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Allgemeinmedizin 29. September 2008

Perfektes Regenerationsprogramm

Der Schlaf – scheinbar das Natürlichste von der Welt. Wieso der Mensch und im Übrigen auch alle Säugetiere wegdämmern, welcher evolutionäre Sinn sich dahinter verbirgt, das sind allerdings Fragen, die bis heute noch nicht endgültig geklärt sind – trotz Schlafforschung, die seit 100 Jahren eine eigenständige Disziplin ist.

Nach den Schmerzdämpfern sind Wachmacher und Schlafmittel heute die populärste Medikamentengruppe. Ein Indiz dafür, dass das, was vorgeblich zum Natürlichsten der Welt gehört, der Wechsel von Wachsein und Schlaf, von Aktivität und Passivität, in unserer Gesellschaft offensichtlich ziemlich aus dem Lot geraten ist. Mit dem demographischen Wandel ist das allein nicht zu erklären. Gewiss, im hohen Alter wird, eine natürliche Abbauerscheinung, der Schlaf fragmentierter, aber auch für den modernen Durchschnittsmenschen stellt die Chronobiologin Anna Wirz-Justice fest: „Er schläft im Durchschnitt eine Stunde weniger als vor 20 Jahren. Vielleicht sind viele unserer sogenannten Zivilisationskrankheiten langfristige Folgen dieses Trends.“
Gestörter Schlaf macht krank. Das meint auch der Wissenschaftsjournalist und promovierte Neurobiologe Peter Spork in seinem im Rowohlt-Verlag erschienenen „Das Schlafbuch“. Aber wieso eigentlich? Warum ist es so wichtig, dass wir zwischendurch immer wieder diese Mauer zwischen Innen- und Außenwelt aufziehen? Warum hat es die Evolution so eingerichtet, dass wir immerhin ein Drittel unseres Lebens verschlafen, ja, tatsächlich widmen wir keiner anderen Tätigkeit noch einmal so viel Zeit? Und nicht nur der Mensch braucht den Dämmerzustand, sondern auch alle Säugetiere, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß: Fledermäuse schlafen pro Tag 20 Stunden, Pferde nur drei.
Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Wir brauchen den Schlaf, um wach zu bleiben. Eine wirkliche Erklärung ist das aber nicht. Wir essen ja auch nicht, um nicht zu verhungern, sondern um uns wichtige Nährstoffe zuzuführen. Warum wir schlafen, das konnte, wie Spork schreibt, „bis heute niemand schlüssig beantworten“. Allan Rechtschaffen, Schlafforschungspionier von der Universität in Chicago, USA, sagt: „Es ist wahrscheinlich die größte offene Frage der Biologie.“

Der Schlaf hat seine Architektur

Dem eigentlichen Wesen des Schlafs ist noch auf die Spur zu kommen, das heißt allerdings nicht, dass die Schlafforschung, seit etwa hundert Jahren eine eigenständige Disziplin, nicht schon eine Reihe von interessanten Erkenntnissen an den Tag gebracht hätte, beispielsweise die, dass er normalerweise eine genaue Architektur aufweist, mit den Phasen Halbschlaf, Leichtschlaf, Tiefschlaf und am Ende wieder Leichtschlaf. Die Abfolge ist immer gleich, jedenfalls beim gesunden Menschen.
Der wichtigste Zeitgeber ist das Tageslicht. Wenn es dunkelt, schüttet die Zirbeldrüse verstärkt Melatonin aus – der Körper kühlt ab, der Schlafdrang nimmt zu. Morgens gegen 3 Uhr, wenn die Körpertemperatur ihren Tiefststand erreicht hat, beginnt dann das Stresshormon Cortisol als Wachmacher zu arbeiten. Wir wissen auch, dass das individuelle Schlafbedürfnis zum einen von unserer inneren Uhr und zum anderen dem je eigenen Schlafdruck bestimmt wird, es resultiert, wie der Zürcher Schlafforscher Borbély sagt, aus einem Zusammenspiel der chronobiologischen und homöostatischen Faktoren.
Man muss gar nicht Wissenschaftler sein, um aus eigener Erfahrung bestätigen zu können: Nach einer durchschlafenen Nacht fühlen wir uns stark, fit, gesund. Kein Wunder, läuft währenddessen doch ein umfassendes Regenerationsprogramm ab, ein wahres Wellness-, Schlankheits- und Verjüngungsprogramm: Wachstumshormone werden ausgeschüttet, die zugleich die Wundheilung anregen, das Immunsystem arbeitet auf Hochtouren und das Knochenmark liefert neue rote Blutkörperchen. „Eltern sollten zum Beispiel dafür sorgen, dass ihre Kinder viel Tiefschlaf abbekommen. Nur das Wachstumshormon lässt die Heranwachsenden nämlich in die Höhe schießen, und das wird fast ausschließlich im Tiefschlaf ausgeschüttet. Kinder und Jugendliche mit ernsten Schlafstörungen bleiben deshalb oft deutlich kleiner als gute Schläfer“, schreibt Spork.
Der Ruhezustand des schlafenden Menschen kann darüber hinwegtäuschen, dass der Organismus in diesem Moment tatsächlich höchst aktiv ist. Eine der neueren Erkenntnisse ist, dass auch das Gehirn währenddessen emsig arbeitet, es speichert wichtige Erinnerungen des Tages ab und löscht unwichtige. Aus diesem Grund wird Schülern geraten, sich ihren Übungsstoff nicht allein am Tag vor der Schularbeit zu Gemüte zu führen, sondern über mehrere Tage hinweg. Denn das Gehirn leistet eben auch Nachtarbeit und festigt auf diese Weise das Gelernte. Lernen im Schlaf – das ist keine nette Verheißung, sondern eine Einrichtung der Natur. Es gibt nicht zuletzt zahlreiche Berichte großer Erfinder, denen die entscheidenden Erkenntnisse im Schlaf zugeflogen sind – und das oft nachdem sie monate- oder jahrelang an einem Problem gearbeitet hatten.

