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APA-Artikel 21. August 2017

Alpbacher Gesundheitsgespräche: Gesundheit mehr als "Medizin" 1

Reichtum bzw. Armut, Umwelt, Bildung und ähnliche Faktoren bestimmen die Gesundheit mehr als die Medizin. Langfristige Planung und "Gesundheit in allen Politikfeldern" seien zu fordern, stellten Sonntagabend Experten bei der Eröffnung der Alpbacher Gesundheitsgespräche (bis 22. August) fest.

"Deine Postleitzahl ist ein besserer Prognosefaktor für Deine Gesundheit als Dein genetischer Code", betonte Jo Ivey Boufford, Präsidentin der New Yorker Akademie für Medizin. Allein in New York gebe es in einem 20-Meilen-Umfeld Unterschiede in der Lebenserwartung von rund neun Jahren.

Das diesjährige Generalthema des Europäischen Forum Alpbach lautet "Konflikt und Kooperation". Es eigne sich auch speziell für Diskussionen zu einem derart hoch komplexen System wie dem Gesundheitswesen, hieß es.

"Gesundheit ist nicht nur die Absenz von Krankheit. Sie ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens", zitierte EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis die entsprechende WHO-Definition. "Wir brauchen Prävention, Bewerbung (von gesundheitsfördernden Strategien; Anm.), Schutz der Gesundheit und Partizipation (der Menschen; Anm.)." Er, Andriukaitis, verstehe als Herzchirurg von Beruf eigentlich nicht, warum das so schwierig zu propagieren sei. "Wie könnt Ihr nur so dumm sein, Eure Kunden zu töten", sage er in seiner Funktion als EU-Kommissar immer wieder der Industrie, welche gesundheitsschädigende Lebensmittel mit zu viel Fett, Zucker oder Salz, Alkohol oder Tabakprodukte herstelle. Natürlich sei das auch ein Kampf mit dem simplen Profitstreben.

"Kooperation und Konflikt" wäre gerade beim fragmentierten österreichischen Gesundheitssystem ein spannendes Thema betonte Österreichs Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner (SPÖ). Mit der Gesundheitsreform, Zielsteuerung und ausformulierten Gesundheitszielen sei man in den vergangenen Jahren deutlich vorangekommen. "Erfolg ist nur durch die Kooperation der Systempartner möglich", betonte sie. "Health in all Policies" (Gesundheit in allen Politikfeldern; Übers.) müsse das Motto sein. Alle Beteiligten müssten sich aber auch ständig bewusst sein: "Es geht im Gesundheitssystem nur um eine Personengruppe. Es geht um die Patienten und um die Menschen, die wir gesund erhalten wollen. Wir haben die Verpflichtung, eine Mehrklassen-Medizin in diesem Land zu verhindern. Die Patienten haben das Recht auf die bestmögliche Versorgung. Wir müssen sie für alle sicherstellen."

Die Vizepräsidentin des Europäischen Forum Alpbach, Ursula Schmidt-Erfurth, zitierte in ihrer Eröffnungsrede Daten zur sozialen und gesundheitlichen Situation der Menschen in den USA aus dem "Lancet": "In den vergangenen 35 Jahren ist es dort zu einer massiven Umverteilung von Geldmitteln von der Mittelklasse und den Armen zu den Reichen gekommen. So hat sich in den USA seit den 1970er-Jahren der Unterschied in der Lebenserwartung der Menschen, die zum reichsten Prozent der Bevölkerung gehören, zu den Ärmsten (ein Prozent) von 10,1 auf 14,6 Jahre erhöht. Der Anteil des Bruttoinlandsprodukts, das an die Reichsten geht, hat sich verdoppelt.

"Dabei sind rund 28 Millionen US-Staatsbürger nicht oder nur mangelhaft krankenversichert. Die Gewinne der fünf 'reichsten' Versicherungen haben sich verdoppelt", sagte Schmidt-Erfurth. Im Gesundheitswesen selbst gefährde ein "zusammengebrochenes Wirtschaftsmodell" der Pharmaindustrie den Zugang zu innovativen Medikamenten. Der US-Pharmakonzern, welcher den revolutionären Wirkstoff Sofosbuvir gegen die chronische Hepatitis C entwickelt hätte, habe zwölf Milliarden US-Dollar investiert, aber bereits 35 Milliarden US-Dollar Gewinn damit gemacht. Die Vergabe von Lizenzen für die kostengünstige Herstellung in Indien sei gut, aber das helfe den 40.000 betroffenen Patienten in Österreich wenig.

In diesem Jahr hat Philips die Vereinigung Pharmazeutischer Unternehmen (Pharmig) als Hauptpartner der Alpbacher Gesundheitsgespräche abgelöst. Die Pharmig stieg aus. Die rhetorisch gestellte Frage "Was zum Teufel macht Philips hier?" beantwortete der Österreich-Geschäftsführer des Konzerns, Robert Körbler, so: "Philips hat sich von einem Industrie- zu einer Gesundheitsunternehmen umgewandelt." Man wolle wertorientierte Produkte und Leistungen für eine alternde Gesellschaft bei zunehmenden Sparbemühungen, mehr Engagement der Menschen für Gesundheit und unter den Auspizien der Digitalisierung aller Lebensbereiche anbieten.

apa.at

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