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Allgemeinmedizin 20. Mai 2008

„Kinderschutz sieht anders aus“

Härtere Strafen für Sexualstraftäter, umfassende Anzeigenpflicht: Diese aufgrund aktueller Ereignisse neuerlich vorgebrachten Forderungen könnten kontraproduktiv sein. Möglicherweise kommen dadurch noch weniger Fälle an die Öffentlichkeit.

In den letzten Wochen wurde ein Maßnahmenpaket vorgestellt, das die Umsetzung von härteren Strafen für Sexualdelikte vorsieht. Gleichzeitig ist die schon länger geplante Umsetzung einer verschärften Anzeigenpflicht wieder Diskussionsgegenstand. „Amstetten wird gerne als Einzelfall dargestellt – Gewalt gegen Kinder in der eigenen Familie oder nahen Verwandtschaft kommt aber in unterschiedlichem Ausmaß in etwa einem Fünftel dieser Beziehungssysteme vor“, analysiert DSA Monika Pinterits, Leiterin der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien. „Derzeit wird versucht, die Grundprinzipien des Gewaltschutzgesetzes auf den Kinderschutz umzulegen, allerdings sieht die Alltagsrealität von Kindern und Erwachsenen ganz anders aus.“ Pinterits verweist auf aktuelle Studien, die zeigen, dass viele Kinder in der Überzeugung lebten, dass, egal was in der Familie geschieht, Außenstehende nichts davon erfahren dürften. Besonders Buben sei dieses Privatisierungsgebot wichtig.

Kindliches Schweigegebot

„Kinder haben Zweifel am vertraulichen Umgang mit der Information, Kinder befürchten, dass dann schlecht über die Familie gedacht wird“, so Pinterits, schon die tagtägliche Realität gibt dieser Angst oft recht, die verschärfte Anzeigenpflicht würde dies noch verstärken.
„Gerade im Bereich des sexuellen Missbrauchs von Kindern müssen wir leider nach wie vor von einer sehr hohen Dunkelziffer ausgehen“, meint auch Justizministerin Dr. Maria Berger. Auch wenn in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein Bewusstseinswandel eingesetzt habe und immer mehr Fälle von Gewalt in der Familie auch tatsächlich zur Anzeige gebracht werden, „müssen wir hier mehr tun. Wir haben im Strafverfahren viel im Interesse der Opfer verbessern können, von der schonenden Vernehmung bis zur Prozessbegleitung. Eine Vereinheitlichung der Anzeigepflichten hat aus meiner Sicht zum Ziel, das Hinschauen bewusst zu fördern.“ Denn, so Berger, die Anzeigeverpflichtungen der einzelnen Berufsgruppen seien derzeit sehr unübersichtlich geregelt. „Anzeigepflicht wird nur bei einem konkreten Verdacht bestehen oder wenn sich ein solcher erhärtet. Es geht um eine Balance zwischen Strafverfolgung und Kindeswohl.“

Ausreichende Regelungen

Eben diese Balance sieht aber auch Prof. Dr. Wilhelm Kaulfersch, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, nicht gegeben: „Es gibt ja gerade für Ärzte jetzt schon klare und ausreichende Regelungen.“ Wenn zu schnell eine Anzeige erfolgt, würde das ganze Rad eines Verfahrens zu laufen beginnen, auch uniformierte Polizisten würden ins Spiel kommen. Sowohl Täter als auch Betroffene würden so viel schwerer den Weg zum Arzt oder zur Beratungsstelle finden. „Aber es braucht eben Experten, die die Situation der Kinder einschätzen und die vorhandenen Gegebenheiten gründlich analysieren“, verschärfte Gesetze, ist Kaulfersch überzeugt, „wiegen in einer falschen Sicherheit und würden das Problem eher verschärfen als verbessern“. Grundsätzlich nötig sei auch eine viel stärkere öffentliche Diskussion des Tabuthemas Gewalt in der Familie sowie breit angelegte präventive Maßnahmen.
Das sieht auch Pinterits so: „Schon jetzt enden viele Strafverfahren ohne eine konkrete Maßnahme. Leider wird den Aussagen der Kinder immer wieder zu wenig Gewicht gegeben.“ Das sei mit ein wesentlicher Grund, warum es nur in einem Viertel der Verfahren zu einer Verurteilung komme. „Eine Anzeige gewährleistet also keinesfalls den Schutz der Kinder“, unterstreicht Pinterits. Unreflektierte Anzeigen würden quasi zu einem Freibrief für die Täter, und betroffene Kinder wären nach einem solchen Prozess ihren Peinigern noch stärker ausgeliefert. „Schon jetzt gibt es eine Meldepflicht an die Jugendwohlfahrt“, ergänzt Pinterits.
Kaulfersch fordert für alle Bundesländer eine deutliche personelle Aufstockung dieser Institutionen, „es ist ganz sicher der falsche Weg, wenn etwa in Wien bei den Kinderschutzgruppen die Sozialarbeiter aus Kostengründen abgezogen werden.“ Auch Pinterits fordert dazu auf, „Geld in die Hand zu nehmen, damit in Kindergärten und Schulen Prophylaxe gegen Gewalt flächendeckend umgesetzt werden kann.“ Wichtig wäre auch, endlich die Kinderrechte in den Verfassungsrang zu erheben, dieser Wunsch wird auch von vielen Ärzten mitgetragen.
Kaulfersch erneuert bei dieser Gelegenheit die Forderung nach verpflichtenden Vorsorgeuntersuchungen, die über die Zeit des Mutter-Kind-Passes hinausgehen. „Diese regelmäßigen Kontakte wären eine wichtige Maßnahme, um Veränderungen im Verhalten der Kinder und Jugendlichen schon frühzeitig festzustellen und darauf adäquat zu reagieren.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 21/2008

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