorgungslage nötig sein, dass in Österreich zumindest der Wert von Frankreich erreicht wird. Dieser liegt bei 30 Konserven pro 1.000 Einwohner.“

Alles Nötige getan?

Dr. Christian Cebulla ist Leiter des Arbeitskreises „trans:fusion“ mit Mitgliedern aus allen Häusern des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV). „Seit 1999 haben wir in unseren Spitälern durch ein Bündel an Maßnahmen etwas mehr als ein Drittel des Blutkonserven-Verbrauchs einsparen können.“ Dazu zählten etwa eine bessere Koordinierung und ein Austauschprogramm für die Blutreserven der KAV-Spitäler, Fortbildungsangebote für Ärzte und Pflegepersonal und die Erarbeitung einer Leitlinie zum Thema Transfusion. „Ein wesentlicher Punkt ist, dass bei jedem Patienten individuell geprüft wird, wie viel Blut er tatsächlich benötigt“, so Cebulla.
Die Einsparungsmöglichkeiten seien heute deutlich geringer, schon allein deshalb, „weil im Bereich der Onkologie wieder stärker auf Blutkonserven als Alternative zum Erythropoietin gesetzt wird.“ Und: Bei nicht planbaren Eingriffen seien die Möglichkeiten zum Blutsparen sehr eng gesetzt.
Zu überlegen sei, ob bei Lieferengpässen im Sinne eines Risikomanagements Blutkonserven aus anderen europäischen Ländern eingesetzt werden sollen. „In Deutschland gibt es ähnliche Regelungen wie in Österreich, etwa beim Ausschluss bestimmter Spendergruppen und bei der gründlichen Prüfung der Blutspenden.“ Vom niedergelassenen Bereich wünscht sich Cebulla ein präoperatives Anämiemanagement, „damit Patienten bereits unter optimierten Bedingungen in eine geplante Operation gehen“.

Studie zum Blutmanagement

Menichetti hält es für wichtig, dass Maßnahmen zum Blutsparen wie in den Wiener Spitälern in ganz Österreich umgesetzt werden und gleichzeitig das Thema Blutspenden wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein gebracht wird. „Es muss eine freiwillige Leistung bleiben, die durchaus auch mit dem Anreiz verbunden werden kann, etwas über die eigene Gesundheit zu erfahren. Wobei darauf zu achten ist, Haus- und Laborärzten nicht ‚Konkurrenz‘ zu machen.“ Gerade auch diese Mediziner sollten auf die Wichtigkeit des Blutspendens hinweisen. Das Motto: Der Spender könnte eines Tages zum Empfänger werden.
„In vielen Spitälern wurden sicher etliche Maßnahmen zum optimalen Einsatz von Blutprodukten umgesetzt. Aber es gibt in Österreich noch immer genug Potenzial zur Verringerung des Blutverbrauchs“, meint Kurz, der sich auf diese Weise einen Ausgleich zu den ausbleibenden Spenden erhofft. Nötig sei ein Paradigmenwechsel vom Gedanken des Sparens zum Patientenblutmanagement, beginnend mit der Behandlung einer vor der Operation bestehenden Blutarmut über die Verminderung des Blutverlusts bis zur optimalen Indikationsstellung zur Bluttransfusion.
Anknüpfend an die österreichische Benchmarkstudie aus dem Jahr 2005 soll nun in allen Spitälern stärker auf die Umsetzung von Maßnahmen geachtet werden, wie sie heute in den KAV-Häusern Standard sind. Eine neue Studie soll analysieren, was sich in den letzten drei Jahren verändert hat.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 42/2008

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