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© Renate Haiden
Mag. Philipp Lindinger
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Koller 
DGKS Sonja Koller, MBA, AZWM
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© Brigitta Ranzmaier
Dr. Birgit Kraft
© Brigitta Ranzmaier

 
Gesundheitspolitik 6. Oktober 2017

Der wunde Punkt

Aktionstag. Anlässlich des heimischen „Wundtages“, der kürzlich zum zweiten Mal stattgefunden hat, wurden landesweit mehr als 30 Aktionen und Ideen für ein besseres Leben mit chronischen Wunden vorgestellt.

Grund für diese breitenwirksamen Maßnahmen war die Tatsache, dass rund 250.000 Österreicher mit einer chronischen Wunde leben, jedoch in puncto Lebensqualität noch großes Verbesserungspotenzial besteht. Neue Wundprodukte könnten Abhilfe schaffen. Sie stehen nach Meinung der Hersteller zur Verfügung, finden aber nicht immer den Weg zum Patienten.

Chronische Wunden sind kein besonders attraktives Thema, weder für die behandelnden Ärzte noch das Pflegepersonal und schon gar nicht für die Betroffenen selbst. Oder würden Sie gerne davon erzählen, dass eine alte Wunde bereits mehr als acht Wochen nicht heilt und nicht nur ihren Körper, sondern auch ihre Seele und ihr Alltagsleben in Mitleidenschaft zieht? Häufige Arztbesuche, schmerzhafte Verbandswechsel und unangenehme Gerüche sind einige Gründe für das Verschweigen des Problems.

Nach Angaben des Wundreports 2015 empfinden zum Beispiel 64 Prozent der Wundpatienten Schmerz, 69 Prozent nehmen einen unangenehmen Geruch an der Wunde wahr. Professionelle Wundmedizin kann dazu beitragen, die Lebensqualität dieser Patienten zu erhöhen. Ein Schritt in diese Richtung ist der „Wound-QoL Fragebogen zur Lebensqualität mit chronischen Wunden“. Der Fragebogen umfasst 17 einfache Fragen, die der Patient selbst ausfüllen kann und soll den (Be-)Handlungsbedarf aufzeigen. Gemeinsam mit dem „Wound Act“, einem auf den Ergebnissen des Fragebogens basierenden Behandlungsplan, soll er den Arzt unterstützen. Auf politischer Ebene hat die Gesellschaft für Wundbehandlung (AWA) gemeinsam mit der „Initiative Wund? Gesund!“ im Vorjahr einen Forderungskatalog an Nationalratspräsidentin Doris Bures übergeben.

 

Die Innovationen kommen nicht an

„Bei der Entwicklung effizienter Wundprodukte hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Egal ob Pflaster, hydroaktive Wundauflagen oder Wundunterdrucktherapie: Verbandstoffe sind ein Bestandteil eines funktionierenden Gesundheitssystems, durch die der Genesungsprozess beschleunigt, (Folge-)Kosten reduziert und das Patientenwohl um ein Vielfaches gesteigert werden kann. Dafür stehen nicht immer ausreichend finanzielle Ressourcen zur Verfügung. Die Folge ist, dass Patienten moderne Produkte verwehrt werden, die jedoch Ausfalls- und Liegezeiten sowie Kosten reduzieren würden. Viel zu oft stehen die Stückkosten im Vordergrund. Das zeigt ein falsches Bild, denn innovative Medizinprodukte helfen mit, einen Prozess – den von der Diagnose über die Therapie – effizient und effektiv zu gestalten. Bei Patienten mit chronischen Wunden laufen diese Prozesse über Wochen, Monate oder Jahre. Wenn die Behandlungsdauer bei einer schlecht heilenden Wunde durch moderne Wundprodukte deutlich verkürzt werden kann, holt das die Zusatzkosten für diese Produkte mehrfach herein. Davon sind wir aber weit entfernt, denn immer noch werden 85 Prozent der Patienten mit konventionellen Verbandstoffen versorgt. Eine Zweiklassenmedizin und die Schlechterstellung von Patienten, die auf rückerstattbare Produkte angewiesen sind, sind bei der Verfügbarkeit innovativer Medizinprodukte nicht akzeptabel. Verschärft wurde die Situation kürzlich in Wien, wo die Gebietskrankenkasse die Liste der erstattungsfähigen Wundprodukte gekürzt hat. Das heißt nicht, dass Wunden durch diese neue Übersichtlichkeit besser versorgt werden können und ein Erstattungskodex ist keine Therapieanleitung! Im Gegenteil, denn der Stand der Liste war aus dem Jahr 2015, sodass Innovationen nicht berücksichtigt waren. Außerdem betonen Wundexperten, dass gerade in der Versorgung chronischer Wunden die personalisierte Medizin im Vordergrund stehen muss, denn nichts ist so individuell wie der Verlauf dieser Behandlung. Mit weniger Produkten kann dieser Vorgangsweise kaum besser gerecht werden und die Produktvielfalt ist Schnee von gestern. Eine Reduktion des Angebotes ändert nichts daran, dass das Erstattungssystem intransparent und unfair ist, denn was in einem Bundesland bezahlt wird, gilt nicht für ein anderes. Wenn der Wohnort entscheidet, wie gut die Wundbehandlung durchgeführt wird, ist das nicht State-of-the-Art.“

Mag. Philipp Lindinger, Geschäftsführer AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen

