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Allgemeinmedizin 27. März 2008

Oben sitzen die Herren

Je weiter oben in der Hierarchie, desto weniger Frauen sind anzutreffen – das scheint auch heute noch Gültigkeit zu haben. In der Medizin gilt dies genauso wie in der Wirtschaft. Änderungen greifen nur langsam.

Auch wenn heute mehr als 50 Prozent der Medizinstudenten Frauen sind: Die Leitungsfunktionen im Gesundheitsbereich – von der Ministerin mal abgesehen – sind immer noch hauptsächlich von Männern dominiert. In Zahlen ausgedrückt: Der Anteil an ordentlichen Professorinnen an der MedUni Wien beträgt 7,6 Prozent, in Graz liegt der Frauenanteil unter den Professoren bei knapp über drei und in Innsbruck bei knapp neun Prozent. Auch in den Leitungsgremien der medizinischen Universitäten sieht es bis dato nicht viel besser aus: Nur drei von neun Vizerektoren der Medizinunis sind weiblich. Eine Medizin-Rektorin sucht man vergeblich.

Gläserne Decke

Die Ausdünnung erfolgt von unten nach oben: 56 Prozent der Medizinstudenten sind weiblich und auch bei den Abschlüssen dominieren die Frauen mit über 50 Prozent. In der postpromotionellen Ausbildung sieht vorerst alles ebenfalls schön gegendert aus: Rund 58 Prozent der Turnusärztinnen sind weiblich. Betrachtet man die Facharztausbildung, geht die Schere allerdings bereits weit auseinander: Österreichweit sind nur rund 30 Prozent aller Fachärzte Frauen. In einzelnen Fächern, wie etwa der Chirurgie, beträgt der Frauenanteil sogar nur knapp 14 Prozent.
Und in den Krankenhäusern – da zeigt sich schon im Bereich der Assistenz ein deutliches Bild: 108 Jahre nach der Öffnung der medizinischen Fakultät für Frauen beträgt der Anteil von Frauen unter den Assistenzärzten zwischen 30 und 40 Prozent, bei den Habilitierten sinkt der Wert auf 15 bis 18 Prozent. Bei den Professuren – siehe oben – sind nach wie vor über 90 Prozent der Stellen mit Männern besetzt.
Frauenförderung- und Genderprogramme sind seit der Novelle des Universitätsorganisationsgesetzes 2002 gesetzlich vorgeschrieben. Jede Medizinuniversität in Österreich verfügt über solche Programme zur Förderung der Karrieren von Medizinerinnen. Fortschritte passieren allerdings nur sehr, sehr langsam: „Göttinnen in Weiß gibt es noch lange nicht“, hielt etwa die Vizerektorin für Personalentwicklung und Frauenförderung an der Medizinischen Universität Wien, Prof. Dr. Karin Gutierrez-Lobos, anlässlich des Frauentages 2008 am 8. März fest.
Viele Ärztinnen wünschten sich eine Ehefrau, die die Kinder erzieht, den Haushalt schupft und ihnen den Rücken freihält. Womit bereits ein wesentlicher Grund für die schlechteren Karrieremöglichkeiten von Frauen in der Medizin genannt ist: Nur wer sich ohne viel Ablenkung der eigenen Karriere widmen kann, wird auch aufsteigen. Wer Kinder hat, tut sich damit schon deutlich schwerer – sofern „derjenige“ eine Frau ist, wohlgemerkt. Denn während Ärzte, Professoren und Klinikvorstände im Regelfall verheiratet sind und Kinder haben, findet sich unter Medizinerinnen in Führungspositionen eine hohe Anzahl von Unverheirateten und Kinderlosen.

Kinder, Küche, Karriere

Für die erste Vorständin einer gynäkologischen Abteilung in Österreich, Prof. Dr. Teresa Wagner, ist klar: „Mit Kindern wäre meine Karriere vollkommen anders verlaufen.“ Eines der Ziele der Primaria der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Kaiser Franz Josef Spital ist folgerichtig: „Ich bemühe mich jetzt in meiner Position als Primaria, Frauen in meinem Umfeld zu ermöglichen, Karriere und Kind zu vereinbaren.“
Natürlich gibt es auch jene Medizinerinnen, die alles vereinbaren können: etwa Prof. Dr. Hildegunde Piza-Katzer, Vorständin der Abteilung für Plastische, Rekonstruktive und Wiederherstellungschirurgie an der Medizinischen Universität Innsbruck, die allerdings festhält: „Es geht nicht ohne ein riesiges Hilfsnetz: Meine Eltern, die Eltern meines Mannes und natürlich eine Haushälterin, die mittlerweile seit 25 Jahren bei uns ist, haben uns unterstützt. Mein Mann ist mein bester Freund, der meine Karriere immer mitgetragen hat.“ Auch die Fachärztin für Dermatologie und Venerologie und Oberärztin an der Medizinischen Universität Graz, Prof. Dr. Elisabeth Aberer, schaffte die Karriere plus Kindern. Der Preis dafür war hoch: „Wenn ein Kind krank wird, ist die ganze mühsam organisierte Einteilung beim Teufel. Nach schlaflosen Nächten wieder an die Arbeit zu gehen, kostet sehr viel Kraft.“

