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Allgemeinmedizin 3. April 2008

Bloße Information oder Werbung?

Geht es nach einem Entwurf zu einer EU-Novelle, sollen Patienten mehr Informationen zu rezeptpflichtigen Medikamenten bekommen. Die Frage ist: Von wem und auf welche Weise?

Anfang April endet die Frist für öffentliche Stellungnahmen zum Vorentwurf für eine neue Richtlinie der Europäischen Union. Es geht um eine Neuregelung der Bestimmungen zur Weitergabe von „Informationen“ zu verschreibungspflichtigen Medikamenten. Diese seien in den Mitgliedstaaten der EU sehr unterschiedlich und es bräuchte eine einheitlichere Regelung, heißt es in einem Hintergrundpapier der EU zum Vorentwurf (zu finden in Englisch im Internet unter: http://ec.europa.eu/enterprise/pharmaceuticals/index_en.htm). Ziel ist, wie es im Papier heißt, ein Mehr an unabhängigen und objektiven Informationen sicherzustellen.
Aus der Wahrnehmung von Prof. Dr. Peter Sawicki stecken hinter dem Entwurf hauptsächlich die Interessen der pharmazeutischen Industrie. Der Facharzt für Innere Medizin ist Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in Köln. Dieses betreibt unter anderem die Plattform www.gesundheitsinformation.de, die anbieterunabhängige Informationen über Krankheiten und Behandlungsmöglichkeiten anbietet.
„Es zeigt sich ja schon bei der Vorgangsweise bei den Ärzten, dass Objektivität der Informationen ein relativer Begriff ist, denn es geht ja darum, das eigene Produkt in einem möglichst guten Licht dastehen zu lassen“, so Sawicki. Ähnlich sieht dies Prof. Dr. Hans Winkler vom Institut für Pharmakologie der Medizinischen Universität Innsbruck: „Gerade durch die starke Zunahme der Generika in den letzten Jahren geht es den Firmen darum, an frühere wirtschaftliche Erfolge wieder anzuknüpfen.“
Schon jetzt gebe es bei der Information über rezeptpflichtige Medikamente direkt an Patienten einen Graubereich – etwa bei Plattformen im Internet zu spezifischen Krankheiten, die ausschließlich von einer bestimmten Firma finanziert werden. „Die Patienten sind in einer Situation, in der sie sich klarerweise möglichst schnell und umfassend Unterstützung erhoffen – und greifen dabei manchmal nach jedem Strohhalm.“ Informationen direkt über Medikamente seien für Patienten oft schwer nachprüfbar oder gar in ihrer Relevanz einschätzbar.

Mehr Vertrauen erwünscht

Ganz anders schätzt das Dr. Jan Oliver Huber ein, Generalsekretär der Pharmig, der Interessenvertretung der Pharmaindustrie: „Manchmal wird so getan, als ob mit Medikamenten ein gefährliches Gut verkauft wird. Und: Zu allen wichtigen Dingen des Lebens sind Informationen in verschiedensten Medien und im Internet zu finden. Warum nicht auch zu Medikamenten und ihren Wirkungen?“ Huber wünscht sich mehr Vertrauen in die Fähigkeit der Konsumenten, kritisch und reflektiert Entscheidungen zu treffen. „Es gibt einen sehr strengen Kodex der Pharmig, in dem auch genau zwischen Information und Werbung unterschieden wird.“ Diese Differenzierung sei auch Patienten sehr wichtig, die Versuche der Manipulation schnell wahrnehmen würden. „Mehr Möglichkeiten der direkten Information für Patienten würden eher eine differenzierte Darstellung der Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten unterstützen“, meint Huber.

Patienten fordern Therapie

Sawicki sieht allerdings ebenso die Gefahr, dass Patienten dann –mehr, als sie das jetzt schon tun –zum Arzt gehen und ein ganz bestimmtes Medikament einfordern: „Beispielsweise weil sie eine Fernsehsendung gesehen haben, in der ein bekannter Sportler berichtet, wie gut ihm ein bestimmtes Präparat geholfen hat.“ In den USA und in Neuseeland ist die direkte Information zu verschreibungspflichtigen Medikamenten schon länger Realität. Und dort gebe es bereits Probleme, dass bestimmte Medikamente überdurchschnittlich oft angefordert werden. „Es zeigt sich, dass bestimmte Präparate, die noch nicht ausreichend lang in Bezug auf Wirkung und Nebenwirkungen untersucht wurden, schon sofort nach der Zulassung viel zu breit verwendet werden. Daraus kann sich eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung ergeben“, so Winkler.
Genau diese Gefahr würde auch, so Winkler weiter, durch die neue EU-Richtlinie drohen. „Viel wichtiger wäre es, Plattformen in allen Mitgliedstaaten zu finanzieren, die Zugang zu tatsächlich anbieterunabhängigen Informationen über Medikamente und verschiedene Therapieverfahren bieten.“ Für Sawicki wichtig ist dabei vor allem der Aspekt, „dass nicht vermittelt wird, dass der Griff zu Medikamenten die einzige Möglichkeit für den Umgang mit einer Krankheit ist. Aber genau dies würde durch die neue EU-Verordnung noch stärker der Fall sein.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 14/2008

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