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Allgemeinmedizin 29. April 2008

Retter in Not

Patienten werden immer früher aus dem Spital entlassen, das trieb die Anzahl der Krankentransporte in den letzten zehn Jahren um bis zu einem Drittel in die Höhe, Personal und Fuhrpark werden immer teurer. Doch immer öfter werden Fahrten von der Sozialversicherung nicht bezahlt, und manch einer sieht in den Transporten sowieso nur ein Geschäft.

Im Kassensanierungspapier der Sozialpartner werden die jährlichen Kosten für Krankentransporte auf 173 Millionen Euro geschätzt. Verwiesen wird in diesem Konzept auf die gesetzliche Lage, die auch durch eine Analyse des Rechnungshofs aus dem Jahr 2003 gestützt wird, dass die „Verantwortung für einen funktionierenden Kranken- und Rettungstransport bei den Ländern und Gemeinden liegt, die finanzielle Hauptlast aber derzeit die Krankenversicherung trägt“. Eine konsequentere Zusammenarbeit zwischen Verordnern, Leitstellen und Rettungsorganisationen soll Abhilfe schaffen.
„In ganz Österreich ist es in den letzten zehn Jahren zu Steigerungen bei der Zahl der Krankentransporte gekommen“, berichtet Gerry Foitik, zuständig für den Bereich Rettungsdienst und Nationale Katastrophenhilfe beim Österreichischen Roten Kreuz, wobei diese Aussage ebenso für die anderen Rettungsorganisationen gilt. „Auslöser sind die leistungsorientierte Krankenhausfinanzierung und Strukturreformen: Patienten werden deutlich früher entlassen, aber öfter wieder aufgenommen.“

Keiner fährt zum Jux

In vielen Regionen, so Foitik, gab es eine Steigerung um 30 Prozent des Transportvolumens, „immer öfter werden Fahrten von der Sozialversicherung nicht bezahlt. Gleichzeitig steigen die Kosten für Personal, die Autos bzw. den Kraftstoff.“
Ähnlich sieht das Dr. Helmut Trimmel, ärztlicher Leiter der Abteilung für Anästhesie, Notfall- und Intensivmedizin am Landesklinikum Wr. Neustadt sowie stellvertretender medizinischer Koordinator der Christophorus Flugrettung: „Die Rettungsorganisationen haben viele Maßnahmen zur Optimierung von Fahrtrouten unternommen – hier gibt es kaum noch Einsparungspotenzial.“
Für ihn stellt sich die Frage: „Wer hat Anrecht auf einen Krankentransport? Es geht um eine Versicherungsleistung, für die alle Beiträge bezahlen.“ Derzeit wird erwogen, Patienten ins Taxi zu setzen, mit Bus, Bahn oder dem eigenen Pkw fahren zu lassen. Trimmel glaubt nicht, dass sich jemand aus Jux mit dem Rettungswagen herumkutschieren lässt, von Einsparungen wären vor allem ältere und chronisch kranke Menschen betroffen sowie Personen, die aufgrund ihrer finanziellen und sozialen Situation nur begrenzt mobil sind.
Druck auf die Rettungsorganisationen entsteht zudem durch die verkürzte Zivildienstzeit: „Es braucht zweieinhalb Monate, bis jemand zum vollwertigen Rettungssanitäter ausgebildet ist. Die Zahl der Zivildiener steigt zwar, aber die Einsatztage, in denen sie zur Verfügung stehen, sinkt rapide.“ In manchen Regionen ist es zudem aufgrund der Landflucht sehr schwierig geworden, Freiwillige für den Einsatz im Rettungsdienst zu gewinnen.
In einigen Bundesländern wurden zumindest kurzzeitige Finanzspritzen für die Rettungsorganisationen beschlossen. In Niederösterreich wird künftig eine Million Euro mehr für das Notarztwesen zur Verfügung stehen. Für die Ausstattung mit Tetra-Funk-Geräten gibt es eine weitere Einmalzahlung in Höhe von 500.000 Euro. In Kärnten wurde ein neues Rettungsförderungsgesetz beschlossen – das Rote Kreuz, das 2007 einen Verlust von 4,6 Millionen Euro schrieb, wird 4,85 Millionen im Jahr bekommen, die Berg-, Wasser- und Höhlenrettung 730.000 Euro.
Trimmel bemerkt dazu, dass es sich „hier um zeitlich begrenzte Schritte handelt und sich wenig am Grundproblem ändert: Nötig wäre ein nachhaltiger Finanzierungsplan für den Bereich Rettungsdienst.“ Foitik verweist auf positive Beispiele in Oberösterreich und Vorarlberg – „hier setzen sich alle Verantwortlichen an einen Tisch: Ärzte, Rettungsorganisationen, Sozialversicherungen und die Politik, und sie überlegen gemeinsam Maßnahmen“. Er fordert gesetzlich festgeschriebene Standards für Krankentransporte und die Qualität von Rettungsdiensten, „also etwa, dass wir in 95 Prozent der Fälle innerhalb von 15 Minuten am Einsatzort sein müssen. Dann können wir auch konkret sagen, welche Kosten dieser Qualitätsstandard verursacht.“
Eine andere Position nimmt Dr. Michael Wildner, Allgemeinmediziner und Notarzt in Zirl (Tirol) ein: „Die Begehrlichkeiten der Patienten sind sehr groß – natürlich ist ein Taxi oder die Fahrt mit dem eigenen Pkw teurer. Aber eigentlich ist es nicht einsehbar, dass jemand wegen einer Gipskontrolle mit für diesen Job überqualifizierten Rettungssanitätern unterwegs ist.“ Wildner fordert Kriterien ein, was nun von der Kasse gezahlt wird und was nicht, wobei für verschiedene Bereiche auch Selbstbehalte sinnvoll wären. „Einerseits jammern die Rettungsorganisationen über Kapazitätsprobleme, andererseits sind alle diese Transporte natürlich auch ein Geschäft“, meint Wildner. Gerade darum wären einheitliche Bestimmungen mit möglichst wenig Hintertüren wichtig.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 18/2008

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