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Allgemeinmedizin 26. Juni 2008

Was soll, was darf man erforschen?

Große Fortschritte in der Wissenschaft können die Gesellschaft vor mitunter gravierende ethische Probleme stellen. Wie man damit umgehen könnte und welche Rolle dabei die Grundlagenforschung spielt, dazu hielt Prof. Dr. Frank Madeo vom Institut für Molekulare Biowissenschaften der Universität Graz kürzlich einen Vortrag bei der Tagung „Ethik in der Forschung“.

 Zigaretten
Eine schwierige Frage: Sollen die eigenen Kinder über mögliche positive Wirkungen des Rauchens informiert werden?

Foto: Ernst Rose (Fotomontage) / pixelio.de

Prof. Dr. Frank Madeo behandelte in seinem Vortrag nicht die klassischen Themen der Forschungsethik. Stattdessen warf er Fragen auf, die sich um die philosophisch-gesellschaftlichen Konsequenzen verschiedener Forschungsrichtungen kümmern. Madeo selbst ist Biochemiker, hat sich in Tübingen habilitiert, das renommierte Heisenberg-Stipendium der deutschen Forschungsgemeinschaft erhalten und wurde ans Institut für Molekulare Biowissenschaften der Universität Graz berufen. Seine Entdeckung sind zelluläre Marker der Apoptose in Hefezellen. Dieser Nachweis eines Selbstmordprogramms in einem Einzeller ist hoch zitiert, Madeo hat den höchsten Citation Index in Österreich.
Eingangs zitierte der Biochemiker den Philosophen Friedrich Nietzsche: „Im Grunde ist die Moral gegen die Wissenschaft feindlich gesinnt, und zwar deshalb, weil die Wissenschaft Dinge für wichtig nimmt, die mit Gut und Böse nichts zu tun haben, folglich den Begriffen Gut und Böse Gewicht nehmen.“ In die Probleme der Forschung in der heutigen Zeit übersetzt hieße das: Was tun mit Forschungsergebnissen, die nicht der gegenwärtigen Moral entsprechen und als politisch unkorrekt gelten? Oder anders formuliert: Was soll, was darf man erforschen? Darf man alles erforschen? Und wenn ja, darf man alles Erforschte bekannt machen?

Gretchenfragen

Madeo: „Wussten Sie, dass Menschen, die sich moderatem Zigarettengenuss hingeben, deutlich seltener an Parkinson erkranken als Nichtraucher? Sind das Dinge, von denen wir wollen, dass sie allen Menschen bekannt werden? Möchten Sie zum Beispiel, dass Ihre Kinder das wissen? Wollen Sie in Zukunft auf Zigarettenpackungen drucken lassen: ,Rauchen verhindert die Neurodegeneration?“
Erneut zitierte Madeo Nietzsche: „Ein tüchtiger Bursche wird ironisch blicken, wenn man ihn fragt: Willst du tugendhaft werden? Aber er macht die Augen weit auf, wenn man ihn fragt: Willst du stärker werden als deine Kameraden?“ Auf die heutige Forschungslandschaft übertragen bedeute dies: Ehrgeizige Forscher kümmern sich in erster Linie um Erkenntnisgewinn und Ruhm und nicht darum, ob die Erkenntnisse nützlich oder schädlich für die Gesellschaft sind.
Die fehlende Wesensverwandtschaft zwischen Ethik und Wissenschaft und der ins Persönliche gerichtete Forscherehrgeiz ergeben eine unter Umständen brisante Mischung.
„Neurobiologie-Forscher haben in überzeugenden Experimenten die Existenz eines freien Willens in Frage gestellt“, erzählte Madeo. So konnte durch die Messung der Hirnströme gezeigt werden, dass mehrere Sekunden, bevor eine bewusste Entscheidung getroffen wird, diese im Gehirn bereits getroffen wurde, ohne dass der Handelnde irgendeinen Einfluss darauf hat.

Wider die freie Entscheidung

Dies deute darauf hin, dass der Mensch zwangsläufig so reagiert, wie er reagiert, und keine freie Wahl hat. Madeo: „Der Determinismus eines elektrischen Apparats namens Gehirn steuert uns.“ Diese Erkenntnisse brächten die moderne Rechtssprechung in Bedrängnis: Erst der Besitz eines freien Willens mache strafwürdig. „Die Einschränkung des freien Willens durch Alkoholkonsum oder eine psychische Erkrankung sollte die Strafe mildern. Nun ist es aber so, dass selbst ein vordergründig gesunder Mensch, der ein schweres Verbrechen begeht, im Moment der Handlung wahrscheinlich determiniert ist.“ Aufgrund der Erfahrung seines Lebens, gepaart mit der genetischen Ausstattung seines Gehirns, könne er nicht anders, als die Tat zu verüben – wie ein Psychotiker.
Madeo: „Hier steht nicht weniger auf dem Spiel als das Konzept von Gut und Böse schlechthin. Interessant ist hier auch der Fall eines gutmütigen Familienvaters, der bei einem Autounfall eine kleine Hirnläsion erlitt, welche ihn zum gefühlskalten und untragbaren Menschen machte. Ein Stückchen Gehirn weg – und aus Gut wird Böse.“
Wenn ein Mensch noch so kriminell, noch so untragbar für die Gesellschaft ist, so trage er demnach doch keine Schuld. „Wie beabsichtigt die moderne Rechtsprechung dieses Dilemma zu lösen?“ fragte der Biochemiker Madeo. Seine Vermutung: Wenn die Erkenntnis, dass niemand etwas für seine Taten kann, Allgemeinwissen wird, wird dies zwangsläufig zu einem Anstieg der Verbrechen führen. „Der Verbrecher bekommt einen moralischen Freifahrtschein für seine Delinquenz. Vergessen wir auch nicht, dass unser gesamtes pädagogisches Verhalten Kindern gegenüber vom Konzept des freien Willens, gefolgt von Belohnung oder Bestrafung, geprägt ist. Wir erziehen unsere Kinder mit dem Hinweis auf Eigenverantwortlichkeit und Entscheidungsfreiheit. Ihnen von vornherein klar zu machen, dass sie keine Verantwortung für ihre Taten trügen, hätte entsetzliche Konsequenzen für ihre ethische Persönlichkeitsbildung.“ Anders ausgedrückt und auf die Spitze getrieben: „Die Illusion, ja die Lüge des freien Willens und der Entscheidungsfreiheit ist ein notwendiges Konstrukt zur Aufrechterhaltung einer funktionierenden Gesellschaft.“

