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Allgemeinmedizin 13. Juni 2008

Im Schatten der Euro2008

Fußball gilt gemeinhin als „schönste Nebensache der Welt“. Freilich gibt es Menschen, die das ganz anders sehen. Die Ärzte Woche bat den Sozialwissenschaftler Dr. Jérôme Segal, die andere Seite des Profi(t)fußballs zu beleuchten – und er findet dort tatsächlich viel Schatten.

Haben Sie nicht genug von Artikeln wie „Was wird unser Bier während der Euro 2008 kosten?“ oder „Verkehrschaos in der Hauptstadt angekündigt“? Selten findet man ein Echo kritischer Stimmen in den Medien, die den Profifußball betreffen.
Einige Philosophen, Politikwissenschafter, Historiker oder Soziologen haben das Thema jedoch aufgegriffen. Zwei französische Soziologen zum Beispiel, Jean-Marie Brohm und Marc Perelman, haben 2006 ein Buch veröffentlicht: Fußball, die emotionelle Seuche. Die Herangehensweise der Autoren ist stark der Frankfurter Schule verhaftet. Brohm und Perelman geht es um Ideologiekritik und Ablehnung des Kapitalismus auf einer Freudo-Marxistischen Basis. Soweit die theoretischen Grundlagen.
Historisch gesehen sind beide, Profisport und Kapitalismus, zusammen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Parallel zur Konzentration von tausenden Arbeitern in den Fabriken entstand das Bedürfnis, reglementierte Freizeit in den Stadien zu gestalten. Alle großen Diktatoren haben schnell Stadien gebaut. Franco in Spanien, Mussolini in Italien (für die „Weltmeisterschaft 1934“) und natürlich Hitler in Deutschland. Schon im April 1933 war die deutsche Mannschaft „judenfrei“, ein schönes Beispiel der „Selbstgleichschaltung“. Man könnte noch Videla in Argentinien erwähnen – die Stadien der Weltmeisterschaft 1978 waren dieselben, in denen gefoltert wurde. In Hinblick auf diese Vergleiche wäre es sicher auch nicht schlecht, die Erfolge eines Berlusconi in Verbindung zu seiner Rolle für den AC Mailand zu setzen.

Brot und Spiele

Fußball wird als Mittel zur sozialen Kontrolle eingesetzt. „Opium des Volkes“, die bekannte Definition der Religion nach Marx, lässt sich genauso gut auf den Profifußball übertragen. Nehmen wir zum Beispiel die Budgetverteilung einer Stadt wie Saint-Etienne oder Liverpool. Man darf sich schon fragen, was für Prioritäten gesetzt wurden: kaum Geld für die Wohnungspolitik, noch weniger für die Kultur, aber glänzende Renovierungen für das Stadion (egal ob „Stade Geoffroy Guichard“ oder „Anfield-Stadion“), wo jeden Samstag die Bürger ihren Kick bekommen und das Austoben erlaubt ist.
Was sind eigentlich die wahren Werte des Fußballs? Nach Brohm und Perelman gibt es drei:

  • Verschleierung (Korruption, Mafia und Kinderausbeutung werden gerne unter den Teppich gekehrt),
  • Idealisierung (Spieler werden als Helden der Antike gesehen; es wird übertrieben, wenn es um pädagogische Werte geht)
  • und Illusion (Integrationsmittel).
  • Dieses Märchen, Fußball könne die Integration von Migranten und Migrantinnen fördern, wurde häufig benutzt, um Subventionen zu gewinnen. Die Fakten sind aber klar geschildert: in Racism and Xenophobia in European Football (Meyer & Meyer Verlag, 1996) erfährt man dank einer Analyse des türkischen Sports in Berlin, dass zwischen 1979 und 1983 die Anzahl von türkischen Sportvereinen verdreifacht wurde. Das Ergebnis war, dass im Jahre 1983 45 Prozent aller Türken vorzogen, in einem türkischen Verein zu spielen. Die Ghettoisierung wurde dann nach dem Beitritt der DDR zur BRD noch stärker. Statt von Integrationsmittel sollte wohl eher von Segregationsmittel gesprochen werden.

    Auch die Kirche wird überdribbelt

    Zur Idealisierung: Was bedeuten diese Namen, die den Mannschaften der ersten Liga gegeben werden? Wie viele Spieler von „FC Red Bull Salzburg“ haben irgendwas mit dieser Stadt zu tun? Keiner! Es gibt nicht mal zwei Österreicher in der Mannschaft. Ebenso verhält es bei allen großen Teams, wie beispielsweise Arsenal oder Barcelona. Es spielen eigentlich nur Aktienfonds und Konzerne zusammen. Und Sportwetten helfen dabei, noch mehr Geld zu gewinnen. Da diese Mannschaften wenige Identifikationsmöglichkeiten anbieten, freuen sich die Fans, „sich unter sich anerkennen zu können“. Wie es in dem Text einer Ausstellung „Helden – Heilige – Himmelsstürmer: Fußball und Religion“ im Dommuseum in Wien angekündigt ist: „Fußballer werden als Heilige verehrt; Reliquien gesammelt; zu Wettkämpfen wird gepilgert. Rituale wie das Hochheben des Pokals nach einem Sieg und das Trinken daraus erinnern an die Feier der Eucharistie.“ Langsam merkt sogar die katholische Kirche, dass sie sich mit einer ernsthaften Konkurrenz auseinandersetzen sollte.

    Die große Vergangenheit

    Diese „heilige“ Euphorie bietet die Gelegenheit, völlig ungestraft (Verschleierung) alle möglichen Gewaltausbrüche zu erleben, so lange es keine Toten und Schwerverletzte gibt. Wenn in Paris der Paris Saint-Germain Football-Club (PSG) spielt, ist der Hitlergruß selbstverständlich, in Wien ist „Judensau“ ein ganz normales Schimpfwort geworden. Am 20. April wurde Hitlers Geburtstag auf einem Spruchband gefeiert. Für die Fans wird die Gegenwart in die Perspektive einer großen Vergangenheit gestellt. Das ist eine besondere Form der Erinnerung, das „Welterzeugen“ (Nelson Goodman). Als ob Fußballereignisse wichtig wären. Man vergisst gerne, dass Spieler schwarzer Hautfarbe mit Bananen beworfen werden und Homophobie ganz banal geworden ist. Keine Instanz (auf nationaler oder globaler Ebene – FIFA, UEFA) hat die Homophobie als eine Diskriminierung anerkannt, die in den Stadien nicht erlaubt sein sollte.
    Profifußball steht für alle Unterdrückungen und Ausbeutungen, die die kapitalistische Gesellschaft auszeichnen. Er ist komplett verdorben, auch wenn er während der EURO 2008 groß gefeiert wird.

    Dr. Jérôme Segal (http://jerome-segal.de) ist französischer „Maître de conférences“ (Dozent), zurzeit Senior Researcher am Interdisciplinary Centre for Comparative Research in the Social Sciences (ICCR) und arbeitet für das Projekt Euro-Festival. Der Autor betont, dass er als engagierter Marathonläufer (22 Läufe in vier Jahren, in elf Ländern, Bestzeit 2:51) sich dem Sport als solchem durchaus eng verbunden fühlt.

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