zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 27. Februar 2008

"Netzwerke sind sehr wichtig" (Teil 8)

Sie ist ehemalige Präsidentin der Österreichischen Diabetesgesellschaft und gegenwärtig Vize-Präsidentin der Österreichischen Geriatriegesellschaft. Sie hat Zusatzausbildungen für Nephrologie, Intensivmedizin, Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen – und sie leitet die Abteilung für Innere Medizin am Krankenhaus Hochzirl. Die Rede ist von Prof. Dr. Monika Lechleitner, deren Porträt wir in dieser Ausgabe präsentieren.

Im achten Teil unserer Serie „Frauen in der Medizin“ berichtet Monika Lechleitner über Siege und Niederlagen und ihr Engagement für den Fachbereich Geriatrie, der ihr ein großes Anliegen ist – und das nicht nur aus demographischen Gründen.

Wann haben Sie sich dazu entschlossen, Ärztin zu werden?
Lechleitner: Das war nach meiner Matura. Ich wollte soziales Engagement mit Naturwissenschaft verbinden. Ich wollte einen Beruf, in dem ich Menschen helfen kann. Die Medizin war da die logische Schlussfolgerung.

Gab es „Stolpersteine“ auf Ihrem Weg?
Lechleitner: Wie bei vielen Kolleginnen und Kollegen natürlich auch. Ich habe 1979 sub auspiciis praesidentis promoviert. Aber bereits die Suche nach einer Ausbildungsstelle stellte mich vor eine Herausforderung. Schon damals war die Möglichkeit, eine Ausbildungsstelle zu erhalten, mit einigen Hürden verbunden, einschließlich eines erschwerten Zugangs für Frauen aufgrund von Vorurteilen, dass eine nur bedingte Eignung für einige Subdisziplinen vorliegen würde.
Ich wollte ursprünglich Kinderärztin werden, in der Ausbildungsrotation wurde die Innere Medizin zum Schwerpunkt meines Interesses, und in Folge ergab sich auch die Möglichkeit, eine Facharztausbildungsstelle zu erhalten.

Warum haben Sie sich für das Fach Innere Medizin entschieden?
Lechleitner: Die Innere Medizin bietet eine große Anzahl an Herausforderungen mit einem ganzheitsmedizinischen Aspekt. Es ist ein sehr breites Fach, mit der Möglichkeit, sich mit vielen verschiedenen Themen zu befassen. Der Wissenszuwachs und die technischen Entwicklungen haben zur Etablierung einer Reihe von Spezialgebieten wie etwa Kardiologie, Onkologie, Gastroenterologie, Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen geführt. Die Innere Medizin mit ihrem breiten Spektrum sieht – im Idealfall – jedoch nach wie vor den ganzen Menschen mit all seinen Beschwerdebildern. Das faszinierte mich, als ich das Fach gewählt habe. Die Faszination ist auch nach vielen Jahren Tätigkeit – und bei aller Spezialisierung – gleich geblieben.

Sie haben eine ganze Reihe von Zusatzfacharztausbildungen absolviert – warum?
Lechleitner: Im Rahmen der beruflichen Zielplanungen sind diese Zusatzausbildungen wichtig, um in Teilgebieten der Inneren Medizin ein vertieftes Wissen und Können zu erlangen. Im Fall einer leitenden Funktion ist diese Ausbildung von großem Nutzen, um einem Anforderungsprofil zu entsprechen. Von Seiten der Gewichtung kommt den Schwerpunktgebieten Diabetes und Geriatrie eine kontinuierliche und grundlegende Bedeutung in meinem beruflichen Umfeld zu.
Viele Überschneidungen ergeben sich aus dem Bereich des Diabetes mellitus auch zur Geriatrie, denn bis zu einem Drittel der älteren Bevölkerung weist eine Störung im Glukosemetabolismus auf. Die Geriatrie gewinnt durch die demographische Entwicklung an Bedeutung, ein Großteil der Patienten in Notfallaufnahmen und in stationären Bereichen sind geriatrische Patienten. Die Geriatrie ist dabei ein integrativer und verschiedene Disziplinen überspannender Fachbereich, der auf die besonderen Bedürfnisse des älteren Patienten Bezug nimmt. Um eine adäquate Versorgung der älteren Patienten zu gewährleisten, ist es ein wichtiges Ziel, geriatrische Inhalte im Medizinstudium und in der postpromotionellen Ausbildung zu verankern, wie es bereits in vielen EU-Ländern der Fall ist.

Sie sind sehr engagiert – bleibt da Zeit für Privatleben?
Lechleitner: Das Privatleben kommt, wie in anderen Berufssparten auch, in der Medizin in einer leitenden Funktion oft zu kurz. Prinzipiell würde ich aber sagen, es hilft, Prioritäten zu setzen und zu überdenken. Meine Priorität liegt grundsätzlich im beruflichen Bereich. Ich denke aber, dass auch ein Privatleben möglich bleiben muss, wenngleich eine Großfamilie und eine wissenschaftliche Karriere parallel nur schwer umsetzbar sein werden. Ich entspanne mich beim Lesen, mache Sport und pflege meine Sozialkontakte. Mit guter Planung ist vieles möglich.

