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Allgemeinmedizin 17. April 2008

Was bringt „Aut idem“?

Im „Zukunftssicherungspapier“ der Sozialpartner wird unter anderem gefordert, dass Ärzte nur mehr Wirkstoffe verschreiben und Apotheken das jeweils günstigste Medikament mit dieser Substanz abgeben. Von der Einsparwirkung dieser Vorgehensweise sind die Experten nicht überzeugt.

„Es ist mehr als zweifelhaft, ob eine Aut-idem-Regelung ein wesentlicher Beitrag zu Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen bringen würde“, meint Prof. Dr. Michael Freissmuth vom Institut für Pharmakologie der MedUni Wien. „Aut idem“ bedeutet „oder das Gleiche“: Der Arzt verschreibt ein Medikament und ein Apotheker könnte dem Patienten ein wirkstoffgleiches geben, das preismäßig günstiger ist. So zumindest ist es im Papier der Sozialpartner zur Gesundheitsreform zu lesen (siehe auch Seite 19).
Grundsätzlich wäre aus Freissmuths Sicht bis auf Ausnahmen wie z. B. Antiepiletika oder Medikamente gegen Organabstoßung vom medizinischen Standpunkt eine Aut-idem-Regelung zwar denkbar. „Wesentlich größere finanzielle Probleme werden dadurch verur­sacht, dass Pharmafirmen aktuelle Medikamente in Spitälern quasi verschenken und die Patienten darauf eingestellt werden, was auch die Niedergelassenen unter Zugzwang bringt“, so Freissmuth.
Dr. Kuno Winn bezweifelt auch die medizinische Unbedenklichkeit. Der Allgemeinmediziner aus Hannover ist Vorsitzender des deutschen Hartmannbundes, ein Berufsverband, der mehr als 60.000 deutsche Ärzte vertritt. „Auch die Trägersubstanzen des Wirkstoffes im Medikament, die mengenmäßig oft einen großen Anteil ausmachen, können unerwünschte Nebenwirkungen auslösen“, der Arzt würde auch die Haftung für diese tragen, selbst wenn der Apotheker schließlich das Präparat auswählt. „Die Trägersubstanzen sind alle zugelassen, weil sie harmlos sind und kaum Nebenwirkungen auslösen“, ist Freissmuth anderer Ansicht. Auch die ökonomischen Vorteile bezweifelt Winn, „in Deutschland gibt es diese Verschreibweise seit 1993 und jetzt auch die Rabattverträge, nach denen bestimmte Hersteller aufgrund des Preises bevorzugt werden müssen – trotzdem laufen in allen Bundesländern etliche Regressverfahren aufgrund angeblich unökonomischen Verschreibverhaltens der Ärzte.“

Anreize schaffen

Dr. Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien in Wien sieht den Aut-idem-Vorschlag als einen Baustein in einem Gesamtkonzept. Er betont: „Man muss in dieses aber auch die Ärzte einbeziehen und Anreize schaffen, damit sie kostendämpfend arbeiten. Etwa durch ein Abrechnungsmodell, bei dem es nicht um einzelne Leistungen, sondern um den Gesamtauftrag der Heilung eines Patienten geht.“ Ökonomische Vorteile durch Aut idem könnten sich dadurch ergeben, dass Apotheker nicht die gesamte Bandbreite aller Hersteller desselben Wirkstoffs vorrätig halten müssen und diesen dann auch günstiger erwerben können. Dr. Evelyn Walter, Leiterin des unabhängigen Instituts für pharmaökomische Forschung in Wien, kann Aut idem ebenfalls Positives abgewinnen, allerdings nur als „ein Schritt von vielen – übermäßig große ökonomische Vorteile allein durch diese Maßnahme sind nicht erreichbar“. Zur aktuellen Diskussion meint sie: „Eigentlich geht es wieder einmal um Nebenschauplätze, die nur Peanuts bringen – in den Spitälern gibt es bis zu vier Milliarden Euro Einsparungspotenzial vor allem durch die Beseitigung von Doppelstrukturen.“
Von Seiten der heimischen Ärzteschaft kommt zu Aut idem ein klares Nein. Dazu Dr. Otto Pjeta, auf Ebene der Österreichischen Ärztekammer für Medikamentenangelegenheiten zuständig: „Diese Maßnahme würde kein wirkliches Einsparungspotenzial bringen.“ Dazu käme ein administrativer Aufwand, der letztlich wieder zu Kosten führen würde – „und viele Medikamente müssten von der Regelung ausgenommen werden“. Für die Patienten wäre es eine Reise ins Ungewisse, würde immer wieder einen Wechsel der Medikamente von verschiedenen Herstellern bedeuten. Gerade ältere und chronisch kranke Menschen, die oft verschiedene Medikamente benötigten, sind auf ihre gewohnten Präparate fixiert und nur schwer medikamentös einzustellen. „Eine Aut-idem-Regelung würde all unsere Bemühungen auf diesem Gebiet untergraben und viele Einnahmefehler und gravierende Probleme bei der Behandlung verursachen.“ Sogenannte wirkstoffgleiche Präparate würden in vielen Fällen Medikamente sein, die sich in der Form, Farbe, im Namen und zuweilen sogar in der Einnahmeart vom Originalpräparat deutlich unterschieden. „Die Verantwortung für die medikamentöse Therapie der Patienten trägt dann der Apotheker“, unterstreicht Pjeta.
Auch Dr. Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig, nimmt den Arzt als Vertrauensperson des Patienten wahr. „Bei der Auswahl der Medikamente kann der Arzt am besten beurteilen, welches für den Patienten optimal geeignet und verträglich ist.“ Nicht berücksichtigt würde zudem das sensible Thema der Arzneimittelsicherheit, meint Huber: „Momentan ist das Überwachungssystem von Nebenwirkungen bei Arzneimitteln auf das Produkt ausgerichtet.“ Auch Huber erwartet sich keine Einsparungen, „weil Originalprodukte, wenn es dazu Generika auf dem Markt gibt, meist das gleiche Preisniveau wie Generika haben.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 16/2008

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