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Allgemeinmedizin 13. Februar 2008

"Bloß nicht eingleisig!" (Teil 6)

Seit 1. Oktober 2007 ist die Psychiaterin Prof. Dr. Karin Gutiérrez-Lobos Vizerektorin für Personal und Frauenförderung an der Medizinischen Universität Wien. An den medizinischen Universitäten gibt es insgesamt neun Vizerektoren.

„Wer einmal das Geburtstagsfest für einen Achtjährigen organisiert und durchgehalten hat, für den ist jede Managementsitzung ein Klacks“, soll die ehemalige Hewlett-Packard-Chefin Carly Fiorina gesagt haben. Der neuen Vizerektorin der MedUni Wien, Prof. Dr. Karin Gutiérrez-Lobos, spricht das aus der Seele.

Warum wollten Sie Ärztin werden?
Gutierrez-Lobos: Ich wollte nicht einfach Ärztin, sondern schon als Jugendliche, so mit 15, 16 Jahren, Psychiaterin werden. Medizin habe ich quasi als „Mittel zum Zweck“ studiert. Mich haben die vielfältigen Aufgaben und die vielen unterschiedlichen Lebensgeschichten interessiert, mit denen man in der Psychiatrie konfrontiert ist. Es spielt so viel hinein: Politik, Soziologie, Psychologie – das fand und finde ich ungeheuer spannend.

Haben Ihre Eltern Sie unterstützt?
Gutierrez-Lobos: Vorbehaltlos. Es war immer klar, dass ich studieren darf, was ich will.

Haben Sie während Ihres Studiums gearbeitet?
Gutierrez-Lobos: Ich habe relativ lang studiert (lacht). Mein quasi selbstverordneter Eignungstest war, dass ich als Hilfskrankenschwester tätig war, bevor ich zu studieren anfing. Während meines Studiums habe lange in einem Kibbuz und auch als Verkäuferin gearbeitet, war in Jugendzentren und bei den Festwochen tätig. Im alten Medizinstudium war dies sicher leichter möglich als jetzt. Ich möchte diese Zeit und diese verschiedenen Erfahrungen nicht missen.

Während Ihrer Ausbildung zur Fachärztin für Psychiatrie haben Sie Ihren Sohn zur Welt gebracht – wie einfach/schwierig war die Vereinbarkeit von Job und Kind?
Gutierrez-Lobos: Prinzipiell muss ich sagen: Leicht ist es nicht! Ich habe zwar immer sehr genau gewusst, was ich erreichen will und wo ich hin will, das hat mir die ganze Sache ein wenig erleichtert. Trotzdem stehen Frauen, die Karriere und Kind wollen, vor einer ungeheuren organisatorischen Aufgabe. Frauen, die das bewältigen, brauchen sicher keinen Management-Kurs mehr. Es ist aber natürlich auch eine Sache des Partners und des Netzwerks – und das bricht meist bei der ersten Erkrankung des Kindes zusammen! Ich habe mir da aber nicht viel angetan: Wenn jemand die Nase gerümpft hat, weil ich wegen meines kranken Kindes früher gehen musste, bin ich gegangen. Darüber habe ich mit niemandem diskutiert.

Haben Sie Abwertungen im Beruf erlebt, weil Sie eine Frau sind?
Gutierrez-Lobos: Aber natürlich, ich glaube, es gibt keine Frau, die in der Medizin ihren Berufsweg bis in eine Spitzenposition gehen will, der das nicht passiert. Wir haben an der Klinik sehr rasch eine Frauengruppe gegründet, das hat vieles abgefangen. Es wird zwar nicht unbedingt leichter, wenn man erfährt, dass andere Frauen Ähnliches erleben, aber es hilft, um es von der persönlichen Ebene wegzubekommen. Unsere Gruppe hat sich gegenseitig sehr unterstützt. Grundsätzlich habe ich außerdem immer versucht, Beleidigungen nicht persönlich zu nehmen und eher paradox zu intervenieren. Wenn mir jemand etwa Karrieregeilheit unterstellt hat, habe ich ihm geantwortet: „Ja klar bin ich karrieregeil!“ Ich war immer fest entschlossen, meinen Weg zu gehen, meine Lebenszufriedenheit zu wahren und meine Ziele zu erreichen. Und ich glaube, an Beleidigungen oder Abwertungen hätte ich das nicht scheitern sehen wollen.

