zur Navigation zum Inhalt
 
Gastroenterologie 28. Juni 2007

Die Helicobacter-Story (Narrenturm 105)

Spannend wie ein Wissenschaftskrimi ist die Geschichte des Helicobacter pylori. Die Entdeckung des Keims in der Magenschleimhaut revolutionierte die Heilkunde. Die Aufklärung seiner Rolle als Verursacher des Ulkusleidens und der Gastritis war eine Sternstunde, nicht nur der Gastroenterologie. Für diese Pionierleistung erhielten die beiden australischen Ärzte Barry J. Marshall und J. Robin Warren 2005 den Nobelpreis für Medizin.

Genau genommen ist der Keim, der seit Urzeiten im menschlichen Magen lebt, seit über hundert Jahren bekannt. Deutsche Anatomen entdeckten bereits 1875 im Schleim des Magens spiralige Bakterien. Da es ihnen aber nicht gelang, sie im Labor zu züchten, geriet ihre Arbeit in Vergessenheit. Ebenso wie die Publikation des deutschen Internisten Walter ­Krienitz (1876–1943), der 1906 „über das Auftreten von Spirochäten verschiedener Form im Mageninhalt bei Carcinoma ventriculi“ in der Deutschen medizinischen Wochenschrift berichtete. Diese alten Bekannten im Magen „wiederentdeckten“ also Anfang der 1980er Jahre der Pathologe J. R. Warren und der Internist und Mikrobiologe B. J. Marshall, die beide am Königlichen Krankenhaus von Perth, Universität Westaustralien, beschäftigt waren. Dem Pathologen Warren war – wie vielen Ärzten auf der ganzen Welt – aufgefallen, dass es bei zahlreichen Ulkus-Patienten trotz optimaler Behandlung und Unterdrückung der Säureproduktion im Magen – gemäß dem Dogma „keine Säure, kein Ulkus“ – immer wieder zu Rückfällen oder kompletten Therapieversagern kam.

Gekrümmt und stabförmig

In etwa der Hälfte der Biopsien aus der Magenschleimhaut, die er als Pathologe zu befunden hatte, entdeckte Warren kleine, gekrümmte stabförmige Bakterien, die bereits im Lichtmikros­kop sichtbar waren. Bakterien, die hier im unwirtlichen „salzsäuresauren“ Milieu des Magens nach der herrschenden Lehrmeinung eigentlich gar nicht sein durften. Da Warren praktisch überall, wo er die Bakterien fand, auch die klassischen Entzündungszeichen beobachtete, wurde er stutzig. Er vermutete, dass diese Keime bei der Entstehung der Gastritis und beim Ulkus ventriculi und duodeni eine Rolle spielen könnten. Viele seiner Kollegen nahmen seine These nicht ernst und sahen Verunreinigungen des Materials als Ursache für die Keimbesiedelung der Biopsien. Gemeinsam mit seinem jüngeren Kollegen Marshall – einer der Wenigen, der nicht den Kopf über Warrens Ideen schüttelte – versuchte Warren die Keime zu isolieren und zu vermehren.

Entdeckung zu Ostern

Fast schien es, als ob die Lehrmeinung richtig war. Monatelang schlugen sämtliche Versuche, aus Gewebeproben des Magens Bakterien zu züchten, fehl. Auf den Agarplatten zeigte sich kein Wachstum. Dann aber kam der Zufall den beiden hartnäckigen Forschern zu Hilfe. Üblicherweise verwarfen sie die Nährböden nach 36-stündiger erfolgloser Bebrütung. Durch die Osterfeiertage im Jahr 1982 blieben die Kulturplatten aber versehentlich wesentlich länger bebrütet. Tatsächlich fanden die Forscher nach den Feiertagen die ersten heranwachsenden Kolonien. Die Inkubationszeit wurde nach diesem „Fehler“ mehr als verdoppelt und so der Nachweis für das Vorhandensein von aktiven Bakterienstämmen, von Helicobacter – damals noch Champylobacter – pylori in der Magenschleimhaut erbracht. Aber das reichte nicht aus, um die ungläubigen Fachkollegen davon zu überzeugen, dass das Bakterium die Hauptursache für eine Entzündung der Magenschleimhaut ist. Marshall, der ein wismuthaltiges Antibiotikum entwickelt und damit bereits einige Patienten erfolgreich behandelt hatte, entschied sich für einen Selbstversuch. Nach einer Kontrollgastroskopie – um zu beweisen, dass er keim- und entzündungsfrei war – trank er einen Bakteriencocktail mit Helicobacter. Prompt konnte schon nach einigen Tagen eine Gastritis durch Besiedelung der Magenschleimhaut mit Helicobacter diagnostiziert und diese auch bioptisch abgesichert werden. Für den Forscher war dies nur ein kleiner, wenn auch gefährlicher Schluck, aber ein gewaltiger Schritt für die ganze Medizin. Ihre sensationellen, lange Zeit heftigst umstrittenen Ergebnisse veröffentlichten die australischen Forscher im September 1983. In der Folge konnten Warren, Marshall und auch andere Arbeitsgruppen die listige Überlebensstrategie des Keimes in diesem extrem sauren Milieu und auch den Mechanismus der Entzündungsreaktion im Magen und Duodenum aufklären. Es waren also nicht „seelische Komponenten“, Ärger und Stress, die sich auf den Magen „schlugen“. Die Helicobacter-pylori-Infektion war es, die an der Magenschleimhaut zu einer chronischen Gastritis und zum Ulkus ventriculi oder duodeni mit allen ihren brandgefährlichen Komplikationen führen kann. Wie man heute weiß, ist auch das MALT-Lymphom und das Adenokarzinom des Magens eng mit dem Helicobacter pylori – genannt auch der Magenteufel – verknüpft. Die so genannte Dreifachtherapie – Clarithromycin, Ampicillin oder Metronidazol in Kombination mit einem Protonenpumpenhemmer – führt in etwa 90 Prozent der Fälle nach nur siebentägiger Therapie zur Abtötung der Keime im Magen. Die Gefahr, dass dadurch der Magenteufel, der sich in jedem zweiten menschlichen Magen tummelt, eine bedrohte Art wird, scheint aber gering zu sein. Neuere Forschungen lassen vermuten, dass Helicobacterstämme auch bei Krankheiten „jenseits“ des Magens eine Rolle spielen könnten.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 26/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Aktuelle Printausgaben