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Allgemeinmedizin 11. September 2008

Chronischer Zeitmangel

Die Patientenanwaltschaften haben mit den Anliegen enttäuschter Patienten alle Hände voll zu tun. Ärztevertreter klagen über Überlastung und fordern die Umsetzung aktueller Richtlinien für die Arbeitszeiten in Spitälern ein. Dann hätten sie mehr Zeit, sich ihren Patienten zuzuwenden.

Auch heuer setzt sich der seit fünf Jahren zu beobachtende Trend fort: Immer mehr Menschen wenden sich nach medizinischen Behandlungen an die Österreichischen Patientenanwaltschaften. Jedes Jahr steigt ihre Zahl zwischen zehn und 15 Prozent, im Vorjahr waren es elf Prozent, es sind also österreichweit etwa 9.400 Fälle jährlich zu verzeichnen. Am häufigsten gab es bei den chirurgischen Fächern Grund zur Beschwerde. Dr. Harald Mayer, Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte der Österreichischen Ärztekammer, sieht als wesentliche Ursache für diesen gleichmäßigen Anstieg die laufenden Überschreitungen der gesetzlich verankerten Arbeitszeit an: „Studien haben einen eindeutigen Zusammenhang zwischen überlangen Arbeitszeiten und dem Anstieg der Fehlerwahrscheinlichkeit gezeigt.“
In den meisten Spitälern gäbe es einen hohen Zeitdruck – überlastete Ärzte hätten dann nicht in ausreichendem Maß Zeit für die intensive Zuwendung zum Patienten. „Zumutbare Arbeitsbedingungen sind das wirksamste Mittel der Qualitätssicherung in den Spitälern“, ist Mayer überzeugt. Die aktuellen Gesetzesänderungen für das Spitalsärztegesetz seien zwar zu begrüßen – möglich sind nun auch Sanktionen – „aber in den Krankenanstaltengesetzen der Bundesländer gibt es noch zu viele Schlupflöcher.“ Es sei zudem auch fraglich, ob aus dem Gesetz nicht doch noch ein zahnloser Papiertiger wird. „Patientenanwalt Dr. Gerald Bachinger wäre gut beraten, sich mit den Arbeitsbedingungen und insbesondere mit der Einhaltung der Arbeitszeiten für Spitalsärztinnen und -ärzte eingehender auseinanderzusetzen“, rät Mayer. Die vorgesehenen Sanktionen würden jedoch nur für privatwirtschaftliche Organisationen gelten. Gerade in Bachingers Hauptwirkungsbereich, in Niederösterreich, wären die meisten Spitäler aber in der Hand des Landes.
Mayer verweist auch auf die Relation zwischen den Beschwerde- und Behandlungszahlen: 2006 wurden 2.428.400 Patientinnen und Patienten stationär und 7.084.000 Patientinnen und Patienten ambulant in den Spitälern behandelt.
Noch-Gesundheitsministerin Dr. Andrea Kdolsky sieht sich durch die steigenden Zahlen der Patientenbeschwerden in ihrer Forderung nach externer Kontrolle der Qualität sowohl in den Spitälern als auch im niedergelassenen Bereich bestätigt. Sie kann sich auch vorstellen, dass zukünftig stärker transparent gemacht wird, wie groß die Zahlen der Patientenbeschwerden an den einzelnen Krankenhäusern sind.

Kein Indikator für Qualität

Dr. Gerald Bachinger, Sprecher der Patientenanwälte der Bundesländer, betont hingegen, „dass der Anstieg der Zahl der Beschwerden nicht als Indikator für eine mangelhafte Qualität im Gesundheitsbereich anzusehen ist.“ Menschen würden generell immer kritischer gegenüber Behörden und Institutionen jeder Art, zudem sei auch der Zugang zu Informationen über die eigene Krankheit und die verschiedenen Möglichkeiten der Behandlung viel besser zugänglich bzw. würden von den Betroffenen auch intensiver genutzt werden.
Manche Ärzte, so Bachinger, nähmen dieses „Sich-Informieren“ ihrer Patienten eher als Bedrohung und weniger als Chance wahr. „Dabei ist eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit ein wichtiger Schritt und die Basis für den therapeutischen Dialog.“ Für Bachinger sollten die Zeiten eigentlich längst vorbei sein, in denen der Arzt schlicht Anweisungen gibt. „Das Konzept der Adhärenz müsste viel mehr Gewicht bekommen – das gemeinsame Besprechen und Umsetzen von Therapiezielen von Arzt und Patient.“

Aus Zeitmangel kaum reden

Für Bachinger zeigen die aktuellen Zahlen, dass es häufig Probleme mit der Kommunikation gibt. „Das Argument, es sei zu wenig Zeit, um sich Patienten zuzuwenden, ist weder im Spital noch im niedergelassenen Bereich überzeugend.“ Er verweist auf Studien, die zeigen, dass es weniger um die Quantität der investierten Zeit, als vielmehr um die bewusste und gekonnte Gestaltung des Patientengesprächs ginge. „In einer Viertelstunde kann ein Patient quasi in Grund und Boden geredet werden, oder aber es wird Fragen Raum gegeben und darauf eingegangen und die Kompetenzen des Patienten werden ernst genommen.“
Dazu, dass die Ärztekammer Bachinger empfiehlt, er solle sich um die Einhaltung der Arbeitszeiten an den Krankenanstalten kümmern, sagt er: „Ich hatte nicht gewusst, dass mir die Standesvertreter so viel Macht zutrauen.“ Natürlich sei eine Umsetzung der neuen gesetzlichen Richtlinien wichtig und es würde dabei auch um Qualität gehen – „die Zahl der Patientenbeschwerden wird sich so aber nicht wirklich beeinflussen lassen.“ Wobei diese Zahl auch insofern positiv zu bewerten sei, als damit in den meisten Fällen eine außergerichtliche Lösung von Problemen ermöglicht würde.
Ein interessantes Detail gibt es in der Steiermark, wo die Patientenanwaltschaft auch für den Heimbereich zuständig ist: Ein Fünftel der Beschwerden kommt dort aus Pflegeheimen. Es wird also Zeit, sich auch diesem Bereich zuzuwenden.

In der nächsten Ausgabe der Ärzte Woche lesen Sie über den Weg von der Compliance zur Adhärenz.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 37/2008

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