Zu Mittag wird „genappt“

Die segensreiche Wirkung des Schlafs hat sich inzwischen herumgesprochen, bis in die Konzernzentralen. Die Manager kehren zum guten alten Mittagsschläfchen zurück, heute eher „Power-nap“ genannt: Geschlafen wird nicht, um sich vorübergehend aus dem Arbeitsprozess auszuklinken, sondern um in ihm noch besser bestehen zu können. Im Interesse der Produktionssteigerung. Wie meinte schon Kurt Tucholsky: „Gebt den Leuten mehr Schlaf – sie werden wacher sein, wenn sie wach sind.“
Zu unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit gehört freilich nach wie vor, dass viele Menschen gerade dann arbeiten müssen, wenn der Organismus auf Ruhe umstellt: Nachtportiere, Schichtarbeiter und nicht zuletzt auch Ärzte. Der natürliche Rhythmus ist bei ihnen auf den Kopf gestellt. Und das bleibt nicht ohne Folgen, einmal für die Betroffenen – 80 Prozent von ihnen leiden unter Magen-Darm-Erkrankungen, so der Schlafforscher Zulley, Universität Regensburg – , zum anderen auch für die Gemeinschaft, die im wahrsten Sinne den Schaden hat. Die Explosion der Raumfähre Challenger, das Reaktorunglück von Tschernobyl, die Havarie des Exxon-Tankers – all ­diese großen Unglücke passierten in der Nacht und haben dieselbe Ursache: Übermüdung. „Nachts um zwei passieren mehr als fünfmal so viele Verkehrsunfälle aus Müdigkeit als um sechs Uhr abends. Körper und Geist sollen sich regenerieren, nicht Auto fahren“, so Spork.
Chronobiologen warnen: Ein in der Nacht versäumter Schlaf kann nicht einfach am Tag nachgeholt werden, das widerspreche unserer vorgegebenen inneren Uhr. Und auch Schlafmittel sind nach Ansicht von Spork keine wirkliche Lösung: „Eines der vielen Probleme dieser Medikamente ist, dass sie auch das REM-Zentrum unterdrücken. Der künstlich herbeigeführte Schlaf ist deshalb weniger erholsam als der normale. Wer Schlafmittel nimmt, baut meistens schneller wieder ab, weil sein Gehirn den fehlenden REM-Schlaf nachholen will.“
In den ersten zehn Minuten nach dem Aufwachen erreichen wir nur zwei Drittel unserer normalen Leistungsfähigkeit, fanden im Jahr 2006 Adam Wertz und Kollegen von der Universität in Boulder, USA, heraus. Das sollten gerade Ärzte und Krankenpfleger wissen, die im Rahmen ihres Bereitschaftsdienstes oft kurz nach dem Aufwachen wichtige Entscheidungen zu treffen haben. „Um sich in dieser Situation nicht zu überschätzen, sollten sie sich ihrer schläfrigen Benommenheit bewusst machen und viel mehr Zeit mit der Entscheidung lassen. Das könnte Menschenleben retten.“

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 39/2008

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