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Allgemeinmedizin 7. März 2008

Wie weiblich ist die Medizin?

In Armenien und Burkina Faso ist der 8. März gesetzlicher Feiertag. In China bekommen die Frauen den Nachmittag dieses Tages frei. Hierzulande gibt es zum Frauentag allerlei Veranstaltungen.

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Fast hundert Jahre ist es her, dass erstmals ein Frauentag begangen wurde, 1975 erkannte die Uno den 8. März offiziell als „internationalen Frauentag“ an. Da hatten die Österreicherinnen gerade seit einem Jahr das Recht, eine Arbeit anzunehmen, auch wenn der Ehegespons nicht explizit zustimmte. Heute gendert es überall, das Binnen-I wird hartnäckig in die Sprache reklamiert, in jeder Tiefgarage sind gewisse Parkplätze für Damen reserviert. Und rund um den 8. März gibt es allüberall frauenspezifische Veranstaltungen: von Lyriklesungen bis zu Antistressseminaren. Die können Frauen auch besonders gut brauchen. Immerhin, so Sibylle Hamann und Eva Linsinger in ihrem soeben erschienenen Weißbuch Frauen/Schwarzbuch Männer lasten zwei Drittel der Arbeit auf dem „schwachen Geschlecht“, dessen Vertreterinnen im Vergleich zu Männern immer weniger verdienen.
Zwar hängt die gläserne Decke nicht mehr gar so tief wie ehedem, doch in den Chefetagen sind immer noch deutlich mehr männliche als weibliche Wesen anzutreffen. Das gilt auch für den Gesundheitssektor. 2005 waren an der MedUni Wien um die 60 Prozent der Studienanfänger und Studierenden weiblich, aber nur neun Prozent der Professoren. An den gynäkologischen Abteilungen der heimischen Krankenhäuser wirken erst zwei Frauen in leitender Funktion. Aber auch unter den Landärzten sind die Männer in der Mehrzahl, denn „ohne Ehefrau ist die Organisation schwierig“, wie Dr. Susanne Rabady, Allgemeinmedizinerin in Windigsteig, es in der heutigen Ärzte Woche umreißt.
Leuchtet Veränderung am Horizont? Hamann und Linsinger sind wenig hoffnungsfroh. Sie sehen den Plan der Gleichberechtigung gescheitert. Doch an Initiativen mangelt es nicht. Etwa an den Medizinischen Universitäten, wo die Frauenbeauftragten nicht müde werden, die Leistungen ihrer Geschlechtsgenossinnen ins rechte Licht zu rücken. Und in der Ärzte Woche, wo die Serie Frauen in der Medizin fortgesetzt wird.

Im Gespräch mit der Ärzte Woche erzählt Rabady, warum sie die Arbeit an der EBM-Guidelines als Zeit für sich begreift und wie es ihr gelingt, blitzschnell die richtige Entscheidung zu treffen, wenn gleichzeitig ein medizinischer und ein familiärer Notfall auftreten.

Wann wussten Sie, dass Sie Ärztin werden wollten?
Rabady: Schon als Kind. Meine Freundinnen haben mit Puppen gespielt, ich habe sie untersucht und verbunden. Später standen andere Interessen im Vordergrund. Ich habe dann auch nach der Matura Germanistik und Theaterwissenschaft belegt. Ein spontaner Entschluss führte letztlich zur Aufnahme des Medizinstudiums – und mein Interesse daran, wie „dieses Menschenwerk“ denn funktioniert.

Stolpersteine auf dem Weg?
Rabady: Schwer zu sagen. Ich habe meine Arbeit immer sehr gern gemacht, auch während meiner Ausbildungszeit an einer internen Station eines kleinen Landspitals. Benachteiligungen habe ich da nicht erlebt: Wir mussten alle gleich viel arbeiten. Die Führung einer Landarztpraxis ist aber nach wie vor für einen Mann einfacher – schon weil die meisten eine Ehefrau haben, die den Haushalt schupft und in der Ordination mitarbeitet –, ich habe keine Ehefrau, auch wenn mich mein Mann immer sehr unterstützt hat. Karrierehemmend war sicherlich, dass ich am Ende des Turnus deutlich älter war als die Kollegen, bedingt durch den späteren Studienbeginn und die Zeit, in der ich meine beiden Kinder bekommen habe und zwei Jahre in Karenz war. Bereut habe ich das aber trotzdem nicht.

