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Allgemeinmedizin 19. März 2008

„Ich will Grenzen überschreiten!“

„Ich bin ein visueller Typ und liebe die Forschung“, erläutert Prof. Dr. Elisabeth Aberer, Fachärztin für Dermatologie an der Meduni Graz, die Entscheidung für ihr Fach.

Im Gespräch mit der Ärzte Woche berichtet die – nicht nur in der Dermatologie engagierte – Medizinerin, warum sie eigentlich Sängerin und Tänzerin werden wollte und wie sie die Kraft für ihren anstrengenden Beruf findet.

Wann wussten Sie, dass Sie Ärztin werden wollten?
Aberer: Ich glaube, da war ich 15 Jahre alt. In meiner Familie gab es mehrere schwere Krankheitsfälle. Diese Ohnmacht, daneben stehen zu müssen und nichts tun zu können, hat sicherlich wesentlich zu meiner Entscheidung für die Medizin beigetragen. Ich wollte eben nicht nur zuschauen, sondern selbst helfen.

Warum Ärztin?
Aberer: Abgesehen von der persönlichen Betroffenheit hat mich die Medizin vom ersten Augenblick an begeistert. Ich habe gleich gemerkt, das ist das Richtige für mich. Dabei wollte ich – nach diesem Jugendtraum von der Medizin – eigentlich etwas ganz anderes machen: Ich bin ein sehr musikalischer Mensch, habe viele Jahre lang Klavier gespielt, Gesangsunterricht genommen und getanzt. Am liebsten wäre ich Ärztin und gleichzeitig Opernsängerin geworden. Das ist sich aber dann nicht ausgegangen.

Welche „Stolpersteine“ hatten Sie auf Ihrem Karriereweg zu überwinden?
Aberer: Schwierig war der Weg zum Fach. Ich wollte ursprünglich Fachärztin für Hals-, Nasen- und Ohrenerkrankungen werden, das ging damals nicht, weil es hieß, „die nehmen keine Frauen“.1 Dann habe ich mich für die Pädiatrie entschieden. Allerdings haben mir die kranken Kinder so leid getan – das hätte ich sicherlich nicht ein ganzes Berufsleben lang ausgehalten. Letztlich bin ich mir bewusst geworden, dass die Dermatologie das perfekte Fach für mich ist.

Warum haben Sie sich für die Dermatologie entschieden?
Aberer: Ich bin ein sehr visueller Typ, ich schaue gern, verfüge über ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen, bin akribisch und neugierig – die ideale Kombination für die Dermatologie. Auch die Forschung hat mich immer fasziniert. Anfangs habe ich mich sehr viel mit Dermatopathologie befasst. Mein Spezialthema war über ein Jahrzehnt die Suche nach dem Nachweis von Borrelien in der Haut. Das war ein harter Weg mit großen Anstrengungen und viel Verzicht. Diese Arbeit hat mir eine Menge abverlangt. Aber letztlich ist es mir gelungen.

Sie sind in Ihrem Beruf sehr engagiert – wie geht sich da ein Privatleben aus?
Aberer: Es ist alles eine Frage der Organisation. Ich bin verheiratet und habe drei Kinder. Mein Mann unterstützt mich in allen Belangen, was für die Stabilität der Familie sehr wichtig ist. Ich bin ihm sehr dankbar dafür. Für mich war immer klar, das Wohl der Kinder steht im Vordergrund, das bedeutet für den Beruf, immer wieder Kompromisse eingehen zu müssen. Wenn ein Kind krank wird, ist die ganze mühsam organisierte Einteilung nämlich beim Teufel. Nach schlaflosen Nächten wieder an die Arbeit zu gehen kostet sehr viel Kraft.

Und wie holen Sie sich diese Kraft wieder zurück?
Aberer: Mit der Musik. Ich bin oft spätabends, wenn die Kinder geschlafen haben, Klavier spielen gegangen, habe viele Jahre lang Hausmusik-Abende veranstaltet und singe in einem Chor. Das ist Zeit für mich selbst, die mir sehr viel Kraft gibt. Die zweite Kraftquelle war für mich immer die Bewegung: Ich tanze sehr gerne, etwa Jazztanz, auch das füllt meine Reserven wieder auf.