Gab es Situationen, in denen Sie aufgeben wollten?
Gutierrez-Lobos: Nein! Es hat sicherlich immer wieder Situationen gegeben, in denen ich mich sehr belastet gefühlt habe. Aber aufgeben? Niemals. Ich bin sehr hartnäckig – aufgegeben wird ein Brief.

Welches waren die größten Herausforderungen in Ihrer Karriere?
Gutierrez-Lobos: Die größte Herausforderung war sicherlich, Karriere und Privatleben mit Familie, Freundinnen, Freunden und Hobbys unter einen Hut zu kriegen. Ich wollte nie eingleisig sein. Ich wollte, dass mein Sohn ein glücklicher Mensch wird, dass wir einen großen Freundeskreis haben und dass ich meinen Hobbys trotzdem weiter nachgehen kann.

Ist das aus heutiger Sicht gelungen?
Gutierrez-Lobos: Ja – ja, ich denke schon. Ich habe viele gute Freundinnen und Freunde, meinem Sohn geht es sehr gut. Natürlich ist es immer mal wieder holprig, aber ich glaube, im Großen und Ganzen ist das sehr gut gelungen. Ich bin zufrieden damit.

Wie kam es zu Ihrem politischen Engagement an der – damals noch – Fakultät für Medizin?
Gutierrez-Lobos: Politik finde ich schon mein ganzes Leben lang spannend, und mich hat die Universität auch immer als Organisationsform interessiert, gerade im Hinblick darauf, wie eine solche Organisation partizipativ gestaltet werden kann. Daher habe ich mich schon früh in diversen Gremien der Universität engagiert, z.B. auch als Gleichbehandlungsbeauftragte. Neben meiner fachlichen Tätigkeit als forensische Psychiaterin wollte ich wissen, wie produziert man Wissen und Kreativität an einer Universität? Wie können Studierende dafür begeistert werden? Besonders spannend finde ich: In meiner jetzigen Position kann ich das auch umsetzen.

Welche Pläne haben Sie als Vizerektorin der MUW?
Gutierrez-Lobos: Die Quotenregelung an der Medizinischen Universität allein reicht nicht, um qualifizierten Medizinerinnen den Aufstieg zu ermöglichen. Wir müssen schon viel früher anfangen – bei den Studierenden. Dort planen wir, bereits in das Studium Angebote zur Karriereförderung zu integrieren. Ich möchte unser Mentorinnen-Programm ausbauen und ganz allgemein die Leistungen unserer Frauen sichtbar machen. Die Möglichkeit für Frauen, die Karriereleiter ebenso emporzusteigen wie Männer, sehe ich übrigens durchaus nicht nur als eine Frage der Gerechtigkeit. Es ist ebenso eine Frage der Ökonomie: Wird Frauen der Zugang zu höheren Positionen in der Hierarchie erschwert, gehen uns viele Ressourcen verloren. Das möchte ich ändern.
Ein wichtiges Projekt, das am 7. März 2008 starten wird – der internationale Frauentag, der 8. März, ist heuer ein Samstag – ist die Veranstaltungsreihe Science goes Gender, bei der ich Frauen aus der Wissenschaft zusammenbringen möchte. Ein weiterer Punkt sind unsere Genderreports. Im Vorjahr haben wir den ersten für die MUW herausgegeben, der gezeigt hat, dass sich die Dinge schön langsam ändern. Wir wollen in Zukunft diese Genderreports fortführen, um ein kontinuierliches Monitoring für Frauenförderung zu haben. Wir müssen einfach penetrant sein, um Dinge in Bewegung zu bringen!

Was raten Sie jungen Kolleginnen, die Karriere in der Medizin machen wollen?
Gutierrez-Lobos: Ich glaube, es ist wirklich wichtig, sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Es ist wichtig, mit anderen Frauen in der gleichen Situation Kontakt aufzunehmen. Und ich glaube, man sollte eine Vorstellung von der eigenen Karriere haben: Was will ich erreichen? Es ist nicht obszön oder falsch, als Frau Karriere machen zu wollen. Wenn man etwas erreichen, etwas umsetzen will, muss man sich engagieren, in Gremien mitarbeiten und sich beteiligen, um mit gestalten zu können.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Gutierrez-Lobos: Da könnte ich schon fast in Pension sein (lacht). Nein, ich hoffe, ich bin immer noch an der Klinik, gesund und munter. Ich werde sicherlich weiter als Psychiaterin tätig sein und Patientinnen und Patienten behandeln, Forschungsprojekte betreiben und an der Gestaltung der Uni mitwirken. Und wer weiß: Vielleicht schreibe ich dann doch auch endlich einen Krimi.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 7/2008

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