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Allgemeinmedizin 27. März 2008

Gesundheit für alle als Aufgabe des Managements

Jeder Einzelne verbringt den Großteil seines Tages in Organisationen, ob am Arbeitsplatz, in der Schule oder im Alter in einer Betreuungseinrichtung. Die Lebensbedingungen an diesen Orten können der Gesundheit ab- oder zuträglich sein. Welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, soll in den kommenden sieben Jahren erforscht werden.

Über die Aufgaben des neu gegründeten Ludwig Boltzmann Instituts (LBI) für Gesundheitsförderungsforschung sprach mit der Ärzte Woche der mit der Leitung des Instituts betraute Soziologe Dr. Wolfgang Dür.

Herr Dr. Dür, was sind die Ziele des LBI für Gesundheitsförderungsforschung?
Dür: Wir verbinden angewandte Forschung und Spitzenforschung. Das funktioniert jedoch nur, wenn man akademisch fundiert ist, das heißt in Universitäten, und andererseits relevante Player im Feld hat, die dann auch für die Anwendung sorgen können. In unserem Fall sind das Ministerien, Sozialversicherung und Länder, bzw. das Bundesland Wien und der Fonds Gesundes Österreich, weil der natürlich auch permanent Projekte fördert. Weil wir eine Programmlinie haben, die sich mit Jugend, Kinder und Schule beschäftigt, ist das Unterrichtsministerium dabei. Zusätzlich sind die Universität Wien mit dem Institut für Soziologie, die Universität Bielefeld mit der Fakultät für Pflegewissenschaften und die Universität Edinburgh in Schottland, Erziehungswissenschaft, für den Bereich Kinder, Jugend und Schule im Boot.

Sie vereinen also Forschung und Umsetzung?
Dür: Es meint beide Fragestellungen: Wie beeinflussen Organisationen die Gesundheit von Menschen, in einem jetzt negativen Sinn? Aber auch, was kann man in Organisationen tun, die Gesundheit von Individuen zu fördern bei gleichzeitiger Verbesserung der Kernleistungen der Organisation? Etwa im Bereich der Schule gibt es bereits Indizien dafür: Je besser die Gesundheit von Lehrern und Schülern, desto besser der Schulerfolg. Gesundheit in einem breiten Sinn verstanden, also, wie die WHO definiert, im Sinn von physischer Fitness, von fehlenden Krankheiten, ja sogar von Wohlbefinden, und zwar nicht zuletzt in mentaler und sozialer Hinsicht.

Wenn man Gesundheit so umfassend versteht, dann ist es doch eine riesige Aufgabe, sämtliche psychologischen und sonstigen Einflussfaktoren zu klären.
Dür: Es ist ein großes Feld, das wir allerdings fokussieren. Wir untersuchen nicht speziell das Bewegungs- oder Ernährungsverhalten, sondern unser Fokus ist eher auf die Frage gerichtet: Welchen Beitrag leistet die Organisation? Das ist im Fall von Kindern und Jugendlichen die Schule. Wir haben auch Alte als Zielgruppe, und dort fokussieren wir auf Pflege­einrichtungen. Aber auch dort – vom Pflegeheim bis zur mobilen und häuslichen Pflege – heißt der Fokus organisierte Langzeitbetreuung. Wie kommt es zu Entscheidungen? Wie werden Individuen inkludiert in diese Entscheidungsprozesse? Das sind die zwei wesentlichen Fragestellungen.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Dür: Wir schauen uns drei Settings an: Schulen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen im weitesten Sinn des Wortes. Wir haben in all diesen Settings verschiedene Projekte laufen. Im Schulbereich gibt es eine große WHO-Studie, Health Behaviour in School-aged Children (HBSC-Studie, www.hbsc.org), die seit vielen Jahren läuft und schlicht Gesundheit und Gesundheitsverhalten bei Kindern und Jugendlichen beobachtet. Es gibt in Österreich ein großes Projekt, es heißt „Gesunde Schule“, das in den nächsten Jahren flächendeckend Veränderungsprozesse durchführen wird.

Der Aspekt, dass Lehrer besser unterrichten, wenn sie sich gesund und glücklich fühlen, ist nicht von der Hand zu weisen.
Dür: Es geht immer um den Kernprozess. Wie kann man so unterrichten, dass die Schüler nicht einschlafen, dass sie die Aufgaben bewältigen können, herausgefordert, aber nicht überfordert sind? Wie kann man Leistungsbewertung durchführen, ohne dass ganze Familien in Deprimation verfallen? Die große Frage nicht nur in der Schule, auch in Betrieben lautet: Wie kann man Gesundheit als wesentliches Merkmal in Entscheidungen einführen, sodass alle Entscheidungen eines Betriebs oder einer Schule, am Kernprozess gemessen, tatsächlich gesundheitsförderlich sind und nicht gesundheitsschädigend? Das ist alles andere als trivial, das lässt sich noch nicht in Lehrbüchern nachlesen. Da ist immer noch viel an Experimenten notwendig, auch wenn man das Wort Modellprojekt mittlerweile vermeidet, weil man weiß, dass es mehr behindert als Entwicklungen fördert.

Wollen Sie also eine neue Managementlehre entwickeln? So wie das Qualitäts- oder Umweltmanagement, mit Zertifizierung?
Dür: In die Richtung wird das gehen . Noch ist es zu früh, mit Zertifizierungen zu beginnen. Es ist klar, dass die Gesundheitsförderung als Management-Tool in das Qualitätsmanagement eingebaut werden muss. Noch viel besser ist es, das zu integrieren, im Total Quality Management (TQM), und zu sagen: „Qualität muss bei jedem einzelnen Schraubendreher mitgedacht sein, nicht hinterher als Kontrolle.“ So muss Gesundheitsförderung integriert in allen Prozessen funktionieren und nicht als zweiter Prozess, etwa in dem Sinn: Zuerst stressen wir uns ab, und dann machen wir eine Laufgruppe. Es kann auch nicht sein, dass man acht Stunden am Tag sich in der Arbeit kaputt macht, um dann am Abend die Familie dazu zu benutzen, wieder seelisch aufgerichtet zu werden.

Wenn man in der medizinischen Forschung gute Aussagen haben möchte, dreht man nur an einem „Schräubchen“ und überprüft die sich daraus ergebende Änderung. Sie forschen in einem äußerst komplexen Umfeld. Sind Ergebnisse dann noch bewertbar?
Dür: Das ist eine besondere Herausforderung, vor der nicht nur wir stehen, sondern diese ist aus der gesamten Gesundheitsförderungsforschung her bekannt. Es gibt auch eine Debatte, die neu aufgeflammt ist: Es gab lange Zeit einen Konsens in der Richtung, man könne bei der Komplexitätslage, die wir bearbeiten müssen, keine randomisiert kontrollierte Studien (Random Controlled Trials, RCT) durchführen, wie man das in der Medizin gewöhnt ist. Nun gibt es jedoch eine neue Debatte darüber, ob man nicht doch in eingeschränkten Bereichen RCTs machen kann. Im Moment arbeiten wir mit einer RCT-Expertin, einer Medizinerin der MedUni Wien, zusammen und führen ein RCT zumindest in einem Bereich durch, um zu sehen, ob das nicht doch funktionieren kann.

Inge Smolek, Ärzte Woche 13/2008

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