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Allgemeinmedizin 24. April 2008

Wird Österreich immer kränker?

Im Jahr 2007 wurden um vier Millionen mehr Behandlungen als im Jahr 2006 durchgeführt. Auch Arzt- und Medikamentenkosten sind gestiegen – allerdings in einem anderen Prozentsatz.

Von 2006 auf 2007 hat sich die Zahl der Erstkontakte beim Arzt um 3,5 Prozent erhöht, jene des zweiten Besuches sogar um sieben Prozent. ­Diese Daten waren in den letzten Wochen Ausgangspunkt für verschiedenste Spekulationen. So wurden die höheren Zahlen etwa mit einem konsequenteren Einsatz der e-Card erklärt, die insgesamt den direkten Zugang zu Allgemeinmedizinern und Fachärzten im Vergleich zum Krankenschein vereinfachen würde.
Dazu Hans Popper, Direktor der oberösterreichischen Gebietskrankenkasse: „Es wird nun öfter als in den vergangenen Jahren bei jedem Besuch gesteckt – egal, ob Erstkontakt oder Folgeordination, weil es organisatorisch einfacher ist.“ Außerdem sei auch aufgrund der Entwicklung am Arbeitsmarkt die Zahl der Anspruchsberechtigten deutlich gestiegen. „In Ober­österreich nehmen wir auch eine Steigerung der Arztbesuche wahr, dies hat aber keine massiven finanziellen Auswirkungen“, fasst Popper zusammen.

Kein Vorwurf

Das sieht Dr. Erich Laminger, Obmann des Hauptverbands der Sozialversicherungen, anders: „Die Zahl der Anspruchsberechtigten hat sich etwa in Oberösterreich nur um 0,7 Prozent erhöht.“ In ganz Österreich seien aber gleichzeitig auch andere Zahlen gestiegen: „Die Kosten für ärztliche Hilfe um 5,6 Prozent, ein im Vergleich zu anderen Jahren hoher Wert. Außerdem haben die Medikamentenkosten um 8,2 Prozent zugenommen – dies ist zu zwei Drittel auf einen Mengen­effekt zurückzuführen.“ Für Laminger bedeuten diese Zahlen: Mehr Menschen gehen zum niedergelassenen Arzt, und dort entstehen damit auch höhere Kosten. „Das ist kein Vorwurf an die Ärzte, sondern eine Analyse aufgrund klarer Zahlen.“ Eine konsequentere Nutzung der e-Cards würde die Steigerungen allein jedenfalls sicher nicht erklären.
Der Allgemeinmediziner Dr. Franz Burghuber aus Rohrbach sieht „einen desintegrativen Prozess durch die e-Card. Immer mehr Patienten gehen direkt zu den Fachärzten oder in die Spitalsambulanzen. Dies führt zu Versorgungsumwegen, zur Verlängerung der Krankheitsdauer, zu vermehrten Spitalsaufnahmen und damit zur Erhöhung der Systemkosten.“*
Der Allgemeinmediziner ist dafür ausgebildet, Patienten auf die richtigen und optimalen Wege im Gesundheitswesen zu lenken. Er betont, dass dies auch angesichts der wachsenden Bürokratie immer schwieriger wird. „In Oberösterreich gibt es doppelt so viele Spitals­ärzte wie 1985, die Zahl der Allgemeinmediziner ist im Sinken begriffen, aber die Anforderungen sind ungleich größer.“ Als eine der Maßnahmen gegen den allgemeinen Kostenzuwachs wird ja im Sozialpartnerpapier die Möglichkeit von Einzelverträgen mit Ärzten genannt, „das ist so, also würde ich das Ende der Kollektivverträge einläuten. Letztlich geht es nur um einen zusätzlichen massiven finanziellen Druck auf die Ärzte – das ist inakzeptabel und sicher kein probates Mittel im Umgang mit den Schwierigkeiten des Gesundheitssystems.“
Popper hat ein Problem damit, „dass viele Reaktionen aus der Gesundheitspolitik etwa eine sofortige Beschränkung des Zugangs zu Fachärzten fordern“. Dabei würde es zu keiner wirklich genauen Analyse der Daten kommen und stattdessen auf das Prinzip „Schuss aus der Hüfte“ gesetzt. In den Analysen wird nach Poppers Meinung zu wenig auf die Schnittstellenproblematik zwischen Krankenhaus und niedergelassenem Bereich eingegangen. „Oft stehen die Ärzte zu Unrecht als die ‚wahren Übeltäter‘ im Rampenlicht – dabei würde es darum gehen, so wie wir es in Ober­österreich umsetzen, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, an denen sich alle beteiligen“, so Popper weiter. Schnellschüsse würden die Probleme langfristig nicht lösen und nur zu unnötigen Konfrontationen führen.

Mehr Vorsorge

Laminger betont, genau an solchen langfristigen Strategien interessiert zu sein: „Wenn ständig mit einem vertragslosen Zustand gedroht wird, bringt das vor allem bei den Patienten eine starke Verunsicherung.“ Im Anstieg der Arztbesuche spiegeln sich für Laminger die immer deutlicher werdenden Auswirkungen von Erkrankungen, die eng mit dem Lebensstil assoziiert sind, „es sind hautsächlich Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, Stoffwechsel­erkrankun­­gen, Probleme im Bewegungsapparat oder auch psychische Symptome“. Wichtig wäre ein Umdenken, „wir – und damit meine ich ebenso die Sozialversicherung – müssen mehr in Prophylaxe und Prävention investieren, sonst wird sich am Anstieg der Kosten auf lange Sicht nicht wirklich etwas verändern.“
Gleichzeitig gelte es, bestimmte Entwicklungen im Gesundheitswesen zu analysieren und darauf zu reagieren – „wobei die enge Kooperation mit den ärztlichen Fachgesellschaften sicher wichtig ist“, meint Laminger. Ebenso nötig wäre, endlich Ungleichheiten im Tarifystem zu bekämpfen. Sie sind seit Jahrzehnten gewachsen, das bedeutet, dass für gleiche Leistungen unterschiedlich viel gezahlt wird.

* J Health Serv Res Policy 2006; 11(4): 196 - 201.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 17/2008

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