Bereits Mädchen fördern

Wer eine medizinische Karriere anstrebt, braucht Durchsetzungsvermögen, einen starken Willen, viel Kraft und eine dicke Haut. So wie die bereits erwähnte Hildegunde Piza. Sie war die erste Vorständin in ihrem Fachgebiet in Österreich und wurde in Innsbruck mit den Worten „Hier hat niemand auf Sie gewartet“* empfangen. Und die erste ordentliche Professorin für Gerichtsmedizin am Wiener Department für Gerichtliche Medizin, Prof. Dr. Andrea Berzlanovich, durfte sich anlässlich ihrer Bewerbung um eine Facharztstelle an eben jenem Institut anhören: „Sie sind doch gar nicht so hässlich, dass Sie keinen Mann bekommen – warum wollen Sie denn die Stelle haben?“ Vizerektorin Karin Gutierrez-Lobos rät allen Kolleginnen: „Nehmen Sie Beleidigungen nicht persönlich. Ich habe immer versucht, paradox zu intervenieren, etwa wenn mir jemand Karrieregeilheit unterstellt hat: Dann habe ich geantwortet: Na klar bin ich karrieregeil.“
Einig sind sich alle in den letzten Wochen von der Ärzte Woche interviewten Medizinerinnen darin: Eine Intervention, eine Förderung zu Beginn der medizinischen Karriere ist sinnvoll. Bei den Studierenden will Gutierrez-Lobos ansetzen: „Dort planen wir, bereits in das Studium Angebote zur Karriereförderung zu integrieren. Ich möchte unser Mentorinnen-Programm ausbauen und ganz allgemein die Leistungen unserer Frauen sichtbar machen.“

Man kann nie früh genug anfangen

„Ich glaube, wir müssen schon viel früher ansetzen, nämlich im Elternhaus“, meint Teresa Wagner. „Eine Frau, der in den wichtigsten Jahren ihres Lebens nur kommuniziert wird, sie sei weniger wert, wie soll die Selbstbewusstsein entwickeln?“ Wie wichtig das ist, dafür scheinen auch die Zwischenergebnisse einer aktuellen Studie der Bildungspsychologin Dr. Christiane Spiel zu sprechen. Die Studie wurde nach dem Ergebnissen der Medizineingangstests 2007 in Auftrag gegeben. Der Grund dafür: Frauen schneiden – und zwar ausschließlich in Österreich – bei diesen Tests deutlich schlechter ab als Männer. Die vorläufigen Ergebnisse der von Christiane Spiel geleiteten Studie deuten auf Defizite in der Schulbildung hin. Mädchen würden eher für Wohlverhalten, Burschen eher für Leistungen gelobt und benotet. Die Endresultate der Untersuchung stehen noch aus.
Klar ist, Frauen können (und müssen wohl auch) sehr viel selbst tun, wenn sie eine Karriere in der Medizin anstreben. So sagt die Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, Dr. Susanne Rabady, dazu: „Ich denke, Frauen dürfen nicht in der Opferrolle verharren, da wird sie niemand herausholen.“

Selbst ist die Frau

Hildegunde Piza und Margarethe Hochleitner raten zu einer intensiven Vernetzung. Gerichtsmedizinerin Andrea Berzlanovich setzt auf „Engagement und Selbstbewusstsein, ebenso wie auf einen eisernen Willen und Hartnäckigkeit“. Und Karin Gutierrez-Lobos rät: „Ich glaube, man darf sich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Es ist wichtig, mit anderen Frauen in der gleichen Situation Kontakt aufzunehmen. Und ich glaube, man sollte eine Vorstellung von der eigenen Karriere haben: Es ist nicht obszön oder falsch, als Frau Karriere machen zu wollen.“ Frauen müssen wissen, was sie wollen, und sie brauchen Kraft, Mut und den Willen, dies auch durchzusetzen.
Von Gleichberechtigung in der Medizin ist allerdings auch 2008 noch nicht allzu viel zu sehen. Teresa Wagner sagt deshalb unumwunden: „Ich bin für eine Quotenregelung, auch in der Medizin. Da halte ich es ganz mit der ehemaligen Frauenministerin Johanna Dohnal: Wenn genauso viele unfähige Frauen wie unfähige Männer in Führungspositionen sind, dann besteht Gleichberechtigung.“

 Ärztinnen und Ärzte in Österreich

* nachzulesen in der Studie Margarethe Hochleitner: Hier hat niemand auf Sie gewartet! Frau in der Medizin. Ärztinnenstudie 2002
Universität Innsbruck, innsbruck university press iup
ISBN: 978-3-901249-73-0

Sabine Fisch, Ärzte Woche 13/2008

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