Was war die größte Herausforderung in Ihrer Karriere?
Lechleitner: Das war sicherlich das Ziel der Habilitation. Voraussetzung dafür ist eine kontinuierliche wissenschaftliche Tätigkeit, mit einer Reihe von entsprechenden Publikationen, sowie die Lehrtätigkeit. Für den Kliniker erfordert die wissenschaftliche Arbeit meist auch den Einsatz in der Freizeit.
Der Einsatz lohnt sich aber hundertprozentig, da die notwendige Disziplin und das strukturierte Planen in vielen Bereichen von Vorteil sind. Ich sehe es deshalb als Privileg, dass ich diese Möglichkeit nutzen konnte (Monika Lechleitner hat sich 1994 habilitiert, Anm.)

Was lieben Sie an Ihrer Arbeit?
Lechleitner: Viele Aspekte sind dabei als gleichrangig anzuführen. Allen voran die Tätigkeit mit den Patienten und die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen, die Teamarbeit im Krankenhaus. Auch die wissenschaftliche Arbeit, die klinische Forschung, die Mitarbeit an Studien spielt eine wichtige motivierende Rolle. Wichtig ist das Feedback im Rahmen von Kongressen und Fortbildungsveranstaltungen.

Wie gehen Sie mit Niederlagen um?
Lechleitner: Niederlagen tun weh, egal ob es in der Patientenversorgung ist – etwa wenn eine Therapie nicht wie gewünscht anspricht – oder ob es in der wissenschaftlichen Arbeit ist – wenn ein Paper beispielsweise nicht angenommen wird. Niederlagen bieten aber auch Chancen – die Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen. Der Versuch, einen positiven Aspekt mit der Möglichkeit zur Entwicklung und Verbesserung darin zu sehen, hilft dabei, aus Niederlagen zu lernen.

Wollten Sie schon einmal aufgeben?
Lechleitner: Nicht wirklich. Natürlich gibt es Augenblicke, die deshalb schwer sind, weil eine Reihe von Problemen gleichzeitig auftreten, wo Dinge massiv in Frage gestellt werden. Für mich stellt allerdings das positive Feedback von Patienten und Mitarbeitern einen stetigen Motivationsfaktor dar.

Wenn Sie heute zurückschauen – was hätten Sie anders gemacht?
Lechleitner: Ich hätte meine Auszeiten, meine Freizeit besser geplant und bewusster in Anspruch genommen. Wer seine Arbeit liebt, neigt dazu, Freizeitaktivitäten zu vernachlässigen und ganz in seiner Tätigkeit aufzugehen.

Karriere in der Medizin ist für Frauen noch immer schwieriger als für Männer, wie war das bei Ihnen?
Lechleitner: Im Vergleich zu den männlichen Kollegen mangelt es Frauen in der Medizin nach wie vor an den etablierten Seilschaften und damit Unterstützung, wie sie bei Männern ganz selbstverständlich ist. Auch das Networking bleibt unter Frauen immer wieder in den Kinderschuhen stecken. Das ist aber auch kein Wunder: Die meisten Frauen sind nach wie vor doppelt und dreifach belastet, da bleibt für Entwicklungen zusätzlich zur eigentlichen Berufsausübung und den Aufgaben in der Familie kaum Zeit.

Wie haben Sie sich gegen Benachteiligungen zur Wehr gesetzt?
Lechleitner: Ich halte intensive Kommunikation für das wichtigste Mittel gegen Benachteiligung: Kommunikation mit Kollegen und Kolleginnen aus ähnlichen Fachgebieten ist sinnvoll, um einen Erfahrungsaustausch durchzuführen und junge Kolleginnen und Kollegen über Problemstellungen zu informieren. Auch das Engagement in Fachgesellschaften ist wichtig, um sowohl medizinische, als auch gesundheitspolitische Schwerpunkte zu präsentieren und zu
vertreten.

Was raten Sie jungen Kolleginnen für eine optimale Karriereplanung?
Lechleitner: Zuerst würde ich sagen, die Planung selbst – die berufliche Laufbahn in der Medizin, ob niedergelassene Ärztin oder wissenschaftliche Laufbahn in der Klinik, setzt unterschiedliche Ansatzpunkte voraus. Beharrlichkeit, aber auch Kompromissbereitschaft sind dabei immer wieder notwendig. Es ist jedoch vor allem wichtig, sich einen Chef oder eine Chefin zu suchen, die bewusst junge Kolleginnen und Kollegen fördert. Und nicht zuletzt glaube ich, dass der Aufbau eines Netzwerks eine wesentliche Rolle für die weitere Karriere spielt.

Sie haben schon sehr viel erreicht – was sind die nächsten Schritte?
Lechleitner: Im Mittelpunkt steht für mich derzeit und in Zukunft mein Engagement für die Geriatrie und natürlich weiterhin der Diabetes. Das trifft nicht nur meine persönlichen Interessen, es ist auch, wenn man die demographische Entwicklung betrachtet, zukünftig von großer Bedeutung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 9/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben