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Allgemeinmedizin 29. September 2008

Ausweg Prävention?

Diabetes, Fettleibigkeit, Athero­sklerose und koronare Herzerkrankung – immer mehr Menschen sind von diesen Zivilisationskrankheiten betroffen. Wie kann Prävention in diesem Bereich wirksam erfolgen?

Ungesunder Lebensstil macht immer mehr Menschen krank. 2005 wurde die Vorsorgeuntersuchung völlig neu konzipiert und in einigen Bereichen grundlegend ausgeweitet. Bei einer aktuellen Qualitätsprüfung von Wiener Ärzten durch den Verein für Konsumenteninformation (VKI) wurde der Großteil der von Testpersonen überprüften Mediziner für ihre Leistungen bei der „Vorsorgeuntersuchung neu“ (VU neu) als „sehr gut“ oder „gut“ bewertet. Defizite zeigten sich bei der Anamnese und den viel diskutierten Beratungsgesprächen zum Lebensstil. Hier fiel die Bewertung sehr schlecht aus, womit zumindest nach dieser stichprobenartigen Analyse ein zentrales Ziel der Umstellung auf die VU neu derzeit noch nicht erreicht ist. Und: Nur knapp zwölf Prozent der Bevölkerung nehmen die Untersuchung überhaupt in Anspruch.
„Wie bei vielen Vorsorgeprojekten werden vor allem jene erreicht, die ohnehin ein stärkeres Interesse am Thema Gesundheit haben und offen für Tipps zu ihrem Lebensstil sind“, sagt Prof. Dr. Gerald Gartlehner, MPH vom Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie der Donau-Universität Krems. Grundsätzlich hält er die Weiterentwicklung zur VU neu für einen wichtigen Schritt, „wobei es dabei auch Untersuchungen gibt, deren Sinnhaftigkeit fragwürdig ist.“ Er verweist auf internationale Analysen: „Die haben erwiesen, dass der PSA-Test zu viele falsch-positive Ergebnisse bringt und andererseits Tumore entdeckt, die keine klinische Relevanz für den Betroffenen haben. Zu beachten ist die Gefahr einer möglichen negativen Auswirkung wie beispielsweise Impotenz oder Inkontinenz nach einer Prostata-Operation.“
Gerade für das Feld der klinischen Prävention wäre eine unabhängige Institution von Vorteil, wie beispielsweise in Amerika die U. S. Preventive Services Task Force (USPSTF). Dort erarbeiten Experten die Grundlagen für die Entscheidung pro & contra von Screeninguntersuchungen systematisch auf der Grundlage von Evidence- Based-Medicine-basierten Fakten. Auch gebe es in Österreich keine Institution, die unabhängige Patienteninformationen über die Wirkungsweise von Präventivmedizin, Diagnoseverfahren, Medikamenten und Therapien anbietet, wie es sie beispielsweise in Deutschland gibt, auf der Website www.gesundheitsinformation.de.
Vorsorgeuntersuchung bleibt oft ohne Konsequenzen
Prof. Dr. Andreas Sönnichsen, Leiter des Instituts für Allgemein-, Familien- und Vorsorgemedizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, verweist in Bezug auf die Vorsorgeuntersuchungen auf Länder mit Listensystemen wie beispielsweise Italien und England: „Jeder Bürger schreibt sich bei einem (Haus-)Arzt seiner Wahl in eine Liste ein und kann über Recall-Systeme auf Vorsorgetermine aufmerksam gemacht werden.“ Wobei der Arztbesuch allein nichts nütze, wenn dieser ohne Konsequenzen bleibt. Aus Sönnichsens Sicht ist das nicht nur in Österreich oft der Fall, auch wegen der geringen Honorierung des so wichtigen ärztlichen Gesprächs sowie Lücken in der Fortbildung der Ärzte.
Geld für dubioses Anti-Aging
„Alle sprechen heute vom Anti-Aging und viele sind bereit, viel Geld für dubiose Maßnahmen auszugeben, aber kaum jemand ist bereit, auf Gesundheitsschädliches zu verzichten“, zieht Sönnichsen eine eher düstere Bilanz. Auch gäbe es wenig Offenheit für Maßnahmen wie generelle Werbeverbote für Alkohol, Fastfood oder Süßigkeiten. „Wenn wir bereit sind, genauso viel Geld für Präventionskampagnen auszugeben wie für die Werbung für ungesunde Produkte und Verhaltensweisen, gibt es vielleicht eine Chance, die Menschen zu beeinflussen.“
Zurzeit gäbe es hauptsächlich punktuelle und unterfinanzierte Kleinprojekte. Eine Einschätzung, die Prof. Dr. Friedrich Hoppichler teilt – er ist im Vorstand des 2005 gegründeten Vereins „Special Institute for Preventive Cardiology And Nutrition“, SIPCAN (siehe Webtipps), einer Initiative, die von einem Netzwerk von Universitätsprofessoren ausging. „Allerdings zeigen die Erfahrungen der von SIPCAN umgesetzten Projekte, wie Prävention konkret, erfolgreich und nachhaltig umgesetzt werden kann.“ So gibt es etwa Ernährungsprojekte in Salzburger Schulen sowie in 20 Wiener Pflichtschulen. Dabei wird nicht nur der Warenkorb der Schulbuffets umgestellt, sondern im Mittelpunkt steht auch die regelmäßige Information der Eltern. Die Jugendlichen erhalten die Möglichkeit, selbst aktiv zu kochen – „das Interesse an gesunder Ernährung ist sehr groß, das zeigen auch erste Erfahrungen, die wir gerade in Berufsschulen machen, wo die Leberkäs-Semmel scheinbar ein nicht wegzudenkender Bestandteil des Alltags ist“, so Hoppichler. „Aber es fehlt oft ein attraktives und zielgruppengerechtes Angebot an gesünderen Alternativen vor Ort und in Schulen insbesondere auch eine konkrete Richtlinie von politischer Seite, was angeboten werden darf und was nicht.“
Es gäbe inzwischen viele Anfragen aus anderen Bundesländern zu den SIPCAN-Erfolgen – „aber wie so oft fehlt leider das Geld und damit die personellen Ressourcen, um solche Projekte wirklich flächendeckend umzusetzen“, kritisiert Hoppichler. Auch die Kooperationsbereitschaft zuständiger Behörden sei in der Regel nur mit großen Mühen zu gewinnen.

Webtipps
www.gesundheitsinformation.de
www.sipcan.at


Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 39/2008

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