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Allgemeinmedizin 10. Juli 2008

Wohin steuern die Lotsen?

In Österreich geht es vor allem um das wachsende Problem, dass Patienten den direkten Weg zu Facharzt und Ambulatorium wählen und so eine Lotsenfunktion des Hausarztes unmöglich gemacht wird.

„Es gibt keinerlei wissenschaftlichen Beweis dafür, dass sich durch eine hausarztzentrierte Versorgung Kosten einsparen lassen“, meint der Duisburger Professor für Medizinmanagement Jürgen Wasem im deutschen Magazin Focus. Trotzdem gibt es in Deutschland schon seit einigen Jahren Versuche, solche Systeme umzusetzen: Patienten erhalten von ihrer Versicherung Vergünstigungen, wenn sie sich verpflichten, ein Jahr lang einen Hausarzt ihrer Wahl als primäre Anlaufstelle für alle gesundheitlichen Probleme zu nehmen.
Die Barmer Ersatzkasse testete so ein Modell drei Jahre und war mit dem wirtschaftlichen Erfolg nicht zufrieden; vor einer neuerlichen Ausschreibung sollen daher Verträge mit stärkerer Ergebnisorientierung ausgehandelt werden. Dabei geht es vor allem um Vernetzung mit Fachärzten und Kliniken bzw. um integrative Versorgung und die Teilnahme der Patienten an Disease-Management-Programmen. „Es müsste genauer analysiert werden, wie die Rahmenbedingungen für solche Systeme aussehen“, meint Dr. Erwin Rebhandl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Daher seien auch die Ergebnisse einer Studie der Bertelsmann Stiftung mit Vorsicht zu genießen: Im Zuge einer Befragung von mehr als 9.000 Patienten fand die Stiftung vor Kurzem heraus, dass sich die Teilnehmer von Hausarztmodellen eher schlechter versorgt fühlen. Und dann doch den direkten Weg zum Spezialisten suchen und zusätzliche Kosten verursachen.
Eine zweite Studie kommt zu dem Schluss, dass sich Allgemeinmediziner in Ländern mit Hausarztmodellen weniger Zeit für jeden Patienten nehmen als in Ländern ohne diese Systeme.
Rebhandl kontert mit anderen Analysen: „Befragungen in Ländern mit hausarztzentrierten Systemen zeigen, dass dort die Patientenzufriedenheit höher ist und die Zusammenarbeit zwischen Allgemein- und Fachärzten besser funktioniert.“ Wobei sicher wichtig wäre, diese Modelle noch weiter wissenschaftlich zu erforschen.
„Es ist immer die Frage, wer analysiert“, mahnt Dr. Christian Euler, Präsident des Österreichischen Hausarztverbandes. „Die Bertelsmann Stiftung ist mit dem Medienunternehmen verbunden, das als Träger großer Spitäler fungiert und dessen Lobbyisten starken Einfluss auf die Politik in Richtung einer weiteren Privatisierung des Gesundheitswesens nehmen.“ Die Gefahr von Hausarztmodellen sieht Euler vielmehr in der massiven Schädigung des Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient, eine Analyse, die auch von deutschen Experten bei der Barmer Kasse geteilt wird.

Weg mit den Banalitäten

„Wer Vertrauen und Selbstkontrolle durch Reglementierungen bzw. Druck ersetzt, richtet großen Schaden an, auch in ökonomischer Hinsicht“, sagt Euler. „Der Patient wünscht sich einen Lotsen, jemanden, der mit ihm Befunde durchgeht, mit ihm entscheidet, wie der konkrete Weg der Behandlung aussieht – aber er möchte sich für diesen Lotsen selbst entscheiden.“ Damit sei auch sichergestellt, dass an Fachätzte oder Fachambulatorien spezifische Fragen und Aufträge herangetragen werden und nicht immer ganz am Punkt 0 der Diagnostik begonnen werden muss.
Das sieht Rebhandl ähnlich. Er kann sich die Implementierung von Hausarztverträgen für Österreich durchaus vorstellen. Aber es sei eben wichtig, dass die spezialisierte fachärztliche Versorgungsebene von Banalitäten entlastet wird.
Wobei in Deutschland die Diskussion entstanden ist, ob Hausärzte mit der Lotsenfunktion nicht überfordert sind. „Fakt ist, dass dieses Thema in Studium und Turnus nicht vorkommt. Nicht umsonst fordern wir die möglichst rasche Umsetzung des Facharztes für Allgemeinmedizin und dabei besonders die Absicherung von ausreichend langen Lehrpraxiszeiten, die ja derzeit noch alternativ an den Kliniken absolviert werden können.“

Links liegen gelassen

Rebhandl ist sich mit dem Mödlinger Allgemeinmediziner Dr. Christoph Eckhard einig, dass Ärzte mit langer Erfahrung Lotsenfunktionen gut und kompetent übernehmen können. Für Eckhard ist allerdings das Problem, dass „wir das vor zehn Jahren noch problemlos erfüllen konnten. Aber seit der Einführung der e-Card hat ein Systemwandel stattgefunden und der Hausarzt wird als Koordinator immer mehr links liegen gelassen.“ Daran sei letztlich ein wesentlicher Grundgedanke des Praxisnetzwerkes gescheitert, das er in seiner Region initiiert hat. Auch dort gehen Patienten oft direkt zum Facharzt oder ins Ambulatorium – hier bräuchte es dringend eine Neuregelung, damit der Hausarzt wieder der erste Ansprechpartner ist.Eine Forderung, die auch Euler unterstützt.
Eckhard kritisiert, dass „manche Ambulanzen in der Öffentlichkeit ganz offensiv auf ihre umfassenden Angebote hinweisen und sich dann beklagen, dass sie von immer mehr Patienten frequentiert werden, bei denen aber keine Basisabklärung geschehen ist oder die mit Banalitäten kommen.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 28/2008

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