Neben Ihrer Tätigkeit als Dermatologin haben Sie sich mit Spiritualität im Krankenhaus beschäftigt, warum?
Aberer: Die Menschen, die zu uns kommen, sind sehr bedürftig. Sie haben Angst, brauchen Trost und Zuspruch. Ich sehe als Ärztin nicht nur die Krankheit, sondern auch den Menschen, der dahintersteckt. Mir ist es wichtig, den Menschen in seiner Ganzheit zu erfassen. Deshalb habe ich mir in einem fünfjährigen Theologiekurs Kenntnisse erworben, die mir helfen, auch als „Seelsorgerin“ tätig zu sein, zehn Prüfungen und Diplomarbeit inklusive. Ich wollte mehr wissen über die Bedürfnisse des kranken Menschen, woher er kommt, wie er „Das Feedback von dankbaren Patienten ist eine Glücksquelle.“
oder sie mit bestimmten Situationen umgeht, um Gespräch und Patientenführung entsprechend anzupassen. Ich habe dabei sehr viel gelernt. Meine Abschlussarbeit hat sich mit pluralistischer Religionstheologie befasst. Ich denke, jeder Mensch, der zu uns kommt, hat seine eigene Geschichte, er hat in seiner Familie bestimmte Dinge und Verhaltensweisen gelernt. Der kann nicht aus seiner Haut. Das müssen wir akzeptieren, ein guter Arzt sollte die Umstände, die den Menschen zu dem gemacht haben, was er zum Zeitpunkt des Krankwerdens ist, unbedingt mit einbeziehen. Die Patientinnen und Patienten honorieren das sehr, die freuen sich, wenn sie mich sehen – und sie geben mir sehr viel zurück, auch das ist übrigens eine Kraftquelle für mich.
Neben der seelsorgerischen Tätigkeit bin ich auch Qualitätsmanagerin und habe, gemeinsam mit einem engagierten Team, die ISO-Zertifizierung der Hautklinik erreicht. Das war sehr aufwendig, hat viel Zeit erfordert, hat aber auch zu einem besseren Miteinander der Mitarbeiter und einer klaren Patientenorientierung geführt. Darauf bin ich sehr stolz.

Haben Sie schon einmal eine Niederlage erlebt?
Aberer: Eigentlich ziemlich oft. Ob das jetzt eine Behinderung bei einer bestimmten Arbeit ist, die man gerade machen will, oder die Durchführung eines Projektes sich als schwieriger herausstellt als ursprünglich geplant. Mit Niederlagen muss man umgehen lernen. Das klingt hart, aber in einem engagierten Berufsleben bleiben Niederlagen eben nicht aus. Manchmal ist es auch erforderlich, ein bestimmtes Thema oder ein Forschungsprojekt fallen zu lassen und sich neu zu orientieren. Ich habe immer versucht, neue Wege zu beschreiten, ich habe mir Nischen gesucht, die weniger „umkämpft“ waren – und damit Erfolg gehabt. Und ich habe mir immer wieder auch „medizinfremde“ Projekte ausgesucht – wie eben die Qualitätssicherung –, dafür habe ich viel Anerkennung bekommen, wohingegen die Konkurrenz bei diesem Projekt nicht sehr groß war.

Wollten Sie schon mal aufgeben?
Aberer: Nein, ich bin eine Kämpfernatur. Es geht immer irgendwie weiter, wenn nicht auf die eine, dann auf die andere Art. Ich musste in meiner Karriere mehrmals von vorne anfangen. Zuerst in Wien, als die alte Hautklinik ins neue AKH übersiedelt ist, mit neuem Team und neuem Chef. Und ich bin mit meinem Mann nach Graz mitgegangen – das war erneut ein völliger Neubeginn. Geschafft habe ich es immer wieder.

