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Allgemeinmedizin 7. März 2008

Hamburgs teuerstes Hotel

Wer stark alkoholisiert ist, stellt ein Risiko für die öffentliche Sicherheit dar und gefährdet auch sich selbst. Für diese Klientel hat die Hansestadt Hamburg eine im deutschsprachigen Raum einmalige Einrichtung geschaffen, eine Zentralambulanz.

 Schnaps Allee
In der Schnaps Allee haben abwaschbare Matratzen Saison.

 Wickbold
Sanitäter Wickbold zeigt auch für „Penner“ Mitgefühl.

Fotos (2): Mag. Wenzel Müller

Sonntag, 20 Uhr. Noch ist es ruhig. Die Sanitäter der Feuerwehr Hamburg sitzen vor dem Fernseher und schauen Nachrichten. Der Raum ist schwach beleuchtet, die Couchgarnitur könnte genauso gut in einem gemütlichen Wohnzimmer stehen.
Was nach Feierabendgestaltung aussieht, ist tatsächlich Arbeit. Die Ruhe trügt. Jederzeit kann der entscheidende Anruf hereinkommen, und dann müssen die drei Sanitäter von einem Moment zum anderen hellwach sein. Sie haben Arbeitskleidung an, weiße Kittel, und sind gewissermaßen permanent auf dem Sprung.

Einrichtung mit Seltenheitswert

Meist kommt der erste Anruf so um 22 Uhr, manchmal auch erst um drei Uhr in der Nacht. Das kann man vorher nicht wissen. Jeder Tag ist anders, und der Sonntag in der Regel weniger betriebsam als der Samstag. Die Sanitäter haben es mit einer besonderen Klientel zu tun, einer, die vor allem eines braucht: ein Nachtlager, wo sie ihren Rausch ausschlafen kann. Wir befinden uns in der Hamburger „Zentralambulanz für Betrunkene“.
Diese Einrichtung ist einmalig im deutschsprachigen Raum und wurde 1974 gegründet. Den Anstoß gaben eine Reihe von Todesfällen, die im Polizeigewahrsam passierten. Die Beamten hatten Krankheiten übersehen, und manch ein Betrunkener war an seinem Erbrochenen erstickt. Es bestand also, um es im Politiker-Jargon auszudrücken, Handlungsbedarf.
Zunächst war die Zentralambulanz, man möchte fast sagen: stilgerecht in der Hamburger Brennerstraße untergebracht, benannt nach den einst hier ansässigen Branntweinbrennereien. Vor fünf Jahren erfolgte der Umzug in die Glacischaussee am Millerntor, dorthin, wo ein Großteil der Klientel zu Hause ist und wo das Hamburger Nachtleben pulsiert: Gleich um die Ecke ist die berühmte Reeperbahn. (Und direkt gegenüber ist, nur einen Ausstoß entfernt, das Fußballstadion von St. Pauli.)
Seit dem ersten Tag in den neuen Räumlichkeiten arbeitet hier der Sanitäter Oliver Wickbold. Immer von 19 Uhr bis sieben Uhr am nächsten Morgen, immer mit zwei Kollegen und immer im täglichen Wechsel mit einer anderen Schichtgruppe. Davor war er viele Jahre lang Krankenwagen gefahren. Für diese Stelle hatte sich der Mittvierziger freiwillig gemeldet. Wer hier Dienst tut, darf keinen übergroßen Ekel vor Urin und Erbrochenem haben, denn das gehört zum normalen Arbeitsalltag. Und er darf in Obdachlosen nicht den Abschaum der Gesellschaft sehen, sonst sind Frustrationen und Konflikte programmiert, denn diese Spezies stellt mit rund 70 Prozent den Großteil der Eingelieferten.
Nicht dass ihm Penner, wie Sandler in Deutschland gerne genannt werden, besonders ans Herz gewachsen wären, doch er kann in der Regel Verständnis für sie aufbringen: „Was die sagen, ist oft gescheiter, als Politiker sagen.“
Mit dem Ort hat sich vor fünf Jahren auch das Konzept der Zentralambulanz geändert. Vorher gehörte die Einrichtung zum Hamburger Krankenhausverband, nun ist sie der Hamburger Feuerwehr zugeteilt. Vorher arbeitete in der Ambulanz auch ein Arzt, der die medizinische Untersuchung vornahm, nun findet diese Untersuchung in den Krankenhäusern statt, erst wenn die feststellen, dass außer Alkoholmissbrauch keine ernsthafte Erkrankung vorliegt, erfolgt die Überstellung in die Zentralambulanz. Das Hamburgische Gesetz regelt, dass eine „Ingewahrsamnahme“ dann zu erfolgen hat, wenn „auf andere Weise eine unmittelbar bevorstehende Gefahr für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung nicht abgewehrt werden kann“ oder „diese Maßnahme zum Schutz der Person gegen eine Gefahr für Leib und Leben erforderlich ist, insbesondere weil die Person sich erkennbar in einem die freie Wissensbildung ausschließenden Zustand oder in sonst hilfloser Lage befindet“.

