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APA-Artikel 8. September 2017

Glyphosat - Burtscher: Zulassungsprozedur wäre leicht zu reformieren

Helmut Burtscher, Autor des Sachbuchs "Die Akte Glyphosat" und für die NGO Global 2000 tätiger Biochemiker, forderte gegenüber der APA eine Reform der Zulassungsprozeduren bei Pestiziden. Denn die entsprechende EU-Verordnung mit ihrem "gefahrenbasierten Ansatz" würde rechtlich bereits Stoffe wie Glyphosat ausschließen. Es mangle aber an der Unabhängigkeit bei der wissenschaftlichen Bewertung.

"Meine Meinung ist, dass Glyphosat ganz klar die gesetzlichen Zulassungsvoraussetzungen verfehlt, und es gibt Stoffe, die ähnlich oder noch problematischer sind, die ebenfalls zugelassen sind." Der Grund sei, dass etwa die europäische Chemikalienagentur ECHA ihre eigenen Vorgaben umgehe. "Es braucht eine Reform, die die Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Bewertungen der Studien von den Interessen der Industrie gewährleistet", sagte Burtscher. Konkret soll weder die direkte Bezahlung der privaten Prüfinstitute durch die Pestizid-Hersteller erfolgen noch deren Beauftragung. Die Lösung: Die EU-Behörden sollen diese Prüfinstitute beauftragen und sich das dafür notwendige Geld über die Registrier- und Zulassungsgebühren holen. Gegenwärtig sind Interessenskonflikte inkludiert, so Burtscher.

"Ich glaube, wenn die ersten Krebsstudien regulär gewesen wären und die Behörden entsprechend auf die Ergebnisse hingesehen hätten, dann wäre es gar nicht so weit gekommen. Insofern hat das Übel in den USA seinen Ursprung gehabt", so Burtscher. Er gibt aber auch zu bedenken, dass die daraus gezogenen Konsequenzen dazu geführt hätten, dass die USA in den 80ern führend waren, was die Risikobewertung von Pestiziden betrifft. An den gegenwärtigen Standards der ECHA hat der Experte an sich nichts auszusetzen, bis auf den Umstand, dass sie nicht eingehalten würden.

Was die EU-Pestizidverordnung und ihren gefahrenbasierten Ansatz betrifft, so habe sie damit "die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Zulassung von Glyphosat und anderen Pestiziden mit vergleichbaren Stoffeigenschaften eliminiert. Die EU hat einen gesetzlichen Rahmen geschaffen, der es nicht mehr erlaubt, diese Stoffe zuzulassen. Krebserregende Stoffe werden gefahrenbasiert reguliert und somit schon auf der Ebene der Stoffeigenschaft ausgesiebt. Dass kann dazu führen, dass ein Pestizid in Europa nicht auf den Markt kommt, obwohl es letztlich beim Menschen keinen Schaden verursacht hätte", erläuterte Burtscher.

Es gibt aber auch den Weg, der dem Prinzip "falsch negativ" folgt, so Burtscher. Das bedeutet, dass man ein Pestizid zulässt, weil man es für wahrscheinlich nicht krebserregend hält - aber es ist tatsächlich krebserregend. "Letzteres ist der Weg der USA, wo der Beweis im Nachhinein getroffen werden soll, während in Europa das Vorsorgeprinzip Pate gestanden hat. Unser Gesetzgeber hat sich also für den Gesundheitsschutz entschieden."

Doch was, wenn Glyphosat nicht mehr zugelassen ist, und dann eventuell schädlichere Mittel zum Einsatz kommen? "Das kann man von verschiedenen Seiten sehen. Wenn Behörde und Industrie sehr ähnlich, wenn nicht ident argumentieren 'wenn man Glyphosat verbietet, dann kommt was Schlimmeres', dann sagt die Behörde ja damit auch, dass sie Pestizide zugelassen hat, die die Voraussetzungen noch weniger erfüllen, als dies Glyphosat je getan hat. Das ist eine gefährliche Drohung, etwas eigentlich nicht Legales am Markt zu lassen."

apa.at

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