Benachteiligung von Frauen – haben Sie das auch erlebt?
Aberer: Benachteiligungen gab es immer wieder. Ich weiß aber nicht, ob das jetzt immer etwas mit meinem Frausein zu tun hatte. Ablehnung kam etwa, wenn ich eine andere Lehrmeinung vertreten habe. Auch bin ich jemand, der für Veränderung steht – und viele Menschen mögen Veränderungen nicht. Alles, was mit Veränderung verbunden ist, kann Angst machen, es kann Machtverlust bedeuten. Das ist gerade für männliche Kollegen oft nicht einfach.

Wie haben Sie sich dagegen zur Wehr gesetzt?
Aberer: Wenn mir Ablehnung entgegenschlägt, macht mich das natürlich betroffen. Ich brauche immer Zeit, um solche Situationen zu verarbeiten. Dann versuche ich es wieder, über einen anderen Weg, eine andere Schiene, um letztlich doch zu dem zu kommen, was ich erreichen möchte. Wenn der Widerstand zu groß ist, hinterfrage ich: Macht es überhaupt Sinn, weiter zu kämpfen? Manche Prügel, die einem in den Weg geworfen werden, treffen hart – und sie geben mir dann schon sehr lange zu denken.

Was lieben Sie an Ihrer Arbeit?
Aberer: Mich fasziniert mein Fachgebiet. Es ist ungeheuer befriedigend, wenn ich eine Diagnose stellen kann, die schwierig zu erarbeiten war. Die Forschungsarbeit, die zu einer interessanten Lösung führt – so etwas macht mich ganz high. Und ich gebe mein Wissen gerne weiter an Studentinnen und Studenten und an junge Ärztinnen und Ärzte. Auch das Feedback von dankbaren Patienten ist eine Glücksquelle.

Wie wichtig sind Netzwerke in der Medizin?
Aberer: Ich halte Netzwerke für außerordentlich wichtig, wenn man genügend Zeit mit ihrer Pflege verbringen kann. Nur bei entsprechendem Engagement funktionieren Netzwerke wirklich so, wie man es sich wünscht. Es besteht oft eine Diskrepanz zwischen dem Wunsch, Netzwerke zu pflegen, weil sie sehr viel Sinn machen, und dem zur Verfügung stehenden Zeitbudget. Gerade in der Arbeit mit Patienten sind Netzwerke wichtig, deren Funktionieren aber immer auch von den handelnden Personen abhängt. An der Grazer Hautklinik hatten wir viele Jahre lang ein interdisziplinäres Netzwerk für Lupus erythematodes. Wir haben gemeinsam Leitlinien erstellt, das hat toll funktioniert. Netzwerke sind nicht statisch. Man muss immer wieder versuchen, sie zu adaptieren, oder ganz neue Netzwerke aufzubauen.
Funktionierende Netzwerke erleichtern die Arbeit enorm. Alles, was man im persönlichen Gespräch regeln kann, funktioniert auch. Wenn ich beispielsweise im Qualitätsmanagement Dokumente per E-Mail aussende, wackelt niemand auch nur mit den Ohren. Wenn man aber mit einem Menschen spricht, schaut die Sache ganz anders aus. Kommunikation ist enorm wichtig. Das wurde mir so richtig erst in den letzten Jahren klar. Früher habe ich mehr für mich allein gearbeitet. Jetzt ist die Kommunikation mit Kolleginnen und Kollegen ein essenzieller Bestandteil meiner Arbeit geworden.

Welche Strategien sind zur Karriereplanung wichtig?
Aberer: Ich glaube, man muss das machen, was man gerne tut und gut kann – und diese Schiene intensiv verfolgen.

Wenn Sie heute zurückschauen – was hätten Sie anders gemacht?
Aberer: Es gibt nur wenig, das ich anders gemacht hätte. Was ich ein bisschen bereue, ist, dass ich die Einladung zu einem Studienaufenthalt in die USA, die ich nach der Promotion erhalten hatte, aus Scheu nicht angenommen habe. Ich habe mir immer gewünscht, mehr Grundlagenforschung zu betreiben, das ist aber neben der Klinik praktisch unmöglich. Letztlich denke ich aber, der Weg, den ich gegangen bin, war der richtige, weil es der beste Weg war, meine Fähigkeiten zu entfalten.

1 Aberer hat in Graz studiert.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 12/2008

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