Abschiebeaktion im Krankenhaus

Es sind also die sprichwörtlichen Alkoholleichen, die mit dem Rettungswagen in die Zentralambulanz gebracht werden. So soll es jedenfalls sein, ist es aber nicht immer. Denn auf die medizinische Untersuchung ist, wie Wickbold erzählt, nicht unbedingt Verlass. Einmal sei ihnen sogar ein Patient mit offenem Unterschenkelbruch geschickt worden. Der Krankenhausarzt hatte wohl nur dessen Alkoholfahne gerochen und ihn umgehend im wahrsten Sinne abgeschoben.
Leider kein Einzelfall, immer wieder werden Erkrankungen übersehen, daher sind die Sanitäter in der Zentralambulanz dazu übergegangen, bei den Eingelieferten noch einmal einen kurzen Medizin-Check durchzuführen. Vor allem messen sie den Blutzuckerspiegel. Eine Unterzuckerung kann nämlich die gleichen Symptome hervorrufen wie zu viel Alkohol im Blut. Diese Möglichkeit wird gerne übersehen, gerade dann, wenn der Patient zusätzlich etwas Bier getrunken hat.
Es klingelt. Es ist 22 Uhr und der erste Patient an diesem Abend wird eingeliefert. Eine ältere Dame. Herr Hauerwaas, der Chef des Sanitäterteams, erklärt ihr, wo sie sich befindet und dass sie sich hier in einem der Räume bis zum nächsten Morgen ausschlafen kann. Vor allem versucht er sie zu beruhigen. Die Dame ist kaum ansprechbar, jammert nur in einem fort, dass ihr Wolfi tot sei, vielleicht ist das ihr Mann, vielleicht auch ihr Hund, das bleibt ungeklärt.
Sie wird in eine der insgesamt sechs Ausnüchterungszellen gebracht und auf eine (abwaschbare) Matratze gelegt, dazu bekommt sie ein Laken zum Zudecken. Es dauert nicht lange, da ist sie auch schon eingeschlafen. Im Raum ist eine Kamera installiert, die das Geschehen auf einen Monitor in der Einsatzzentrale überträgt. Wenn notwendig, kann die eingelieferte Person auch „verkabelt“, das heißt ihre Vitalfunktionen überwacht werden – die Ausstattung ist ähnlich wie auf einer Intensivstation. In jedem Fall müssen die Sanitäter alle zwanzig Minuten nach dem Befinden der Patienten schauen und darüber Protokoll führen. Alle Vorsichtsmaßnahmen konnten dennoch nicht verhindern, dass vor wenigen Jahren ein aufgenommener Betrunkener gestorben ist. Ursache: innere Blutungen.
Diese ältere Dame ist eher ein leichter Fall. Es gibt, erzählt Wickbold, auch ganz andere Patienten, solche, die von der Polizei „mit einer Acht auf dem Rücken“ gebracht werden, also in Handschellen. Diese berüchtigte Klientel neigt unter Alkoholeinfluss zur Gewalttätigkeit, sowohl gegen andere wie auch gegen sich selbst. Einmal hatten sie, erzählt der Sanitäter weiter, in einem ihrer Räume einen betrunkenen Russen, der seinen Kopf dauernd gegen die Zellentür stieß, zum Glück ohne sich ernsthaft zu verletzen. Zur Sicherheit der Sanitäter sind die Türen mit Klappen ausgestattet, so wie im Gefängnis auch. Hat der Tobende sich bis zum nächsten Morgen nicht beruhigt, so verständigt das Personal zwecks „Amtshilfe“ die Polizei.

Alkoholleichen im Smoking

Kurz vor Weihnachten ist die Zeit der vielen Betriebsfeierlichkeiten. Und damit auch Hochbetrieb in der Zentralambulanz. Es werden Betrunkene eingeliefert, die nicht gerade zum Stammpersonal gehören: gutsituierte Menschen, die ordentlich was über den Durst getrunken haben, und denen es am folgenden Morgen, wenn sie wieder zu klarem Bewusstsein gelangen, höchst peinlich ist, dass sie an diesem Ort die Nacht verbracht haben.
Nicht ungern kommen Obdachlose, insbesondere in der kalten Jahreszeit, verfügt die Zentralambulanz doch über Fußbodenheizung, eine wunderbare Hilfe gegen das bei ihnen oft anzutreffende Problem der Unterkühlung. Die Sanitäter haben von sich aus eine Kleiderkammer eingerichtet, aus Spenden, damit sie die Leute nicht in ihrer oft völlig verdreckten und durchnässten Kleidung wieder auf die Straße lassen müssen. Doch oft wollen es die Obdachlosen gar nicht anders, so die Erfahrung von Wickbold. „Wir bieten ihnen auch die Dusche in der Ambulanz an, selbst die lehnen die meisten ab.“
Seit Anfang dieses Jahres ist neu geregelt, dass ein Aufenthalt in der Zentralambulanz zu bezahlen ist, eine Nacht kostet, unabhängig von der Anzahl der tatsächlich verbrachten Stunden, 290 Euro. Schon sprechen einige von „Hamburgs teuerstem Hotel“. In der ersten Zeit hatten die Sanitäter die Rechnung noch offen ausgehändigt, das machen sie inzwischen nicht mehr, denn viele Betroffene reagierten mit Ärger und Aggression, die sich direkt gegen die Aufsicht richtete. Nun stecken Wickbold und seine Kollegen die Rechnung oft direkt in deren Manteltasche, so, dass sie davon nichts mitbekommen. Die neue Verordnung ist ja ohnehin nur eine Farce. Wie soll ein Obdachloser, der nichts hat, dieses Geld aufbringen können? Man braucht kein Prophet zu sein, um vorhersagen zu können, dass die Verwaltungs- und Gerichtskosten die tatsächlichen Einnahmen auffressen werden.

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 9/2002

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