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Allgemeinmedizin 27. März 2008

Ärzte im Beichtstuhl

Ende Februar brachen 17 deutsche – zum Teil recht bekannte – Ärzte, Therapeuten und Krankenschwestern eins der striktesten Tabus in der Medizin und gestanden in einer Patientenbroschüre eigene Behandlungsfehler. Doch was ist die Konsequenz?

Ärzte, Pflegepersonal und Therapeuten – alle in leitender Position – wandten sich kürzlich in Deutschland mit einer Broschüre an die Öffentlichkeit. Der brisante Inhalt: Behandlungsfehler. Begründung für das Outing: Das Thema sei zu lange einfach totgeschwiegen worden. Ziel der Aktion: sich mit möglichen Risiken und Fehlerquellen auseinanderzusetzen und nicht nur dann – panisch – zu handeln, wenn tatsächlich etwas schief gelaufen ist.
„Es ist keine Frage, dass eine Enttabuisierung des Themas ‚Umgang mit Fehlern in der Medizin‘ wichtig ist“, meint Oberin Margit Ernst, Leiterin der Organisations- und Personalentwicklung im Wiener Krankenanstaltenverbund KAV und mitverantwortlich für die Umsetzung des Riskmanagement-Projekts. „Das darf aber nicht dazu führen, dass ein Krankenhaus oder eine Ordination plötzlich als unsicherer Ort erscheinen, wo es quasi gefährlich ist, sich behandeln zu lassen.“ Dies könnte nämlich der negative Aspekt einer Broschüre wie jener in Deutschland sein.

Aktive Fehlernutzung

„Ein Ziel ist, Beinahefehler und Fehler als Quelle für Qualitätsarbeit und Weiterentwicklung zu erkennen und aktiv zu nutzen“, meint dazu der Chirurg Dr. Ulrich Schmidbauer, Qualitätsmanagement-Beauftragter im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien und Leiter des Brustgesundheitszentrums der Vinzenz-Gruppe Wien. Auch Dr. Esther Thaler, Geschäftsführerin der Österreichischen Gesellschaft für Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement, unterstreicht: „Fehler können und dürfen passieren. Gleichzeitig darf es nicht zu einer Verunsicherung der Patienten kommen.“
Aus Thalers Sicht sind sowohl im intra- als auch extramuralen Bereich einige Anzeichen für einen allmählichen Kulturwandel im Umgang mit Fehlern sichtbar, wenngleich noch viel zu tun bleibt: „Es geht darum, dass mögliche Risiken, Beinahefehler und tatsächliche Fehler offen angesprochen werden können. Und dass diese als Ausgangspunkte für nachhaltige Systemveränderungen dienen.“ Das sieht Ernst genauso: „Leider geht es in der öffentlichen Diskussion dann meist um Einzelpersonen und ihr konkretes (Fehl-) Verhalten – dabei stehen die Betroffenen oft am Ende einer Kette, wo vorher schon sehr viel schiefgegangen sein kann.“ Auch Schmidbauer kritisiert das teils krampfhafte Suchen nach Sündenböcken als Alternative zur Analyse von Problemen im System.

Anonymität als Grundprinzip

„Im Krankenhaus wichtig ist ein anonymisiertes System, über das Beinahefehler gemeldet werden können“, so Schmidbauer. Es sei dabei völlig unerheblich, wer konkret den Fehler (fast) begangen hat, von Bedeutung sei vielmehr, wie der Lapsus in Zukunft vermieden werden kann. In den Krankenhäusern der Vinzenz-Gruppe wurde 2003 das Hisam(High-Safety-Management-)System implementiert – 220 Meldungen laufen im Jahr allein im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien über diese Einrichtung. „Daraus haben sich inzwischen verschiedene Projekte zur Qualitätssicherung entwickelt. Der Schlüssel zum Erfolg ist neben der Anonymität die Tatsache, dass derjenige, der den Fehler meldet, direkt von der Umsetzung dieser Projekte profitiert“, berichtet Schmidbauer.
Ähnlich erfolgreich entwickelt sich das seit 2006 laufende Wiener Projekt, bei dem „alle Abteilungen Zugriff auf die Daten haben und so aus den Fehlern und Beinahefehlern anderer lernen können“, erklärt Ernst. Inzwischen würde das System allgemein gut angenommen und sei Ausgangspunkt für eine konstante Weiterentwicklung.

Analyse von Risiken

Für Thaler ist auch die nach wie vor laufende Evaluierung aller Arztpraxen ein Weg, um eine positive Fehlerkultur aktiv zu fördern. Die inzwischen über 820 direkten Besuche in Ordinationen wurden „sehr positiv angenommen“. Die Ärzte hätten es sowohl als große Chance zur Standortbestimmung gesehen als auch den Prozess genutzt, um mögliche Sicherheitsrisiken und Fehlerquellen zu analysieren und diesen aktiv zu begegnen. „Ärzte sind oft Einzelkämpfer, die Impulsen von außen sehr offen gegenüber stehen“, räumt Thaler mit Klischees vom ‚unbelehrbaren Gott in Weiß‘ auf. So würden diese auf die über 1.180 Aufträge zur Behebung von Mängeln und damit potenziellen Fehlerquellen sehr positiv reagieren bzw. auch beginnen, sie schrittweise umzusetzen.
Auch in kleinen Einheiten wie Ordinationen wäre es sehr wichtig, kontinuierlich über Beinahefehler und Fehler offen zu sprechen und eine Kultur zu fördern, die eine offene Diskussion darüber fördert. „Es ist ein großer Fehler, wenn manchmal versucht wird, den Null-Fehler-Nimbus des Gesundheitswesens heraufzubeschwören“, unterstreicht Thaler. Selbstverständlich können auch Ärzte Fehler machen – es geht darum, wie Risiken möglichst minimiert und wie aus aufgetreten Problemen gelernt werden kann.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 13/2008

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