Ärztin und Privatleben – geht das?
Rabady: Es geht. Es ist allerdings immer auch eine Frage der Sichtweise: Für mich ist beispielsweise die Arbeit an den EBM-Guidelines für Allgemeinmedizin durchaus Zeit für mich, es ist aber keine Freizeit und auch keine Zeit für meinen Mann und meine Söhne. Ich denke allerdings, dass meine Arbeit mit Familie noch leichter zu vereinbaren ist als etwa die Tätigkeit in einer Fabrik. Ich habe die Möglichkeit, Leistung zuzukaufen – ich muss nicht waschen und bügeln. Schwieriger ist da schon das Einhalten von familiären Ritualen wie dem gemeinsamen Essen oder Einschlafritualen – da kommt es oft vor, dass das Telefon läutet und ich weg muss. Mein älterer Sohn hat als kleines Kind mal zu mir gesagt: „Mama, wenn ich groß bin, heirate ich keine Ärztin!“ Ganz schwierig wird es, wenn ein familiärer Notfall gleichzeitig mit einem medizinischen auftritt. Auch das ist mir einmal passiert. Die Rettung rief an und erklärte mir, dass a) mein Sohn verschwunden sei und b) ein Herzinfarktpatient dringend meine Anwesenheit erforderlich mache. Ich bin zum Herzinfarktpatienten gefahren und habe felsenfest darauf vertraut, dass meinem Sohn nichts passiert ist. Vorher rief ich noch eine Freundin an, die ihn suchen sollte. Der Herzinfarktpatient kam zu seinem Recht, mein Sohn war bei einem Freund und hatte nicht Bescheid gesagt. Aber ich bin da schon sehr mit mir selbst in Konflikt geraten. Es sind ja die Frauen, die die familiären Strukturen aufrecht erhalten. Für mich war nie die Arbeitsbelastung ein Problem, wohl aber die physische Präsenz zu Hause. Das ist wohl auch der Grund, warum es in unserem Bezirk 18 Landärzte und nur zwei Landärztinnen gibt.

Warum Allgemeinmedizin?
Rabady: Das war eher Zufall. Ich wollte Fachärztin für Innere Medizin werden und habe auch die Ausbildung dazu begonnen. Dann sind die Kinder gekommen und die Möglichkeit, eine Landarztpraxis zu übernehmen. Ich habe mich spontan dazu entschlossen – ursprünglich hat mich das nicht interessiert. Ich dachte, Allgemeinmediziner wären „Zettelschreiber“ (lacht). Ich hatte keine Ahnung, was für ein vielfältiges Aufgabengebiet mich da erwartet. Ich war vom ersten Tag an glücklich mit der Entscheidung – das hat sich bis heute nicht geändert.

Haben Sie schon einmal eine Niederlage erlebt?
Rabady: Irrtümer oder suboptimales Verhalten im Umgang mit Patientinnen und Patienten bedeuten jedes Mal Niederlagen. Unerwünschte Behandlungsverläufe – das sind Niederlagen. Im Großen und Ganzen allerdings erinnere ich mich viel eher an positive Dinge.

Wollten Sie schon mal aufgeben?
Rabady: Ja. Immer wieder, aber ganz situativ nach langen anstrengenden Diensten. Ich erinnere mich allerdings an eine Situation, da wollte ich wirklich alles hinschmeißen. Drei Nächte und vier Tage hatte ich fast ununterbrochen durchgearbeitet, insgesamt vielleicht sechs Stunden geschlafen. Als ich danach beim Frühstück saß, hörte ich einen Politiker im Radio, der sich darüber beschwerte, dass Allgemeinmediziner ihre Ordis nur zwölf Stunden in der Woche offen hielten und damit ihrem Versorgungsauftrag nicht nachkämen. Da habe ich gedacht: Jetzt mag ich nimmer. Aber das ging vorüber.