Gefährliche Gedanken

Das Wissen von der Determiniertheit des menschlichen Gehirns ist für Madeo ein sehr gefährlicher Gedanke, den sich nicht jeder leisten könne: „Manche Erkenntnisse gehören vielleicht nicht in alle Köpfe. Ich werde meinen Kindern nicht erzählen, dass Rauchen vor Parkinson schützt. Ebenso sollten nach meinem Empfinden der Schwerverbrecher und die Gerichtsbarkeit zum Wohle der Gesellschaft von dem Gedanken der Determiniertheit der menschlichen Handlungen frei bleiben.“
Letzten Endes sei es ein Maßstab für die Höhe der Kultur jedes Einzelnen, wie viel Wahrheit er oder sie verkraften könne, ohne innerlich korrumpiert zu werden. Ob dieses Wissen in die Schulbücher und in der Rechtssprechung einfließen sollte, ist für Madeo eine ganz andere Frage.
„Ethische Probleme der Wissenschaft sind immer auch ethische Probleme der Gesellschaft, da wissenschaftliche Erkenntnisse oder Begriffsdefinitionen unter Umständen tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft nach sich ziehen“, sagte Madeo. Daher sollten die Natur- ebenso wie die Sozialwissenschaften von Zeit zu Zeit einer Rechtfertigung unterworfen werden. Dies solle durch die Gesellschaft geschehen, und nicht durch Interessensgruppen wie etwa die Wirtschaft.

Öffentliche Forschungsfinanzen

Das ist für den Biochemiker auch der Grund, warum die Gesellschaft und nicht die Wirtschaft die Forschung finanzieren soll: „Ich halte die Tendenz, in der Forschung als erstes Kriterium nach Rentabilität oder Ökonomie zu fragen, für dreifach falsch. Erstens deshalb, weil eine industriefinanzierte Forschung der gesellschaftlichen Kontrolle stärker entzogen ist als eine gesamtgesellschaftlich finanzierte akademische Forschung. Zweitens ist es falsch, dass eine ökonomisch und auf direkte Anwendbarkeit ausgerichtete Forschung, mehr Geld ins Land bringt. Drittens finde ich falsch, dass die freie Wissenschaft zu einem monetären Instrument herabgewürdigt wird.“

Gezielt am Ziel vorbei

Warum aber ist es aus ökonomischen Gründen falsch, eine Rentabilität der Forschung zu fördern und zu fordern? Madeo: „Weil die Rentabilität einer Forschung nicht vorhersehbar ist. Die Dinge, mit denen heutzutage Milliarden verdient werden, wie etwa Computer, Internet, Mobiltelefonie, sind alle aus vollkommen unökonomischen wissenschaftlichen Spinnereien geboren worden. Herbert Kroemer beispielsweise bekam im Jahr 2000 den Nobelpreis für Physik für die Entwicklung von Halbleiterstrukturen für die Hochgeschwindigkeits- und Optoelektronik.“ Die Arbeiten zu diesem Thema hatte er in den fünfziger Jahren gemacht: „Die Reaktion damals: Dieses Bauteil wird nie eine praktische Anwendung finden. Aber ohne dieses Bauteil gäbe es heute kein Handy, keine DVD und keine CD. Kroemer sagte dazu: Revolutionäre Anwendungen neuer Technologien sind prinzipiell nahezu unvorhersehbar. Der Druck, die Forschung auf vorhersagbare Anwendungen zu konzentrieren, verzögert den Fortschritt, anstatt ihn zu beschleunigen.“ Grundlagenforschung, die nicht in eine Richtung gedrängt wird, sei daher am wirtschaftlichsten: „Ein Land wie Österreich, das nicht von seinen Bodenschätzen leben kann, muss in seine Grundlagenforschung investieren. Österreich kann es sich finanziell nicht leisten, permanent nach der Rentabilität seiner Forschung zu fragen.“

Art pour l’art

Warum ist es aber nicht nur finanziell, sondern auch ethisch falsch, die Forschung primär als einen Goldesel anzusehen? Madeo: „Wenn mich jemand fragt, was meine eigene Forschung eigentlich bringt, antworte ich gerne provokant: Sie bringt überhaupt gar nichts. Sie ist einfach nur schön. Schließlich unterscheiden wir uns genau dadurch vom Affen, dass wir Dinge tun, weil sie schön und interessant sind, und nicht, weil sie vorderhand etwas bringen. Ob wir ein Liedchen trällern, ein Kunstwerk betrachten oder uns einen würzigen Gedanken gönnen, wie den von der Determiniertheit des menschlichen Geistes – alles kulturelle Freuden ersten Ranges.“ Oder um es mit Nietzsche zu sagen: „Eine Reihe gelungener Experimente ist einer der schönsten Theatergenüsse.“

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 26/2008

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