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APA-Artikel 8. September 2017

"Die Akte Glyphosat" - Massig Kritik an Pestizid-Zulassung

Weit bis in die 70er-Jahre zurück blickt Helmut Burtscher in "Die Akte Glyphosat". Als einer der Initiatoren der Bürgerinitiative "Stopp Glyphosat" ist seine Haltung gegenüber dem Herbizid naturgemäß ablehnend, seine Informationen zu den Zulassungssystemen in den USA und der EU und deren zum Teil nebulös agierenden Akteure macht das Sachbuch aber auch jenseits der Debatte um das Mittel lesenswert.

Was die Zukunft des weltweit meisteingesetzten Pestizids in Europa betrifft, so geht es hier langsam in die heiße Phase, denn noch im Herbst diesen Jahres müssen die EU-Mitglieder hier eine Entscheidung treffen. Sonst würde die Zulassung auslaufen und der Wirkstoff somit langsam aus den Ackerböden verschwinden, so wie sich das der für die Umweltschutzorganisation Global 2000 tätige Biochemiker wünscht.

Burtschers Betrachtung über die Geschichte der Zulassung des anfänglich als Rohrreiniger verwendeten Mittels führt zuerst in die USA und in das Jahr 1978. Zwei Jahre zuvor war im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein Skandal rund um ein Labor namens IBT (Industrial Biotest) aufgeflogen. 22.000 Studien hat das private Prüflabor innerhalb von drei Jahrzehnten bis dahin durchgeführt, und auch eine Studie zum Pestizidwirkstoff Glyphosat stammt aus dem Laboren des IBT. Einige der Mitarbeiter sollten sich dann Anfang der 80er-Jahre vor Gericht wiederfinden, nachdem ihnen unter anderem vorgeworfen wurde, mit gefälschten Studien die US-Zulassungsbehörden getäuscht zu haben.

U.S. EPA heißt eine dieser Behörden und ist zuständig für die Bewertung und Registrierung von Pestiziden, und einer ihrer Mitarbeiter heißt William Dykstra, erfährt man weiter. Der Toxikologe soll im Verlauf das Sachbuchs noch eine entscheidende Rolle einnehmen, wenn Burtscher durchaus spannend aufzeigt, wie durch seltsame Verquickungen von Behörden, dem Glyphosat-Patenthalter Monsanto bis zur US-Regierung es zu einem jahrelangen hin und her über die Bewertung des Pestizids bezüglich seiner Krebsgefährdung kam. Da berichtet der Autor von den weiteren Geschehnissen bis zum Jahr 1991 und dabei etwa von Labormäusen, die postum Krebsgeschwüre aufweisen und dann, bei Überprüfung durch eine andere Behörde, doch wieder nicht, oder wie einstige EPA-Mitarbeiter später Karriere bei Monsanto machen.

Der zweite und größere Teil der "Akte Glyphosat" spielt sich dann in Europa ab, beginnt im Jahr 2012, als Monsanto dort einen Antrag auf Erneuerung der Zulassung von Glyphosat stellt und führt bis in die Gegenwart. Der US-Konzern hat davor mit Glyphosat dank seiner gentechnisch veränderten Pflanzen, die resistent gegen das Pestizid sind, eine umsatzträchtige Erfolgsgeschichte vorgelegt. Eine Erfolgsgeschichte, die etwa dazu geführt hat, dass das Pestizid in Argentinien mittels Flugzeugen großflächig versprüht wird, nachdem sich der südamerikanische Staat inzwischen zu einem der Gen-Soja-Produzenten emporgeschwungen hat. Im Buch wird in diesem Zusammenhang von steigenden Krebszahlen berichtet.

In Europa gibt es jedoch seitens von Umweltschutzorganisationen wachsenden Widerstand. Spätestens mit der Einschätzung der Internationalen Agentur für Krebsforschung der WHO, IARC, die Glyphosat im Jahr 2015 in der Kategorie "2A" einreihte - "wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen" -, wurde die Debatte um die Wiederzulassung auch zu einem emotional belegten Politikum, bei dem sich Global 2000 zu einem der aktivsten Protagonisten gegen diesen Schritt herauskristallisiert hat.

Eines der gewichtigsten Argumente der Glyphosatgegner lieferte dabei die EU selbst, nachdem sie in der Pestizidverordnung einen "gefahrenbasierten Ansatz" verankert hat. Im Gegensatz hat sich für die EU-Kommission der Krebsverdacht jedoch nicht bestätigt. Autor Burtscher nennt seiner Ansicht nach jedoch "inakzeptable Abhängigkeitsverhältnisse" zwischen Pestizidherstellern, Untersuchungslabors sowie Behörden, die zu dieser Ansicht geführt hätten. "Die Akte Glyphosat" untermauert mittels eines umfangreichen Glossars die Argumentationslinie.

(S E R V I C E - "Die Akte Glyphosat", 256 Seiten, von Helmut Burtscher-Schaden, Verlag Kremayr & Scheriau, ISBN: 978-3-218-01085-6, 22 Euro)

apa.at

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