Ein Wundsiegel würde Sicherheit schaffen

„Aufgrund der undurchsichtigen Versorgungslandschaft hat die AWA nach dem ersten Wundtag im Vorjahr ein Projekt gestartet, dass sich die Erhebung der Versorgungssituation und die Identifizierung von Einrichtungen und Wundbehandelnden zum Ziel gesetzt hat. Das Ergebnis war ernüchternd und zeigt, dass das Management von chronischen, aber auch von akuten Wunden nicht nur auf das Angebot an Wundprodukten reduziert werden kann. Das beginnt in der Aus- und Weiterbildung der Mediziner und des Pflegefachpersonals, denn es gibt kein einheitliches Curriculum oder eine Qualifikationsvorgabe für Lehrende. Der Titel „Wundmanager“ wird zwar häufig verwendet, hat aber keine verbindliche Grundlage auf Basis einer bestimmten Ausbildung oder nachweisbaren Mindestqualifikation oder einer einheitlichen Weiterbildungsrichtlinie. Große Unterschiede zeigen sich in der Infrastruktur, die Betroffene in ihrer Umgebung vorfinden und in der Refundierung sowie Abrechnung der erbrachten Leistung durch den Kostenträger, sei es der Hauptverband oder die Krankenhausbetreiber. Derzeit gibt es keine Sicherung der Leistungsqualität, denn es erfolgt keine einheitliche Erhebung von Patientendaten zur Klärung von Erfolg, Misserfolg sowie Wirkung oder Nebenwirkungen. Die Bewilligung von modernen Verbandstoffen ist nicht einheitlich geregelt, sodass jedes Bundesland für sich selbst Tariflisten erstellt. Um diese komplexe und hochgradig intransparente Situation zu verbessern, arbeitet die AWA an einem Wundsiegel, das eine klare Qualitätssicherung und Zertifizierung von Institutionen möglich macht, die in diesem Feld tätig sind. Das bietet den Patienten Orientierung und Verlässlichkeit und ist eine Basis, um von Industrie, Politik oder anderen Gesundheitseinrichtungen als kompetenter Partner wahrgenommen zu werden. Diese unübersichtliche Lage führt dazu, dass Betroffene oft schwer den Weg zum richtigen Behandler finden. Um die passenden Strukturen aufzubauen und verlässliche, transparente Prozesse abzubilden, wäre viel Abstimmungsarbeit zwischen Interessensgruppen erforderlich, die alle den Patienten bestmöglich versorgen wollen. Dennoch ist es kein leichtes Unterfangen, alle an einen Tisch zu bekommen. Die Versorgungsqualität zieht sich quer durch das Gesundheitswesen und das macht es so schwierig, in die Gänge zu kommen.“

DGKS Sonja Koller, MBA, AZWM, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Wundbehandlung (AWA)

Umfassendes Verbandstoffangebot in Wien

„Es ist uns ein Anliegen, unsere Versicherten optimal zu versorgen. Daher haben wir mit 1. Juli 2017 das Angebot für Patienten mit chronischen Wunden verbessert. Seit diesem Zeitpunkt gibt es einen neuen Verbandstoffkatalog, der mehr als 400 Produkte umfasst. Die chefärztliche Bewilligung ist nur noch für wenige, sehr teure oder spezielle Produkte nötig. Die Überarbeitung des Katalogs erfolgte auf Wunsch der niedergelassenen Ärzte, weil der alte Katalog mit mehr als 2.700 Produkten unübersichtlich wurde. Um alle Berufsgruppen zu berücksichtigen, haben wir externe Experten mit an Bord geholt. Der neue Katalog wurde in Zusammenarbeit mit Ärzten sowie Pflegefachkräften des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV), der Wiener Ärztekammer und der mobilen Hauskrankenpflege des Fonds Soziales Wien (FSW-WBP) entwickelt. Bei der Neuauflage haben wir darauf geachtet, dass Produkte verzeichnet sind, die leicht anzuwenden und langlebig sind. Die Ökonomie stand nicht im Vordergrund. Im neuen Katalog wurden hochwertige moderne Wundprodukte aufgenommen und die Anzahl älterer Wundprodukte wurde reduziert. Moderne Wundprodukte verkleben nicht mit der Wundoberfläche, können länger belassen werden, sodass tägliche und schmerzhafte Verbandswechsel vermieden werden und Wunden rascher abheilen können. Der neue Verbandstoffkatalog enthält Informationen zu den verschiedenen Verbandstoffgruppen und ihrer Verwendung, um die Anwender bei der Auswahl des richtigen Verbandsmaterials zu unterstützen. Der Katalog wird in regelmäßigen Abständen aktualisiert. So wird sichergestellt, dass die Versorgung nach dem neuesten medizinischen Wissensstand erfolgen kann. Bis Jahresende 2017 ist auch noch der ursprüngliche Verbandstoffkatalog gültig und Produkte aus diesem Katalog können noch verschrieben werden. Mit dem Verbandstoffkatalog stellen wir die optimale Versorgung für Patienten mit chronischen Wunden sicher. Unseren Versicherten steht im Vergleich zu anderen Gebietskrankenkassen ein breites Angebot zur Verfügung. In anderen Bundesländern umfasst der Verbandstoffkatalog nach der Umstellung nur mehr 150 Produkte. Für die Qualität der Wundbehandlung ist letztlich nicht die Anzahl der verfügbaren Produkte entscheidend, sondern – neben Wundreinigung und der Behandlung der Grunderkrankung der Patienten – die Auswahl des richtigen Verbandsmaterials.“

Dr. Birgit Kraft, Abteilung Gesundheitsservice und Prävention, Wiener Gebietskrankenkasse

Renate Haiden , Ärzte Woche 41/2017

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