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Allgemeinmedizin 7. Oktober 2008

Die Lizenz zum Heilen

Sowohl im Ausbildungsbereich als auch am Gesundheitsmarkt selbst gibt es einen wahren Wildwuchs an neuen Berufsgruppen. Aber was können und dürfen diese wirklich?

Ernährungsvorsorge-Coach, Vital-Ernährungstrainer, Wirbelsäulentrainer, Body-Vitaltrainer, Wellnesstrainer, Vitaltrainer Bewegung, Fitnesstrainer – das ist nur eine kleine Auswahl von Berufen, die sich bei den verschiedensten Anbietern erlernen lassen. Oft wird den Bezeichnungen dann noch ein „diplomiert“ oder „akademisch geprüft“ vorangestellt.
„In vielen Fällen dauert die Ausbildung dieser selbst ernannten Berufsgruppen nur ein Wochenende“, weiß Mag. Gabriele Jaksch, Präsidentin des Dachverbands der gehobenen medizinisch-technischen Dienste Österreichs (MTD-Austria). Und auch wenn die Ausbildungen teils bis zu einem Jahr dauern, ist dies noch immer weit entfernt von jenen der MTD: wer z. B. Physio-, Ergotherapeut oder Logopäde werden möchte, muss drei Jahre eine Fachhochschule und zahlreiche Praktika absolvieren. Die unterschiedlichen „Coaches“, „Trainer“ und „Berater“ klären freilich Patienten nicht unbedingt über ihre berufsrechtliche Kompetenz und Ausbildung sowie deren Umfang auf.
„Durch unqualifizierte und zum Teil auch gesetzwidrige Angebote werden Patienten getäuscht oder sogar falsch behandelt“, kritisiert Jaksch. Ernährungsberatung würde eben deutlich darüber hinausgehen, schlicht Vollkornprodukte zu empfehlen. Der in der Ausbildung der MTDs vermittelte medizinische Hintergrund macht es hingegen möglich, die den Problemen mit Ernährung oder Übergewicht zugrundeliegende Krankheiten zu erkennen und den Betroffenen eine medizinische Behandlung anzuraten. Eigentlich sprechen geltende Gesetze eine deutliche Sprache: Es gibt detailliert ausformulierte Bestimmungen, wie die Ausbildung z. B. von MTD oder Medizinisch technischen Fachkräften aufgebaut sein muss sowie in welchen Bereichen die Absolventen dann ihre Tätigkeit entfalten dürfen. Festgelegt ist zudem, wie die Zusammenarbeit mit Ärzten gestaltet werden soll – in den meisten Fällen steht an erster Stelle die ärztliche Diagnostik und Delegation.

Noch gesund oder schon krank?

Im Gegensatz dazu gibt es die gewerblichen Berufe wie beispielsweise Masseur – „aber auch hier ist die Ausbildung zumeist geregelt“, betont Dr. Renate Wagner-Kreimer, Juristin in der Österreichischen Ärztekammer. Explizit festgehalten ist zudem, wer „Kranke“ behandeln darf und wer „Gesunde“ beraten kann – wobei Wagner meint: „Die Linie zwischen gesund und krank ist ein schmaler Grat, und es braucht oft den medizinischen Hintergrund für eine adäquate Unterstützung.“
Die gesetzlichen Regelungen gehen noch einen Schritt weiter: Es dürften nicht einmal Ausbildungen angeboten werden, die zu Tätigkeiten ‚qualifizieren‘, die ausschließlich Gesundheitsberufen vorbehalten sind. „Das WIFI Österreich hält sich selbstverständlich an dieses Ausbildungsvorbehaltsgesetz“, betont Mag. Hannes Knett, Bildungsmanager des WIFI Österreich. „In unseren Bildungsangeboten wie z. B. der ‚Ausbildung zum/zur diplomierten Wellnesstrainer/in‘ bilden zertifizierte Standards – bei der genannten Ausbildung nach ÖNORM D 1501 – die Grundlage. Durch die ISO-Zertifizierung des WIFI Österreich unterliegt die Qualität unserer Bildungsangebote einer laufenden Evaluierung“, betont Knett.
Jaksch und Wagner sind sich einig, dass viele Ausbildungskurse verschiedener Anbieter in einem Graubereich liegen. Wagner: „Es gibt nach wie vor einen wahren Boom an Ausbildungsangeboten im Gesundheitsbereich. Eigentlich wäre es die Aufgabe der Bezirksverwaltungsbehörden, genauer und intensiver zu überprüfen, ob das Ausbildungsvorbehaltsgesetz eingehalten wird.“ Problematisch seien auch fehlende einheitliche inhaltliche Standards für diverse Schnellsiede-Kurse und die Prüfungen, inwieweit überhaupt ein Markt für das entstehende Angebot vorhanden ist. „Es entsteht nicht nur ein Problem für Patienten, die nicht die gewünschte Leistung bekommen“, betont Jaksch, „sondern auch für die Personen, die teures Geld in erfundene Ausbildungen stecken und dort Tätigkeiten lernen, die sie nach österreichischer Rechtslage gar nicht erbringen dürften.“

Orientierungshilfe für Patienten

Eine wichtige Maßnahme zur Orientierung der Patienten wären vom Dachverband der MTD verpflichtend geführte Listen, auf denen alle Mitglieder der verschiedenen Berufsgruppen zu finden sind. Gleichzeitig müssten alle freiberuflich erbrachten MTD-Leistungen in Hinblick auf die Refundierungs- und Abrechnungsmöglichkeit medizinischen Angeboten gleichgestellt werden. Eine „Standesliste“ für alle medizinisch technischen Dienste würde außerdem die Planungsarbeit für nötige Ausbildungs- und Praktikumsplätze erleichtern und die bestehenden Lücken in der Versorgungslage aufzeigen. So gebe es etwa viel zu wenige Ergotherapeuten und Logopäden, vor allem in der freien Praxis. Jaksch ortet in der heimischen Gesundheitspolitik einen starken Hang in Richtung eines ausschließlich gewinnorientierten Markts und wünscht sich eine Gesundheitsreform, bei der es mehr um gesicherte Qualität geht.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 40/2008

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