Die größte Herausforderung?
Rabady: Sicher die EBM-Guidelines1. Da steckt mein Herzblut drin. Es bedeutet sehr viel Logistik und viel Aufwand einer ganzen Gruppe, diese Guidelines immer aktuell zu halten. Ich stecke da sicher 20 Arbeitsstunden pro Woche hinein. Ich habe diese Tätigkeit angefangen, weil ich nach Reflexion meiner beruflichen Tätigkeit gesucht habe. Die Arbeit innerhalb des Teams, das sich damit beschäftigt, ist eine Bereicherung. Das alles hält meine Praxis spannend. Ich bleibe lebendig, fresse mich nicht in Routinen und Abläufen fest, das fordert mich immer wieder auf mehreren Ebenen.

Benachteiligung von Frauen – haben Sie das auch erlebt?
Rabady: Ich glaube, dass Frauen mehr Kränkungen wegstecken, sich ihre Position und die Anerkennung härter erarbeiten müssen. Dazu kommt die Mehrfachbelastung. Ich denke aber, Frauen dürfen nicht in der Opferrolle verharren, da wird sie niemand herausholen. Das können sie nur selbst. Es sind letztlich nur einige Jahre, die wirklich schwierig sind, wenn die Kinder klein sind. Wenn die Arbeit auch Freude macht und Erfolg bringt, lohnt sich das auch.

Wie wichtig sind Netzwerke?
Rabady: Netzwerke sind Möglichkeiten, sich Unterstützung zu holen, Bestätigung zu erhalten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Frauennetzwerke besonders gut funktionieren – wir wissen, unter welchen Belastungen jede Einzelne steht –, das erleichtert die Zusammenarbeit und das Verständnis. Ärztin sein ist ein sehr fordernder Beruf, die Zusammenarbeit in Netzwerken kann sicherlich dem Burnout entgegenwirken.

Woher holen Sie sich Ihre Kraft?
Rabady: Beruflich schöpfe ich Kraft aus dem, was ich tue. Ich liebe meine Arbeit. Privat gibt mir meine Familie unheimlich viel Kraft. Meinen Kindern geht es gut, es gibt keine großen Probleme. Der jüngere Sohn will übrigens auch Arzt werden. Und mein Mann ist eine wichtige Kraftquelle: Ohne seine Hilfe hätte ich Arbeit und Familie nie unter einen Hut gebracht. Er ist einfach auch für die Familie emotional eine große Stütze und für die Kinder eine vollwertige Bezugsperson. Ich hatte – wenn ich phasenweise weniger in der Familie präsent war – nie das Gefühl, die Kinder zu vernachlässigen, weil mein Mann, er ist ebenfalls Freiberufler, da war. Auch meine Schwiegermutter hat uns sehr unterstützt, als die Kinder klein waren. Ich denke auch, dass es sehr viel Sinn macht, wenn Kinder nicht nur die Mutter als Bezugsperson haben, sondern auch andere Menschen, Väter, Großeltern, diese Position einnehmen.

Wenn Sie heute zurückschauen – hätten Sie manches anders gemacht?
Rabady: Die Antwort lautet Ja und Nein: Sicherlich hätte ich manches anders gemacht, hätte ich vorher die Konsequenzen gekannt. Vielleicht hätte ich nicht zuerst Germanistik studiert, sondern gleich Medizin. Anderseits möchte ich die Erfahrung nicht missen. Im Nach­hinein ist so eine Frage nicht eindeutig zu beantworten: Man ist ja ein Produkt dessen, was man getan hat. Hätte ich manches anders gemacht, wäre ich heute eine andere.

1 www.ebm-guidelines.at

Sabine Fisch, Ärzte Woche 11/2008

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