zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 20. Februar 2008

Nicht mehr zeitgemäß

Rund um die Vorfälle in der Psychiatrie des Wiener Otto-Wagner-Spitals ist Rechtfertigungspolitik an der Tagesordnung. Doch diese Vorgangsweise löst die Systemprobleme nicht.

Seit einigen Wochen ist das Psychiatrische Zentrum des Wiener Otto-Wagner-Spitals Gegenstand intensiver und kontroversieller Berichterstattung. Besser bekannt ist das Krankenhaus wohl noch unter seinem alten Namen: Baumgartner Höhe und Steinhof. Patienten seien überlange in Netzbetten gesperrt und dort nicht adäquat versorgt worden, eine mit Gurten fixierte Patientin habe sich beim Versuch, sich zu befreien, selbst angezündet, ein psychiatrischer Patient sei nach einem Unfall nicht adäquat behandelt worden, so lauten die Vorwürfe. Vonseiten leitender Ärzte und teils auch vom Personal wird hingegen von einer „zunehmenden Aggressivität“ unter den Patienten gesprochen. Immer wieder ist zudem die Rede von akutem Personalmangel am Otto-Wagner-Spital. Im Februar wurde eine Untersuchungs-Kommission eingesetzt, um die Vorfälle zu untersuchen.

Reden gegen die Aggressionen

„Der Großteil der Patienten auf psychiatrischen Abteilungen ist überhaupt nicht aggressiv“, analysiert Prof. Dr. Johannes Wancata – er ist an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am AKH-Wien tätig und beschäftigt sich intensiv mit Fragen der psychiatrischen Versorgung. Aggressivität, so unterstreicht Wancata, habe auch Ursachen, die zum Teil rechtzeitig wahrgenommen werden können. „Ein erster Schritt ist das Gespräch. Wenn dies keine ausreichende Wirkung auf aggressives Verhalten zeigt, können Medikamente zum Einsatz kommen. Eine weitere Stufe ist die Anhaltung in einer psychiatrischen Abteilung auch gegen den Willen des Patienten.“ Und erst, betont Wancata, als Ultima ratio wären Beschränkungen der Bewegungsfreiheit der nächste Schritt – wobei es auch hier Differenzierungen gäbe bzw. es um die Dauer der Maßnahmen gehe.

Anti-Stigma-Ansatz

Auch Dr. Werner Schöny, ärztlicher Leiter der Linzer Landesnervenklinik Wagner-Jauregg, stellt fest: „Es ist sehr viel von ‚gefährlichen‘ Patienten die Rede – das entspricht nicht der Realität und läuft allen Bemühungen des Anti-Stigma-Ansatzes zuwider.“ Das häufig zitierte Netzbett sollte nach Schönys Meinung eigentlich ein Relikt der Vergangenheit sein: „Es gibt manches, das für dieses Mittel spricht, aber die Nachteile überwiegen deutlich, vor allem die Entwürdigung, das ‚Einsperren‘ im käfigähnlichen Bett.“ In Oberösterreich kommen zur Fixierung Gurte zum Einsatz – „aber eben als letzte Möglichkeit, wenn alles andere ausgeschöpft wurde, und das auch nur für kurze Zeiträume“.
Für Schöny ist wichtig: „Druck erzeugt Aggressivität. Druck bedeutet auch fehlende Zuwendung, Drohungen, lang eingesetzte Zwangsmaßnahmen.“ Zusätzliches Personal – das würden ebenso internationale Erfahrungen und Studien deutlich zeigen – würden ein zentraler Faktor für die Vermeidung von aggressivem Verhalten bzw. für eine menschenwürdige Behandlung sein.
Wancata verweist darauf, dass sich die Situation in psychiatrischen Abteilungen in den Bundesländern in den letzten 20 Jahren teils sehr unterschiedlich entwickelt hat, „wobei es durchaus wünschenswert wäre, weiter an Mindeststandards zu arbeiten, die überall gelten sollten“.
Solche Richtlinien fordert auch Mag. Elke Beermann, Leiterin des Bereichs Patientenanwaltschaft von VertretungsNetz, ein, etwa in dem Punkt, was begleitend getan werden muss, wenn es zu einer freiheitsbeschränkenden Maßnahme kommt. Wancata, Schöny und Beermann sind sich einig, dass in der medialen Berichterstattung der Fokus zu stark auf Einzelereignissen bzw. der Leugnung und Rechtfertigung liegt, auf dem Handeln einzelner Personen – und darüber die grundsätzlichen Probleme des Systems ausgespart bleiben. Wancata fordert ein weiteres Vorantreiben einer Dezentralisierung der Psychiatrie ein, „weiters braucht es mehr niedergelassene Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie und einen möglichst niederschwelligen Zugang zu psychiatrischen und psychotherapeutischen Angeboten“.
Auch Schöny wünscht sich Investitionen in extramurale Infrastrukturen und eine Förderung von dezentralen Beratungs- und Begleitungsangeboten. „Eine sehr wichtige Rolle spielen die niedergelassenen Allgemein- und Fachmediziner, wenn es um Deeskalation, frühes Erkennen von Krisen und der Ebnung der Wege zu rechtzeitiger Beratung und Behandlung geht.“ Beermann appelliert daran, von Einzelanschuldigungen wegzukommen und das System Psychiatrie als Ganzes zu betrachten: „Dabei geht es auch nicht darum, ob der Einsatz von Netzbetten ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ ist, sondern um Rahmenbedingungen, in denen die persönlichen Rechte der Patienten gewahrt bleiben und Zwangsmaßnahmen möglichst vermieden werden.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 8/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben