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Allgemeinmedizin 30. April 2008

Empfehlungen zu Ergotamin

Die Ära der Ergotamine in der Migränebehandlung ist seit dem Einsatz der Triptane aufgrund deren besserer Wirksamkeit und Verträglichkeit am Auslaufen. Patienten, die Ergotaminpräparate gut vertragen, können aber weiterbehandelt werden. Chemisch stellt Ergotamin ein Kondensationsprodukt aus Lysergsäure und einem trizyklischen Tripeptid aus Alanin, Phenylalanin und Prolin dar. Seine pharmakologische Wirkung entfaltet es durch Affinitäten zu a1- und a2-Adrenozeptoren, zu Dopamin- und zu Serotonin-(5-HT)-Rezeptoren. An diesen wirkt Ergotamin als Agonist, Partialagonist oder Antagonist. Ergotamin ist das Hauptalkaloid des Mutterkornpilzes.

Historisches

Hauptsächlich im Mittelalter führte mit Mutterkorn verseuchtes Getreide immer wieder zu massenhaften Vergiftungen ganzer Dörfer und Städte. Das Krankheitsbild wurde damals als Antoniusfeuer bezeichnet. Dieses – später als Ergotismus bekannt – kommt durch eine Überdosierung von Ergotamin zustande, welche eine massive Gefäßverengung mit konsekutiven generalisierten Durchblutungsstörungen verursacht.
Erst im 19. Jahrhundert wurde bekannt, dass die Krankheit durch Mutterkorn verursacht wurde. Ende des 19. Jahrhunderts gelangen die ersten Extraktionen von Ergotamin aus kultivierten Pilzen (Eulenburg A, 1883). Gynergen wurde als erstes gereinigtes Ergotamin 1920 in der Geburtshilfe zur postpartalen Blutstillung eingesetzt (deshalb der Name Mutterkorn), ehe 1925 die erste schwere Migräneattacke von Rothlin erfolgreich mit Ergotamintartrat (ET) subkutan behandelt wurde (Stoll A, 1920). Der Chemiker Albert Hofmann stellte während seiner Forschungsarbeiten mit Mutterkorn 1938 LSD her, mit der Zielsetzung, ein Kreislaufstimulans zu entwickeln. 1943 wurde Dihydroergotamin (DHE) synthetisiert und erstmals 1945 zur Migränetherapie verwendet (Stoll und Hofmann, 1943; Horton et al., 1945).
In den folgenden Jahrzehnten wurden ET und DHE zu den Eckpfeilern der Migränetherapie. Die Wirksamkeit bei Migräne beruht auf dem Agonismus an 5-HT1,B,D,(F) Rezeptoren, welcher eine meningeale Vasokonstriktion verursacht. Damit wird der durch Aktivierung des trigeminovaskulären Reflexes verursachten Weitstellung meningealer Arterien entgegengewirkt. Ergotamine sind im Gegensatz zu den modernen Migränemitteln, den Triptanen, keine selektiven Agonisten dieser vorwiegend an Arterien des ZNS exprimierten Serotonin-Rezeptoren. Die unerwünschten Nebenwirkungen der Ergotamine werden durch Wirkung an 5-HT1A und D2 (Übelkeit, Erbrechen, Dysphorie) sowie 5-HT2A (periphere Vasokonstriktion) verursacht (Silberstein and McCrory, 2003). Letztere Nebenwirkung kontraindiziert den Einsatz von Ergotaminen bei kardiovaskulären Erkrankungen, in der Schwangerschaft sowie bei Leber- und Nierenproblemen und ist verantwortlich für den Ergotismus.

Empfehlungen

Abgesehen von den Akutnebenwirkungen bergen Ergotaminpräparate durch das Phänomen des Auftretens eines Dauerkopfschmerzes die Gefahr eines Übergebrauchs. Obwohl sämtliche Medikamente zur Migränebehandlung einen Dauerkopfschmerz verursachen können, ist die Gefahr bei Ergotaminpräparaten am höchsten. Zum einen, weil die Einnahmehäufigkeit bis zum Auftreten eines Dauerkopfschmerzes bei Ergotaminen am geringsten ist, zum anderen, weil die Gefahr von Langzeitnebenwirkungen in Form von Durchblutungsstörungen am größten ist.
In Anbetracht der Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen, insbesondere den Vergleichen mit neuen migränewirksamen Substanzen, wird in einem Konsensuspapier folgende Empfehlung zum Einsatz von Ergotaminen in der Akutbehandlung der Migräne abgegeben (Tfelt-Hansen et al., 2000): Wenn der Einsatz von migränespezifischen Medikamenten aufgrund unzureichenden Ansprechens auf Schmerzmittel in Kombination mit Prokinetika notwendig wird, sollten Triptane verabreicht werden. Patienten mit seltenen Attacken, die nicht Gefahr laufen, einen Dauerkopfschmerz zu entwickeln und eine gute Wirkung von Ergotaminpräparaten ohne störende Nebenwirkungen beschreiben, können durchaus mit diesen weiterbehandelt werden.
Zusammenfassend kann empfohlen werden, dass Therapieversuche mit Ergotaminen Patienten vorbehalten sein sollten, die mit Schmerzmitteln und Triptanen nicht ausreichend behandelbar sind. Die Behandlung sollte in spezialisierten Kopfschmerzzentren unter regelmäßiger Kontrolle stattfinden.

Dr. Gerhard Franz, Facharzt für Neurologie

Quelle und Rückfragehinweis:
A. Menarini Pharma GmbH
Pottendorfer Straße
25-27/3/3/Top 1
A-1120 Wien

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