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Allgemeinmedizin 7. Mai 2008

Müden Drüsen vorbeugen

Hochdosierte synthetische Hormon-Analoga schnitten bei großen Untersuchungen (z.B. Women‘s Health Initiative) schlecht ab. Doch ist es gerechtfertigt, die Hormonsubstitution abzuschreiben? Schließlich lässt sich aus der Literatur nicht ohne weiteres auf einen Klasseneffekt der verwendeten Hormone schließen.

Die International Hormone Society (IHS) sprang für die synthetischen Hormon-Analoga klar in die Bresche: Ein erhöhtes Risiko von kardiovaskulären Erkrankungen oder Malignomen könne immer nur für jene Substanzen angenommen werden, die in den Studien tatsächlich zum Einsatz kommen.
Diese Sichtweise deckt sich mit jener der Beweis-gestützten Medizin und hat sich bei anderen Substanzklassen längst durchgesetzt. So ist etwa gut belegt, dass obwohl sich der Uralt-Betablocker Atenolol als diabetogen erwies, nicht daraus geschlossen werden darf, dass dies für Beta-Blocker gilt. Kurzum, Klasseneffekte dürfen nur angenommen werden, wenn auch deren Nachweis gelingt.
In einem Statement zu bioidentischen Hormonen hält die IHS fest, dass laut Literatur bioidentische Hormone sicherer sind als synthetische Analoga. Die Argumentation der IHS ist natürlich viel umfangreicher, als sie hier wiedergegeben werden kann (unter www.intlhormonesociety.org kann das Statement nachgelesen werden).
Doch die Verwendung bioidentischer Hormone ist nicht der einzige Unterschied zwischen einer modernen Hormontherapie und der simplen Substitution. Vielmehr setzt die Hormonsubstitution im Sinne der IHS auf den Ausgleich auch geringgradiger Defizite und dabei auf Kombinationstherapien, die den komplexen physiologischen Regelkreisen gerecht werden sollen. Zum Einsatz können je nach Bedarf ACTH, Aldosteron, Calciferol, Calcitonin, Cortisol, Cortison, DHEA, Erythropoietin, Insulin, Insulin-like growth factor, Melatonin, Östrogen, Pregnenolon, Progesteron, Schilddrüsenhormone, Somatotropin und Testosteron kommen. Die Kombinationstherapie wird anhand aufwendiger Labor-Untersuchungen individuell erstellt und im Therapieverlauf angepasst. Die Idee hinter der Substitution ist, einer Erschöpfung der hormonproduzierenden Zellen vorzubeugen. Dies entspricht in der Diabetologie der Strategie der frühen Insulinisierung von Typ-2-Diabetikern.
Aber sollen bereits geringe Drüsendefizite ausgeglichen werden? Diesbezüglich gibt es zwei widerstreitende Positionen in der Ärzteschaft – jene, die die altersabhängige Reduktion in der Hormonproduktion als physiologische Anpassung versteht, und jene, die von der stetig wachsenden Zahl an Ärzten im „Anti-Aging“-Bereich vertreten wird. Letztere betrachten die altersbedingte Hormonreduktion als Ursache vieler Einschränkungen im Alter und verweisen auf erstaunliche Regenerations-, ja Verjüngungseffekte, wenn hormonelle Defizite durch eine richtig balancierte Ersatztherapie ausgeglichen werden. Diese Sichtweise wird durch eine Vielzahl kleinerer Studien gestützt. Dass ganz große Arbeiten fehlen, hat seine Ursachen auch in kommerziellen Erwägungen. Bioidentische Hormone sind nicht patentierbar. Wie bei allen generischen Substanzen ist eine Finanzierung großer Studien mit hohen Patientenzahlen und langen Beobachtungszeiträumen nur sehr schwer realisierbar. Ganz zu schweigen davon, dass das Konzept der individuellen Therapieplanung kaum in den Rahmen der kontrollierten Doppelblindstudie integrierbar ist.

DDr. Karl-Georg Heinrich ist Allgemeinmediziner und Spezialist für Ästhetische Medizin und Kosmetische Chirurgie in Wien.
http://www.ddrheinrich.com

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