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Allgemeinmedizin 9. April 2008

Versicherungs-Pflicht-Versicherung

Ob sich die von der Ärztekammer vorgeschlagene Abkehr von der Pflichtversicherung durch einen Wettbewerb zwischen den Krankenkassen tatsächlich kostengünstig auf das Gesundheitssystem auswirkt, darüber sind die Experten geteilter Meinung.

Die Österreichische Ärztekammer forderte einmal mehr deutliche Änderungen im Gesundheitsbereich ein. Mit Mitteln aus der Vermögenszuwachssteuer sollen mit Hilfe einer „Strukturmilliarde“ Impulse zum Aufbau der integrierten Versorgung, zur Verbesserung der Qualität der Behandlungsabläufe, zur Reduktion von Wartezeiten und zum Ausbau der wohnortnahen Versorgung gesetzt werden. Eine weitere Milliarde könnte dabei für die Sanierung der kranken Kassen in das System fließen. Gefordert wird zudem die Umwandlung von Akutbetten in Betten im Rehabilitations- und Geriatriebereich.

Stoff für Diskussionen

Viele Diskussionen löste der Vorschlag von Präsident Dr. Walter Dorner und seines Vizes Dr. Arthur Wechselberger aus, die geltende Pflichtversicherung in eine Versicherungspflicht umzuwandeln.
„Das sind zwar ähnlich klingende Begriffe, aber es geht um eine ganz substantielle Systemfrage“, betont Prof. Dr. Bernhard Schwarz, Leiter des Karl Landsteiner Instituts für Gesundheitsökonomie: „Es wäre für die Konsumenten fast unmöglich zu differenzieren, was von einer ‚Gesundheitsversicherung am freien Markt‘ nun abgedeckt ist und was nicht.“ Zudem würde es dann medizinische Leistungen geben, für die die Versicherung nicht aufkommt. Besonders schlecht dran wären Menschen mit chronischen Erkrankungen oder solche mit schweren Leiden wie etwa speziellen Krebsformen, bei denen die nötigen Medikamente und Therapien sehr teuer sind.

Keine Kostenvorteile

Ähnlich negativ beurteilt dies Prof. Dr. Walter Schrammel vom Institut für Arbeits- und Sozialrecht der Universität Wien. Er hat schon im Auftrag der blau-schwarzen Regierung beide Alternativen verglichen: „Junge Menschen ohne Kinder hätten dann einen ganz anderen Status – es geht um die Frage: Welches Risiko sind Versicherungen bereit einzugehen und wer wird bevorzugt behandelt?“ Schrammel kann sich auch nicht vorstellen, dass diese gravierende Systemänderung tatsächlich Kostenvorteile bringen würde. „Denn irgendjemand muss schließlich die medizinische Betreuung etwa älterer oder chronisch kranker Menschen finanzieren.“
Wechselberger stellt dazu klar, dass es zwar in einem gewissen Sinn um einen Systemwechsel gehen soll, dieser aber nicht radikal ausfallen würde: „Jeder Mensch würde aufgrund seiner Berufszuordnung zunächst automatisch eine Versicherung haben. Die Beiträge würden ähnlich aussehen wie bisher.“ Aber es würde darum gehen, „dass nicht alle 19 Versicherungen das Gleiche machen, sondern auch in einen Wettbewerb treten.“ Sie sollen nach Vorstellungen der Ärztekammer „Zusatzpakete“ offerieren: Also etwa im Bereich der komplementären Medizin bzw. Vorsorgemaßnahmen. Gleichzeitig soll es auch um den Faktor Beratungs- und Informationsqualität gehen: „Patienten können sich aufgrund bestimmter Zusatzpakete und Serviceleistungen bzw. einer guten Betreuung für eine bestimmte Versicherung entscheiden.“ Wechselberger betont, dass im Unterschied zum deutschen System, wo ebenfalls frei zwischen verschiedenen Versicherungen gewählt werden kann, „es keinerlei Risiko für den Menschen gibt, der eine Versicherung benötigt. Die Grundversorgung und auch spezielle Maßnahmen wie etwa bei der Krebstherapie sind auf jeden Fall sichergestellt.“ Es würde aber darum gehen, deutlich mehr Dynamik in die heimische Versicherungsszene zu bringen. Der Wettbewerb würde zudem zu Verschlankungen in der Administration und zu Arbeitseffizienz bei den Kassen führen.

Versicherungstreu

Schrammel betont zum Vergleich mit Deutschland: „Über 80 Prozent der Menschen sind trotz der Wahlmöglichkeit bei ihrer ursprünglichen Versicherung geblieben.“ Und es komme immer wieder zu Diskussionen, wer denn nun für Hochrisikopatienten letztendlich zuständig sei. Insgesamt – da sind sich Schrammel und Schwarz einig – wäre eine solche Systemänderung ein erster Schritt in eine falsche Richtung und eine Verschlechterung, was die Breite des Versorgungsangebotes betrifft bzw. die Zugänglichkeit für möglichst alle, unabhängig von Einkommen, sozialem Status oder Vorerkrankungen.
Aus der Sicht von Schwarz wesentlich mehr Akzente für die Sicherstellung der Finanzierung des Gesundheitswesens bringen würden die Finanzierung aus einer Hand – also sowohl für niedergelassenen als auch Spitalsbereich – sowie die Etablierung größerer Versorgungsregionen: „Zwar gibt es beispielsweise Bereiche wie die Rund-um-die-Uhr-Betreuung, bei der eine Wohnortnähe unumgänglich ist. Aber planbare medizinische Eingriffe sollten an Zentren erfolgen, die aufgrund der hohen Fallzahl dann auch die bessere Fachkompetenz aufweisen würden.“ Zusätzlich, so ist Schwarz überzeugt, müsste in das System frisches Geld investiert werden, um das Leistungsniveau aufrechtzuerhalten.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 15/2008

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