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Allgemeinmedizin 3. September 2008

Unterschätzt und teuer

Bei der Behandlung der Rheumatoiden Arthritis (RA) gibt es erhebliche Mankos. Niedergelassenen Hausärzten fehlen häufig die für diese chronische entzündliche Krankheit spezifischen Kompetenzen, und Internisten mit Spezialisierung auf Rheumatologie sind rar.

„Rheumatoide Arthritis ist eine Krankheit, die bereits Jugendliche treffen kann. Leider gibt es nach wie vor das Klischeebild, es würde sich um eine Form des Rheuma handeln, das altersbedingt ist und damit ein nicht so ernst zu nehmendes Wehwehchen“, sagt Daniela Loisl, Präsidentin der Selbsthilfeorganisation „Österreichische Rheumaliga“.

Viele Patienten ohne Behandlung

Laut aktuellen Daten sind rund 62.500 Menschen von Rheumatoider Arthritis betroffen. „Das Problem ist, dass diese Krankheit bei vielen Betroffenen erst viel zu spät diagnostiziert wird und viele keine adäquate Behandlung erhalten“, kritisiert Prof. Dr. Winfried Graninger, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie. Etwa 60 Prozent der Menschen mit Rheumatoider Arthritis kommen erst zwei Jahre nach Krankheitsbeginn zum Spezialisten, Graninger nimmt an, dass mindestens ein Drittel der Betroffenen keine adäquate Therapie erhält: „Schätzungen gehen davon aus, dass an die 15.000 Patienten überhaupt keine Behandlung bekommen.“

Hohe Kosten

Bei fortgeschrittenem Krankheitsverlauf betragen die durchschnittlichen Kosten im Gesundheitssystem pro Jahr und Person fast 22.000 Euro. Betroffene besuchen gegenüber der Durchschnittsbevölkerung mindestens doppelt so oft den Allgemeinmediziner und haben dreimal so viele Termine beim niedergelassenen Facharzt. Dazu kommen Kosten für Medikamente und Spitalsaufenthalte, nicht zu vergessen Krankenstände oder Erwerbsunfähigkeit als Folge zu später Behandlung.
Graninger verweist darauf, dass „entzündliche chronische Erkrankungen in den Ländern der Europäischen Union an der Spitze der Ursachen für Frühpensionierungen liegen. Mit rechtzeitiger und adäquater Therapie könnte in vielen Fällen eine völlig normale Teilnahme am Erwerbsleben gewährleistet werden.“ Das Gegenteil ist allerdings momentan bei zu vielen Betroffenen der Fall – durch die vielen Krankenstände entsteht auch ein großer wirtschaftlicher Schaden.
Loisl kritisiert, dass es viel zu wenige Fachärzte gibt, die eine Zusatzqualifikation als Rheumatologe haben, sowohl im intra- als auch im extramuralen Bereich. Dies würde auch daran liegen, dass es erst seit dem Aufkommen der Biologika rund um die Jahrtausendwende eine wirklich wirksame medikamentöse Maßnahme gibt.

Unterbezahlte Spezialisten

„Das Problem ist auch: Es fehlen Abrechnungsposten, die ein wirtschaftliches Leben eines Arztes, der sich auf Rheumatologie spezialisiert, wirklich sicherstellt, denn die intensive Untersuchung und das so wichtige Arzt-Patienten-Gespräch werden kaum oder gar nicht honoriert“, sagt Loisl.
Eine Ursache der späten Diagnostizierung wäre auch das häufig fehlende Spezialwissen von Hausärzten und dass die Auswirkungen von Rheumatoider Arthritis gerne heruntergespielt würden – eine Auffassung, die auch Graninger teilt. Loisl, selbst von der Krankheit betroffen, betont, dass „es zu einer schwerwiegenden Veränderung des Lebens“ kommt. Viele Alltagshandlungen würden zu einer nur mit viel Zeit und Anstrengung zu bewältigenden Herausforderung. „Man ist tagelang ans Bett gefesselt und bekommt dann noch zu hören, es sei eh nicht so schlimm und es gäbe keinen Grund zum ‚Tachinieren‘.“

Ergotherapie fix einplanen

Für Menschen mit Rheumatoider Arthritis sei neben einer rechtzeitigen Diagnose und dem Einsatz adäquater Medikamente die Ergotherapie wichtig. „Sie ist eine wichtige Säule der Behandlung. Ein möglichst frühzeitiger Einsatz kann den Krankheitsverlauf verlangsamen und unterstützt Patienten dabei, die Aktivitäten des täglichen Lebens mit einem möglichst hohen Maß an Selbstständigkeit, Schmerzfreiheit und damit Lebensqualität zu verrichten“, erklärt Bettina Kalwitz, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit von Ergo Austria, dem Bundesverband der ErgotherapeutInnen Österreichs.
Eine wichtige Aufgabe der Ergotherapie ist neben dem Training der Gelenksbeweglichkeit die Beratung zum Thema Gelenksschutz, die Auswahl von Hilfsmitteln und die individuelle Anfertigung von Lagerungs- und Funktionsschienen. „Es sind oft ganz einfache Maßnahmen, die mehr Bewegungsmöglichkeiten und damit eine höhere Lebensqualität bringen.“ Daher wäre es sehr wichtig, dass die Überweisung zur Ergotherapie ein fixer Teil des Behandlungskonzepts bei Rheumatoider Arthritis ist. Gerade rheumatische Krankheiten wären ein wichtiges Feld für multidisziplinäre Teams – dieser Ansatz müsste auch von Seiten der Sozialversicherungen stärker unterstützt werden. Meint zumindest die Ergotherapeutin.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 36/2008

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