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Allgemeinmedizin 10. Oktober 2008

Süchtig nach Online-Welten

1996 hatten nur etwa vier Prozent der österreichischen Haushalte einen Zugang zum Internet, aktuell sind es über 71 Prozent, Tendenz stark steigend. „Bereits 1995 wurde in den USA der Begriff der ‚online addiction‘ geprägt“, berichtet Dr. Hubert Poppe vom Wiener Anton-Proksch-Institut, wo es auch eine eigene Ambulanz für Internet- und Computerspielsucht gibt.

„Die notwendige Hard- und Software, um das Internet nutzen zu können, ist in den letzten Jahren wesentlich billiger geworden und die Verbindungsgeschwindigkeiten um ein Vielfaches schneller“, erklärt Poppe. War früher eher intensives Chatten im Internet ein relevantes Problem, sind ist es nun eher Onlinespielsucht, spätestens seitdem im Jahr 2006 ein Rollenspiel online gegangen ist, das mittlerweile weltweit über 13 Millionen Nutzer haben soll. „Das ist eine faszinierende Parallelwelt: Sehr schnell bekommt man Erfolgserlebnisse, und Fehler können dort relativ rasch wieder zum Positiven gewendet werden. Es ist möglich, ein künstliches ‚Ich‘ – einen Avatar – zu kreieren, bei dem vermutete eigene Schwächen in Hinblick auf Aussehen, Alter, körperliche Stärke, gesellschaftliche Position, soziales Ansehen usw. keine Rolle mehr spielen.“
Diese Eigenschaften können auch im Chat mit den anderen Spielern genutzt werden. Bei aktuellen Online-Rollenspielen ist die Funktion des Chattens mindestens genauso wichtig wie die des gemeinsamen Spielens: „Als Spieler gehöre ich zu einer größeren Gruppe, kann mich dort einbringen, und gemeinsam werden Aufgaben erledigt.“ Das Problem: Erfolgreich ist in der virtuellen Welt vor allem, wer sehr lange und auch über die Woche kontinuierlich online ist. Besonders beliebt in der Community sind daher Menschen, die sogar vom Arbeitsplatz ständig nach dem Rechten sehen.

Typische Abhängigkeitssymptome

Drei bis vier Prozent der Bevölkerung sind süchtig nach Online-Rollenspielen, darunter deutlich mehr (heranwachsende) Männer als Frauen. Es entsteht eine wirkliche Abhängigkeit, die auch mit körperlichen und psychischen Symptomen einhergeht, wenn der Zugang zum Spiel momentan unmöglich ist. Süchtige verlieren das Gefühl dafür, wie viel Zeit sie tatsächlich im Internet verbracht haben. Die Tätigkeit rückt in den Lebensmittelpunkt, und auszuschalten wird immer schwieriger.
Dabei fühlen sich die Betroffenen meist nicht sozial isoliert: „Im Gegenteil, sie haben eine Vielzahl von oft sehr intensiven, virtuellen Kontakten, von denen sie – gerade wenn sie sich stark im Spiel engagieren – viel positives Feedback bekommen können.“ Erst wenn der Computer ausgeschaltet wird, so erklärt Dr. Poppe, taucht das Gefühl von Einsamkeit auf. Dazu kommt: „Eine übermäßig starke Nutzung von Online-Rollenspielen reduziert die eigene Selbstsicherheit in Offline-Kontakten.“

