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Allgemeinmedizin 9. Oktober 2008

Das Ende der freien Facharztwahl?

Damit Hausärzte weiter ihre Rolle in der medizinischen Grundversorgung übernehmen können, sind grundlegende Änderungen der Rahmenbedingungen nötig. Wie diese aussehen sollen, darüber gehen die Meinungen allerdings auseinander.

„Wir sind im Notfall zu kostenlosen Dienstleistungen verpflichtet, arbeiten für Honorare zu Sozialtarifen, unterliegen Werbebeschränkungen, sind unecht mehrwertsteuerbefreit …“ , wettert der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Werner und meint, „für eine auch künftig adäquate Gesundheitsversorgung braucht es mehrere dringende Maßnahmen.“ Seit Jahrzehnten würde von der Gesundheitspolitik eine Aufwertung des Hausarztes versprochen werden.
Die Erstkonsultation sollte nach den Vorstellungen des Österreichischen Hausärzteverbands (ÖHV) durch den Hausarzt erfolgen. Wie zuzeiten des Krankenscheins sollen pro Quartal nur zwei Facharztkonsultationen „frei“ sein, plus einer Konsultation beim Zahnarzt.
Weitere Forderungen des ÖHV sind die Ermöglichung aller Formen der Zusammenarbeit von Ärzten, Abgeltung der zunehmenden Bürokratie, Abschaffung der unechten Mehrwertsteuerbefreiung sowie die Anpassung des Leistungsspektrums – so sollen etwa Spirometrie, Notfalltests oder Raucherentwöhnung berücksichtigt werden.

Illusorische Forderungen

Dr. Erwin Rebhandl, Obmann der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM), kann den Vorschlägen des ÖHV wenig abgewinnen: „Es ist völlig illusorisch, eine Rückkehr in die Zeiten vor der E-Card zu fordern.“ Er verweist auf ein Konzept, das die ÖGAM im Sommer vorgestellt hat: Nach dem aus Sicht der ÖGAM erfolgreichen Modell, wie es beispielsweise in Frankreich gelebt wird, soll sich jeder Patient einen Vertrauensarzt wählen. Bei diesem liefen alle Befunde zusammen, der Vertrauensarzt könnte stärker als bisher eine koordinierende Rolle übernehmen. Ähnlich den verschiedenen deutschen Hausarztmodellen sollten sich Patienten für mindestens ein Jahr an diesen Vertrauensarzt binden müssen, „wobei in Konfliktfällen natürlich jederzeit ein Ausstieg möglich wäre – es geht nicht um eine Zwangspartnerschaft“, betont Rebhandl. Nötig wäre für die Tätigkeit als Vertrauensarzt ein entsprechender Honorarposten, langfristig vorstellbar sind auch Vergünstigungen für die Patienten, die sich an die Bindung halten.

Entlastung der Fachärzte

Einig sind sich ÖHV und ÖGAM darin, dass die Entlastung der Fachärzte ein wichtiges Ziel ist, denn die sind momentan viel zu sehr mit medizinischen Banalitäten beschäftigt, was die Wartezeit auf einen Arzttermin verlängert. „Eigentlich muss sich am gegenwärtigen System eben nur die Art des Zugangs verändern“, meint Werner. Es brauche keine großen Reformen und schon gar kein Krankreden des Systems – „es gibt auf der Ebene der Politik und auch der Wirtschaft Kräfte, die uns Ärzte wirtschaftlich aushungern wollen, um die Allgemeinen Versorgungszentren etablieren zu können. Diesem Trend werden wir nicht untätig zusehen!“
Rebhandl unterstreicht, dass es der ÖGAM nicht um einen radikalen Systemwechsel von einem Tag auf den anderen geht: „Es wäre wichtig, zunächst in regionalen Pilotprojekten Erfahrungen mit dem System des Vertrauensarztes zu sammeln. Ebenso große Bedeutung hat eine ausführliche Informationsarbeit bei den Patienten.“ Dr. Gerald Bachinger, Sprecher der österreichischen Patientenanwälte, verweist zunächst darauf, dass die freie Arztwahl auch im aktuellen System dadurch beschränkt ist, dass innerhalb eines Quartals der Wechsel zu einem anderen Arzt nur unter besonderen Bedingungen ermöglicht wird. „Nötig ist ein Gesamtkonzept, man darf es nicht bei Einzelmaßnahmen belassen, wie sie der Hausärzteverband vorschlägt.“ Dieses Konzept müsse es Allgemeinmedizinern ermöglichen, sich Patienten stärker zuzuwenden bzw. tatsächlich eine koordinierende Rolle zu übernehmen. Ein Ansatz wie der des Vertrauensarztes, den die ÖGAM vorschlägt, könnte ebenso Teil eines solchen Gesamtkonzepts sein.
„Einen größeren Stellenwert muss dann die Kontrolle der Qualität erhalten“, fordert Bachinger. Die aktuell laufenden Evaluierungen der Qualität der Arztpraxen gingen etwa von viel zu einfach erreichbaren Kriterien aus. „Zum Beispiel wäre es sinnvoll, die Patienten von niedergelassenen Ärzten alle fünf Jahre zu befragen“, erinnert Bachinger an einen schon vor längerer Zeit gemachten Vorschlag der Patientenanwaltschaften. Dieses Mehr an Qualität und dieser Aufwand müsse aber auch etwas wert sein. „Es kann nicht sein, dass der Arzt alle entstehenden Kosten einfach übernehmen muss. Trotz gegenteiliger Aussagen geht es mir nicht darum, Ärzte in den wirtschaftlichen Ruin zu treiben“, betont der Patientenanwalt, „im Gegenteil, der Hausarzt ist ein nicht wegzudenkender Teil des Gesundheitssystems“.
Für Bachinger gehört zu einer stärkeren Gesamtsicht des Systems auch die Umsetzung der Finanzierung aus einer Hand. Denn sonst würden alle Versuche der Auslagerung von Leistungen aus den Spitälern langfristig in Form von auslaufenden Pilotprojekten kläglich „verdursten“.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 41/2008

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