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Allgemeinmedizin 22. August 2008

Ein allgemeiner medizinischer Filter

Um den Spitalsambulanzzustrom besser zu steuern, könnte es „Ambulanzen für Allgemeinmedizin“ geben. Die Frage ist nur, ob inner- oder außerhalb der Spitäler.

Auch wenn der von manchen prognostizierte generelle Ansturm auf Spitalsambulanzen während der „Tage der Ordinationsschließungen“ (umgangssprachlich: Streik) vor dem Sommer weitgehend ausblieb: Die Ambulanzen werden immer stärker frequentiert, wobei auch die Zahl der dort erfolgenden Nachfolgebehandlungen steigt. „Damit werden diese Strukturen massiv mit Aufgaben überfordert, die anderswo besser aufgehoben wären“, meint Dr. Günther Wawrowsky, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte auf Österreichebene.
Aus seiner Sicht sind eine Ursache des Problems die Öffnungszeiten der niedergelassenen Allgemeinmediziner: „Für eine Versorgung rund um die Uhr sind ihnen rechtlich die Hände gebunden. Es fehlt unter anderem die Möglichkeit, dass Ärzte und Ärztinnen eine GmbH gründen. Das ist eine langjährige Forderung der Österreichischen Ärztekammer, für die es seit 2004 einen ausgearbeiteten Gesetzesentwurf gibt, der aber weiterhin in den Schubladen des Gesundheitsministeriums liegt.“
Wawrowsky sieht zudem die Möglichkeit von „Ambulanzen für Allgemeinmedizin“. Dazu verweist er auf ein seit 2006 laufendes Pilotprojekt am Landesklinikum Waldviertel Horn. Dort wurde eine Interdisziplinäre Aufnahmestation (IAS) aufgebaut, in der vor allem geklärt wird, ob ein Patient tatsächlich stationär aufgenommen werden muss. Es können aber auch schon vorab Maßnahmen eingeleitet werden. „Vor allem mit Ärzten, die schon länger an der IAS Dienst machen, läuft die Kooperation mit Allgemeinmedizinern und niedergelassenen Fachärzten sehr gut“, berichtet Dr. Johann Jäger, Obmann der Kurie der niedergelassenen Ärzte in Niederösterreich. Sehr oft würde die Filterfunktion der IAS gut funktionieren. Vor allem bei leichteren Fälle, die tatsächlich dort landen, wo sie hingehören: im niedergelassenen Bereich.

Eine Alternative schaffen

„Allerdings: Die ausgesprochen gute technische Ausstattung wird von manchem nicht so erfahrenem Arzt auch intensiv zur Absicherungsmedizin verwendet“, sagt Jäger, für den freilich die positiven Erfahrungen überwiegen: „Es gibt nun eine Alternative zwischen stationärer Aufnahme und dem Unterschreiben eines Revers. Diese stellt auch die Einbindung der niedergelassenen Ärzte sicher.“ Zu Jahresende wird das aus Mitteln des Reformpools gespeiste Projekt evaluiert werden, Jäger hofft auf eine Überführung in die Regelfinanzierung.
Wawrowsky verweist zudem auf weiterführende Salzburger Pläne: Dort wird vor allem die interne Notaufnahme am Abend, Wochenende und Feiertag regelrecht gestürmt. Land, Gebietskrankenkasse und Ärztekammer diskutieren derzeit die Errichtung einer „Ambulanz für Allgemeinmedizin“ in Spitalsnähe. Salzburgs Ärztekammerpräsident Dr. Karl Forster hofft für die Zukunft, dass an dieser Einrichtung vor allem niedergelassene Ärzte arbeiten, eventuell auch in Kooperation mit Spitalsärzten.

Projekt im Koma

Nicht erwähnt wird der Plan eines Allgemeinmedizinischen Notdienstes, der seit über drei Jahren am Wiener Donauspital ge­plant ist. Das Modell war dem des Ärztefunkdienstes ähnlich. Die betreffenden Ärzte wären aber in entsprechend ausgestatteten Räumen im Spital tätig. Kleine medizinische Probleme könnten dort sofort behandelt werden, vor allem aber ginge es darum, auf einen konkreten niedergelassenen Arzt zu verweisen. Auch dieses Projekt hätte ein Kind des Reformpools werden sollen, welches bislang aber nicht das Licht der Welt erblickte. „Von den drei Partnern Gebietskrankenkasse, Krankenanstaltenverbund und Ärztekammer gibt es immer jemanden, der irgendwelche Vorbehalte gegen das Projekt hat. Schon zweimal war das Projekt ‚gestorben‘, und auch momentan wurde es erneut in künstlichen Tiefschlaf versetzt. Ich befürchte, aus diesem wird es niemals erwachen“, sagt ein sichtlich frustrierter Dr. Lothar Mayerhofer, Leiter der Aufnahmestation am Donauspital. Dabei würde ein solches Projekt eine ganz wichtige Filterfunktion ausfüllen. „Natürlich kostet ein solches Vorhaben in der ersten Phase Geld – das es wohl in der gegenwärtigen Situation der Wiener Gkk nicht gibt. Doch bereits mittelfris­tig würden sich deutliche Kosteneinsparungen ergeben, ganz abgesehen von den vielen Vorteilen für eine effizientere Betreuung der Patienten“, meint Mayerhofer.
Auch die Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) nimmt zu den aktuellen Diskussionen bezüglich „Ambulanzen für Allgemeinmedizin“ Stellung: „Der Hausarzt muss als Grundversorger im niedergelassenen Bereich die erste Anlaufstelle bleiben, es braucht eine haus­ärztliche Orientierung im Gesundheitssystem“, betont ÖGAM-Präsident Dr. Erwin Rebhandl. Die ÖGAM hätte zahlreiche Vorschläge, damit Allgemeinmediziner ihr Angebot entsprechend erweitern. Grundsätzlich wäre als Ergänzung in manchen Regionen eine allgemeinmedizinische Praxis im Umfeld eines Spitals denkbar. „Diese darf aber nicht unter der Ägide des Spitals stehen oder vom Spitalserhalter finanziert werden“, fordert Rebhandl.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 30/2008

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