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Allgemeinmedizin 27. Februar 2008

Grenzgang

Seit mehr als einem Jahr ziehen sich die Kontroversen um die Betreuung und Pflege von Menschen, die nicht mehr allein für ihr Wohl sorgen können, schon hin. Das Gesundheitsministerium erwägt nun die Möglichkeit, dass Ärzte bestimmte Tätigkeiten delegieren können. Vertreter der Pflegeberufe sind gegen diese Pläne.

Gesundheitsministerin Dr. Andrea Kdolsky und Wirtschaftsminister Dr. Martin Bartenstein präsentierten kürzlich einen neuen Vorschlag in der nicht enden wollenden Diskussion zur Umsetzung der Pläne der „24-Stunden-Betreuung“. Durch eine Novelle des Pflegegesetzes soll es möglich werden, dass Ärzte bestimmte Tätigkeiten betreuenden Personen übertragen können.
„Es ist schon seit sechs Jahren so, dass der Arzt solche Tätigkeiten an nahe Angehörige delegieren kann. Aus der Sicht der Ärzteschaft ist die Novelle jedenfalls ein positiver Vorschlag und erleichtert die Betreuung in den eigenen vier Wänden“, fasst Dr. Otto Pjeta zusammen, der für das Thema auf Ebene der Österreichischen Ärztekammer zuständig ist. „Es entfallen so sinnlose Auflagen, es wird die Gefahr von illegalen Handlungen im Bereich der Pflege deutlich reduziert und es ist auch eine stärkere Qualitätskontrolle möglich – dabei geht es ebenso um den zielgerichteten Einsatz des Pflegegeldes“, erhofft sich Pjeta von der Neuregelung mehr Klarheit.

Beispiel Dänemark

Die Begeisterung für die Novelle kann Johann Hable, Vorsitzender der Bundesvertretung Gesundheits- und Sozialberufe in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienste, überhaupt nicht teilen: „Professionelle Pflege soll durch ungelernte Kräfte ersetzt werden. Der neue Vorschlag kommt einem Berufsverbot für diplomiertes Gesundheits- und Krankenpflegepersonal, Pflegehelfer und Sozialberufe in der 24-Stunden-Betreuung-Neu gleich.“ Hable kritisiert, dass in der aktuellen Diskussion ständig die Bereiche Pflege und Betreuung vermischt werden: „Es ist ja nicht so, dass eine diplomierte Pflegekraft oder Pflegehelferin 24 Stunden vor Ort tätig ist – es geht um eigentlich überschaubare Zeitfenster für sehr wichtige Tätigkeiten, für die es eine sehr fundierte Ausbildung braucht.“ Und diese Qualität müsste vom Staat auch bezahlt werden, fordert Hable und verweist auf das Beispiel Dänemarks, wo dies bereits umgesetzt würde.

Klären, was notwendig ist

Es gäbe ausreichend Personal, das hier zum Einsatz kommen könnte, „so gibt es in Österreich etwa 1.500 arbeitssuchende Personen mit einer Ausbildung als Pflegehelfer. Durch AMS-Maßnahmen könnten noch deutlich mehr Menschen für diesen Bereich qualifiziert werden“, so Hable.
Pjeta sieht die Notwendigkeit, „dass bestimmte Tätigkeiten in den Händen von qualifiziertem Personal bleiben, etwa wenn es um professionelles Wundmanagement geht. Aber warum sollen einfache Tätigkeiten nicht delegierbar sein, das würde die Betreuung in vielen Fällen erleichtern.“ Wichtig aus Pjetas Sicht ist, dass sich der Arzt überzeugt, was genau delegiert werden kann und was Angehörige oder eine Betreuungsperson überfordern würde. Wenn diese etwa kein Deutsch spricht, wird die Übertragung der Aufgaben schwierig. Zu klären ist auch der Modus der Delegation und deren Dokumentation, für Pjeta aber keine unüberwindbaren Hürden. Für den Ärztevertreter nötig wäre allerdings eine deutlich intensivere Beratung von Betroffenen, bei der Anmeldung von Pflegekräften und allen anderen damit verbundenen bürokratischen Aufgaben. „Hier sind viele derzeit völlig überfordert.“
Erich Fenninger, Geschäftsführer der Volkshilfe, die derzeit auch den Vorsitz der Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt über hat, einer Dachorganisation der heimischen Gesundheitsdienstleister, ergänzt: „Es gibt den berechtigten Wunsch der Betroffenen und deren Angehöriger, dass es nur eine Person gibt, die betreut und auch Fragen beantworten kann. Gleichzeitig ist die Rückmeldung der Pflegepersonen verständlich, die eine lange Ausbildung absolviert haben und sich fragen, wieso es so einfach ist, Tätigkeiten aus ihrem Berufsfeld zu delegieren.“
Eine 24-Stunden-Betreuung ist, so Fenninger weiter, nicht überall nötig. Als wichtig erachtet er ein Assessment, das etwa durch Hausarzt und Pflegepersonen gemeinsam durchgeführt wird „und natürlich auch entsprechend honoriert werden müsste. Dabei müsste geklärt werden, was eine konkrete Person in ihrer individuellen Situation tatsächlich an Unterstützung und Pflege braucht, sowie welche Aufgaben betreuende Angehörige oder Betreuungspersonen übernehmen können.“ Es brauche nicht jeder einzelne Handgriff bis ins letzte Detail reguliert zu sein. Gleichzeitig sollte es aber Richtlinien geben, welche Handlungen nicht delegierbar sind, etwa künstliche Ernährung oder die Betreuung akuter Schluck- und Atembeschwerden. Grundsätzlich ist für Fenninger der Vorschlag Kdolskys interessant, es bräuchte aber eben viel klarere Regelungen, wer den konkreten Bedarf im Einzelfall evaluiert und Maßnahmen plant. „Die Kosten für ein solch gründliches, multidisziplinäres Assessment sind gut angelegt – denn so werden viele unnötige Folgeprobleme vermieden und die Betreuungsqualität steigt deutlich.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 9/2008

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