Auch Hausarzt ist gefragt

Bei Jugendlichen wird diese Sucht früher auffällig: durch sich rapide verschlechternde Schulnoten oder durch den Rückzug aus allen familiären Aktivitäten. „Spätestens nach drei bis vier Monaten wird dies sichtbar. Oft wenden sich dann Angehörige an uns.“ Bei Erwachsenen kann dieser Prozess hingegen Jahre dauern. Betroffene gehen meist ganz normal in die Arbeit, aber wenn sie nach Hause kommen, schalten sie sofort den Computer ein und schlafen nicht selten vor diesem ein. Offensichtliche Symptome sind dann höchstens Müdigkeit, eine fahle Hautfarbe, vielleicht manchmal Probleme, sich zu konzentrieren.
„Irgendwann kann dann das Gefühl entstehen, dass am eigenen Verhalten etwas nicht stimmt, oder man wird von außen darauf angesprochen. Aber dies kann, wie gesagt, oft sehr lange dauern.“ Eine wichtige Rolle kann dabei aus Poppes Sicht auch der Hausarzt spielen: „Die Freizeitanamnese ist gerade in der Funktion als Lebensbegleiter oder Ratgeber zu Themen des Lebensstils ein wichtiges Element. Wichtig ist, Internet-Spiele oder das damit verbundene Verhalten nicht abzuwerten – also auch nicht Dauer und Intensität der Nutzung.“ Betroffene haben – wie auch bei anderen Suchterkrankungen – ein hohes Schamgefühl, über ihre Abhängigkeit zu sprechen, teils auch aus der Erfahrung heraus, das sich andere darüber lustig machen, etwa nach dem Motto, „also ich bin froh, wenn das Kastel endlich mal aus ist  ...“
Der Hausarzt kann weiters bei der Beratung und Unterstützung der Eltern wichtig sein: „Auch diese sollten das Online-Rollenspielen nicht einfach verurteilen, sondern sich generell für die Aktivitäten der Kinder interessieren, sich also dazusetzen, um ein Stück mitzuleben. Dies bietet die Basis, Alternativangebote für gemeinsame Aktivitäten zu setzen.“ Diese Vorgangsweise ist bereits in jungen Jahren wichtig, also schon wenn das erste „Handcomputerspiel“ zum Einsatz kommt. Ein striktes Verbot kann dazu führen, dass Jugendliche ihr Suchtverhalten an anderen Orten heimlich ausleben.

Therapeutische Ansätze

In der ambulanten oder stationären Therapie für Internet- und Computerspielsüchtige geht es für Poppe „zunächst darum, möglichst wertfreie Information und Beratung anzubieten.“ Geklärt wird auch, welche konkreten Konsequenzen das Suchtverhalten momentan hat, also etwa Leistungsabfall, Motivations- und Konzentrationsprobleme, Kontaktstörungen, Partnerschaftsprobleme, usw. Weiters geht es in einem psychotherapeutischen Prozess ebenso um Begleitsymptome wie etwa Depression, Angstsymptomatik bis hin zu Ernährungsproblemen. Gemeinsam werden die positiven Ressourcen des Betroffenen analysiert und Strategien zur Unterstützung dieser erarbeitet.
„Gerade Jugendliche haben Angst, dass völlige Abstinenz die mögliche Konsequenz sein könnte, wenn sie ihre Online-Rollenspiel- oder Internetsucht ansprechen – dies wäre aber kein zielführender Weg“, so Poppe. Ein erster Schritt könnte etwa das Etablieren eines Internet-freien Tages sein: „Wichtig ist, diesen sehr gut zu planen, denn sonst kann schon nach kurzer Zeit Langeweile aufkommen und das Gefühl, ohne das Rollenspiel nicht zu wissen, was man tun soll.“ Auch von Bedeutung könne das Gespräch über die konkrete Gestaltung von Offline-Kontakten sein.
Selbst wenn die Sucht nach der virtuellen Welt zurzeit das sichtbarste Problem ist: „Auch in anderen Bereichen gewinnt die übermäßige Nutzung des Internets – wie z.B. das Sammeln von pornografischen Inhalten im Netz, Glücksspiel, hier vor allem Online- Poker, und nicht zuletzt die zunehmende Präsenz in Foren oder Selbstdarstellungsplattformen wie Myspace und Youtube – an Bedeutung“, berichtet Dr. Poppe. Auch der Typus des „information seekers“ könne durchaus Suchtverhalten zeigen: „Ein ‚Ich checke mal schnell die E-Mails‘ kann schnell zu einem Marathon von drei Stunden werden, in dem auch das Hüpfen von einem Link zum nächsten erfolgt.“ In einer Welt, in der es scheinbar immer mehr Information gibt, kann man sich im virtuellen Dschungel auch verirren, von dem Gefühl geplagt, ständig mehr an Informationen zu benötigen, um nur ja nichts zu verpassen.

Webtipps:
www.onlinesucht.at – WebSite des 2007 gegründeten Instituts zur Prävention von Onlinesucht. Geboten werden Informationen und Erfahrungsaustausch sowie online-Beratung zum Thema.
www.api.or.at – Website des Anton-Proksch-Instituts.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 41/2008

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