zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 4. Juni 2008

Krankenhausreife Gesundheitsreform

Österreich hat immer noch zuviele Akutbetten und eine zu hohe Aufnahmerate in den Spitälern: das wirklich heiße Eisen einer Gesundheitsreform.

Die Gesundheitsausgaben in Österreich betrugen im Jahr 2006 rund 26 Milliarden Euro – das entspricht etwas mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dieser Anteil hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. Von öffentlicher Hand und Sozialversicherung kommen davon rund 10,6 Milliarden Euro. Etwa 41 Prozent der Ausgaben fließen in den stationären Bereich (EU-Durchschnitt: 37 Prozent).
Vom stationären Sektor ist im Kassensanierungspapier der Sozialpartner zwar die Rede, er fehlt aber im daraus resultierenden Gesetzesentwurf. Damit wurde auch das sehr ausführlich beschriebene Ziel der „Finanzierung aus einer Hand“ auf unbestimmte Zeit verschoben. „Schon bei den Finanzausgleichsverhandlungen wurden keine wirklichen Lösungen für den Spitalsbereich gefunden und die Chancen für eine Reform nicht genutzt“, kritisiert Dr. Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien in Wien. Er ist Hauptautor einer aktuellen Studie zur Messung von Effizienz und Qualität im heimischen Spitalswesen.

Höchste Aufnahmerate

In dieses fließt im Vergleich mit anderen EU-Ländern überdurchschnittlich viel Geld, ein Grund ist laut Czypionka „die sehr hohe Dichte an Akutbetten: 2005 gab es 6,1 Betten pro 1.000 Einwohner, damit rangiert Österreich hinter Deutschland mit 6,4 Betten an zweiter Stelle.“ Außerdem hat Österreich in der EU die höchste Aufnahmerate: Pro 100 Einwohner sind es 26. „Wichtig wäre, diese Effizienzpotenziale ohne Qualitätsverlust auszuschöpfen und die Finanzierung des stationären und ambulanten Sektors aus einer Hand umzusetzen mit dem Ziel, Transparenz in der Systemfinanzierung herzustellen und Leistungsverschiebungen zwischen den Bereichen zu erleichtern“, fordert Czypionka.

Wechselwirkungen

Aus Czypionkas Sicht braucht es eine Gesamtlösung, „denn wenn es zu Einsparungen in den Spitälern kommt, fallen mehr Kosten extramural an und umgekehrt“. Ein wichtiger Schritt zu einer „Spitalsreform“ ist für ihn, dass nicht mehr alles überall angeboten werden muss, also eine Spezialisierung von Krankenhäusern bzw. Zusammenlegung von Bereichen. Das würde auch die Produktivität und Effizienz in den Spitälern verbessern.
„Es ist ein Fehler, dass der Spitalsbereich nicht von der Reform erfasst wird“, meint auch Dr. Michael Heinisch, Geschäftsführer der Vinzenz-Gruppe, in der sieben Ordensspitäler organisiert sind. Ein Muss wäre die Finanzierung von intra- und extramuralem Bereich aus einer Hand. Heinisch plädiert zudem für eine Reform der leistungsorientierten Krankenhausfinanzierung: „Ein und dieselbe Leistung wird in verschiedenen Regionen unterschiedlich bewertet. Es gibt bestenfalls eine Dokumentation der Finanzströme, aber kein Steuerungsinstrument.“ Ein Ende der ungleichen finanziellen Behandlung von Ordensspitälern – in denen sich etwa ein Fünftel der heimischen Betten finden – und öffentlichen Krankenhäusern ist Heinisch freilich auch ein Anliegen. Letztere erhalten von der öffentlichen Hand eine Voll-Abdeckung ihrer Kosten, die Ordensspitäler müssen in einigen Bundesländern einen Teil ihrer Leistungen selbst bezahlen.
„Auch wenn es vielleicht zynisch klingt: Eigentlich ist es gut, dass der Spitalsbereich durch diesen Wahnsinn namens ‚Gesundheitsreform‘ momentan ausgespart ist“, kommentiert Dr. Harald Mayer, Obmann der Kurie der angestellten Ärzte der Österreichischen Ärztekammer. Würde der Entwurf wie geplant umgesetzt, würde dies zu einer deutlichen Ausdünnung der Angebote im niedergelassenen Bereich führen. „Und dann ist es gut, dass es noch die Ambulanzen und stationären Bereiche gibt – auch wenn das massive Kapazitätsprobleme bringen wird.“
Notwendig wäre jedenfalls eine deutliche Aufstockung des Personals, um den zu erwartenden noch stärkeren Run auf die Spitäler abzufangen. Mayer verweist weiters darauf, dass die Ergebnisse der Finanzausgleichsverhandlungen zumindest theoretisch bis 2012 Gültigkeit haben. „Es ist immer die Rede von ‚mehr Effizienz‘ im Spitalsbereich – wir arbeiten jetzt schon in vielen Bereichen über allen Limits.“
Auch Mayer sieht Probleme im Verhältnis zwischen Akutbetten und Bereichen mit weniger intensivem Versorgungsangebot. „Wir Ärzte haben immer wieder unsere Ideen für eine Lösung nicht nur dieses Problems eingebracht, aber diese wurden teilweise nicht einmal ignoriert.“ Er sei es leid, dass sich Ärzte immer und immer wieder für einen konstruktiven Dialog anbieten, „und dann Lösungen, die vom grünen Tisch kommen, einfach vorgesetzt werden“. Mayer kann sich vorstellen, dass „die Leistungen der Kassenärzte, aber auch die Leistungen der Spitalsambulanzen durch einen Gesamtvertrag zwischen den Kassen und den Ärztekammern geregelt wird“.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 23/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben