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Allgemeinmedizin 16. Mai 2008

Ein Gefäßspezialist bleibt am Ball

Österreich veranstaltet zusammen mit der Schweiz die Fußball-Europameisterschaft. Die Ärzte Woche sah sich bei unserem Nachbarn um und fand einen Mann, der sowohl im Fußball als auch in der Medizin zuhause ist.

415 Publikationen, davon 260 Originalarbeiten in deutschsprachigen, englischen und amerikanischen Zeitschriften hat Prof. Dr. Alfred Bollinger während seiner aktiven Zeit als Gefäßspezialist veröffentlicht. Nach seiner Emeritierung zog er sich von Zürich in den kleinen Ort Stäfa am Zürichsee zurück. Und schreibt weiter, nun allerdings Romane.

Nach Ihrer Emeritierung haben Sie sich weiß Gott nicht zur Ruhe gesetzt, Sie veröffentlichen Romane und Fotobücher. Inwieweit sind Sie jetzt überhaupt noch mit der Medizin verbunden?
BOLLINGER: Die praktische Medizin habe ich zugunsten der Neuorientierung verlassen, doch betreibe ich sporadisch Medizingeschichte und halte entsprechende Vorträge. So wurde ich nach New York und San Diego eingeladen, auch nach Wien, Toulouse und Genua. Historische Artikel betrafen etwa das Leben und Werk von Christian Doppler (Anm.: zusammen mit Prof. Hugo Partsch aus Wien) und die Entwicklung des Ballon-Katheters durch Andreas Grüntzig, der die ersten Prototypen auf dem Küchentisch bastelte und erstmals bei Patienten der von mir geleiteten Zürcher Angiologie einsetzte.

Sie haben einen Roman über den Fußball veröffentlicht. Wie kamen Sie gerade auf dieses Thema?
BOLLINGER: Seit der Jugend hat mich dieser Mannschaftssport fasziniert, als Ausdruck der modernen Gesellschaft oder als überraschungsvolles Spiel. Nicht immer gewinnen die Besseren! Hinzu kam das Interesse für das Ballspiel der Mayas, das ich studierte, als ich jung verheiratet ein Jahr in Mexico City Assistent am Nationalen Herzinstitut war. Deshalb lag mir die Kombination von Fußball und Maya-Mythologie nahe.

Waren für das Thema umfangreiche Recherchen notwendig?
BOLLINGER: Durchaus. Ich trat dem Klub der Grasshoppers Zürich bei, ging regelmäßig zu Trainingseinheiten und Spielen. Dabei geriet ich einmal ins Tränengas der Polizei, als einzelne GC-Fans ausrasteten. Die Hauptfigur des Romans, ein Honduraner – Honduras und El Salvador führten einst einen Fußballkrieg –, wird von GC als Stürmer engagiert. In Honduras war ich zu einer Studienreise und nahm an der Europameisterschaft in Portugal teil. Mit einem Sportredakteur der Neuen Zürcher Zeitung bin ich befreundet.

Wie lange haben Sie an dem Buch geschrieben? Und wie war das, in ein ganz anderes Metier einzutauchen?
BOLLINGER: Mit Unterbrechungen waren es insgesamt etwa vier Jahre. Der Berufswechsel war schwieriger, als ich mir das vorgestellt hatte. Als erstes Werk erschien 1998 das vergriffene Fototextbuch über die Vulkaninsel Stromboli, mit der meine Familie besonders verbunden ist. Entgegen den Ratschlägen vieler Kollegen folge ich keinem fixen Arbeitsrhythmus. Ich schreibe aber täglich. Manche Einfälle kommen mir kurz vor der Morgendämmerung.

Wie haben die Mediziner-Kollegen auf Ihr Fußball-Buch reagiert?
BOLLINGER: Sehr unterschiedlich. Das Spektrum reicht von „Wie kann man überhaupt einen Roman zum schrecklichen Thema Fußball schreiben?“ bis zu „Auch für Frauen geeignet, um etwas von Fußball verstehen zu lernen“ oder „Ein spannender, exotisch angehauchter Roman über diese Sportart“. Die Rezensionen meiner Bücher fielen mit wenigen Ausnahmen erstaunlich positiv aus. Ich hatte auch Lesungen und Demonstrationen in Deutschland und der Schweiz.

Kommt Ihnen Ihr Ruf als bekannter Arzt zugute, um einen Verlag zu finden?
BOLLINGER: Überhaupt nicht. Die medizinischen Verlage, bei denen ich meine wissenschaftlichen Bücher leicht untergebracht habe, publizieren weder Belletristik noch Fotografien. Die Verlagsuche ist ein Problem, wenn man nicht gerade Günter Grass heißt.

Neben dem Schreiben fotografieren Sie auch. Was fasziniert Sie gerade an der Fotografie?
BOLLINGER: Aufnahmen machen, die für unsere Zeit typisch sind, ästhetisch reizvolle Augenblicke einfangen, Phänomene wie Berge oder Maya-Ruinen.

Welche neuen Projekte verfolgen Sie im Augenblick?
BOLLINGER: Momentan schreibe ich einen Roman mit einem Arzt als Hauptfigur. Man könnte ihn „Wissenschaftsthriller“ nennen. Wie meine Vulkanologenstory „Feuer am Galeras“ von 2003. Das Arbeiten daran macht mir echt Spaß.

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 20/2008

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