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Allgemeinmedizin 6. Mai 2008

Marketinggag oder Steuerhebel?

Ist „der Gurt“ ein Marketingtool der Apothekerkammer oder ein probates Steuerungsinstrument in Sachen Heilmittelverbrauch, das mehr Sicherheit bringt und Kosten senkt?

„Jedes fünfte Medikament in Österreich wird falsch, doppelt oder gar nicht eingenommen“, heißt es in einer Medienaussendung der Österreichischen Apothekerkammer. Belegbar sei dies mit Zahlen aus dem Pilotprojekt „Arzneimittelsicherheitsgurt“, das ein Jahr lang im Bundesland Salzburg lief. 26.182 arzneimittelrelevante Probleme seien in diesem Zeitraum aufgetreten. Im Projekt erfasst wurden 9.218 Personen, die in 71 Apotheken betreut wurden. Problematisch seien besonders Interaktionen zwischen Medikamenten in über 14.500 Fällen sowie Doppelmedikation in über 4.200 Fällen. „Im Durchschnitt wurden pro Patient drei arzneimittelbezogene Probleme aufgedeckt – 80 Prozent davon konnten vor Ort mit dem Apotheker geklärt werden mit Informationen über die korrekte Anwendung der Arzneimittel“, so Mag.pharm. Heinrich Burggasser, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer.

Funktionierendes System seit den 80er Jahren

„Was bei der Präsentation dieser Zahlen völlig unerwähnt bleibt, ist das SIS-System. Dieses wird von den Ärzten schon seit Mitte der 80er Jahre umgesetzt“, so Dr. Josef Lohninger, Obmann der Kurie der niedergelassenen Ärzte der Salzburger Kammer. „Das System wird von der überwiegenden Mehrzahl der verordnenden niedergelassenen Ärzte seit langem auf eigene Kosten verwendet und monatlich upgedatet“, berichtet der Kurienobmann. „Damit werden Interaktionen ausgeschlossen.“ Grundsätzlich wäre E-Medikation als Teilprojekt der Elektronischen Gesundheitsakte ein möglicher guter Baustein.
„Der Zugang zum Gesundheitssystem ist sehr offen – Allgemeinmediziner, Facharzt, Spital agieren oft am selben Patienten, ohne voneinander zu wissen“, konstatiert Dr. Otto Pjeta, auf Ebene der Österreichischen Ärztekammer für Medikamentenangelegenheiten zuständig. Für ihn müsste eine Grundvoraussetzung eines dem Arzneimittelsicherheitsgurt ähnlichen Systems die Freiwilligkeit sein.

Datensicherheit als Voraussetzung

Lohninger zählt weitere Aspekte auf, beispielsweise garantierte Datensicherheit: Die Daten müssten auf einem neutralen Server und nicht wie jetzt auf einem System der Apothekerkammer liegen. Zudem dürften für die Ärzte keine zusätzlichen Kosten entstehen bzw. müsste das System im Alltag ganz einfach integrierbar sein. Was die von der Apothekerkammer veröffentlichten Zahlen anlangt, so hegen Pjeta und Lohninger Zweifel an deren Richtigkeit. Pjeta: „Der Arzneimittelsicherheitsgurt ist, wie er jetzt aussieht, ein reines Marketinginstrument für die Apothekerkammer, um Geld zu verdienen.“ Lohninger ergänzt, dass „die Ärzte bislang viel zu wenig bis gar nicht in die Entwicklung und Umsetzung dieses Projekts einbezogen“ gewesen wären.
„Wir haben die Zahlen veröffentlicht, die wir im Projekt erhoben haben, und natürlich nichts verfälscht“, kontert Burggasser. „Die Teilnahme am System ist für die Patienten kostenlos, wir Apotheker verdienen hier nichts, im Gegenteil, wir haben sehr viel investiert im Sinne einer Optimierung der Versorgung – das Salzburger Projekt hat 1,3 Millionen Euro gekostet.“ Die Ärzteschaft sei mehrfach zur aktiven Teilnahme eingeladen worden – und jedesmal sei eine fast brüske Ablehnung gekommen. Das sieht Lohninger anders: „Wir haben gemeinsam mit der Apothekerkammer und dem Hauptverband einen Plan für eine mögliche Vorgangsweise erstellt.“ Der Vorwurf, eine Beteiligung abgelehnt zu haben, ginge damit völlig ins Leere.
Die Sozialpartner haben den Gurt in ihre Sparpläne aufgenommen. Vorgeschlagen wird in ihrem Konzept, das System auf alle 1.220 öffentlichen und 50 Spitalsapotheken auszuweiten. Dieser österreichweite Roll-Out würde etwa vier Millionen Euro kosten. Umgekehrt sollen damit 150 Millionen Euro bei den Medikamentenausgaben eingespart werden. Zudem ließen sich 380.000 schwere Fälle von negativen Arzneimittelwechselwirkungen vermeiden. Burggasser unterstreicht, dass mit dem System auch OTC-Präparate erfasst würden. Wir erwarten uns eine Mitfinanzierung des Systems durch die öffentliche Hand, denn alle würden davon profitieren.
Lohninger stellt hingegen folgende Rechnung an: „Mit dem Projekt wurden pro involvierter Apotheke durchschnittlich 126 Patienten erfasst – von dieser lächerlich kleinen Datenbasis auf ganz Österreich zu schließen, ist ganz einfach absurd.“ Noch dazu seien viele der festgestellten Interaktionen auf OTC-Präperate zurückzuführen, die von Ärzten normalerweise nie verschrieben werden. In Salzburg wurde unter Einbeziehung einer großen Sofwarefirma ein eigenes Modell entwickelt, das ebenso dem Hauptverband vorgestellt wurde. „Dieses System wäre wesentlich besser gesichert – aber bislang gibt es keine klaren Aussagen, was die Gesundheitspolitik eigentlich will“, so Lohninger, der sich eine baldige Rückkehr zu sachlichen Diskussionen wünscht.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 19/2008

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