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© Stadtarchäologie Wien
Skelett einer kleinen Stute, vermutlich Teil der französischen Armee.

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Doppelbestattung von Soldaten des 10. leichten Infanterieregiments der französischen Armee.

© picture alliance/akg

Erzherzog Karl von Österreich-Teschen erscheint auf dem Schlachtfeld: In den Jahren vor Aspern hatte er die Bewaffnung der Armee modernisiert.

©  ÖAI

Mag. Dr.Mich aela Binder ist als Bioarchäologin am Archäologisches Institut der Akademie der Wissenschaften tätig.

 
Leben 16. August 2017

Blutige Pfingsten 1809

Schlacht von Aspern. Die französischen Soldaten, die bei der Niederlage Napoleons gegen die Armee Erzherzog Karls gefallen sind, waren zwar allesamt noch sehr jung, hatten aber schon vor der Schlacht mit Zahnproblemen und Ermüdungsbrüchen zu kämpfen. Das ergab eine Grabungskampagne der Wiener Stadtarchäologie.

Napoleon suchte im Mai 1809 die Entscheidung. Er hatte Wien eingenommen, doch die habsburgische Streitmacht war noch intakt. Also musste er los. Seine Pioniere begannen bei Kaiserebersdorf eine behelfsmäßige Brücke über die Donau, damals ein frei mäandrierender Fluss zur Lobauinsel zu zimmern, wo Napoleons Widersacher, Erzherzog Karl seine Truppen zusammenzog. Die Franzosen waren auf diese Weise verwundbar, aber Bonaparte ging das Risiko ein. Und warum auch nicht? In Italien hatte er die Truppen der Österreicher nach Belieben geschlagen, seine Grand Armée bestand aus harten Männern und selbstständig agierenden Marschällen wie Jean Lannes, die ihm dennoch bedingungslos ergeben waren. Er hatte allen Grund optimistisch der kommenden Schlacht entgegenzublicken.

Was nun den einfachen Fußsoldaten anging, trieben den weniger strategische Planungen um, als vielmehr sein leerer Magen und Tabakbeutel, seine furchbaren Zahnschmerzen, verursacht durch Karies und Zahnfleischentzündungen und seine wunden Füße, die von den endlosen Märschen durch halb Europa gezeichnet waren. Ermüdungsbrüche des 3. und 4. Mittelfußknochens gehörten zu den häufigsten Frakturen der französischen Soldaten. Das ergaben Grabungsbefundeder Wiener Stadtarchäologen in den Jahren 2008 bis 2016 aus der Seestadt Aspern. Die Ergebnisse liegen nunmehr in Buchform und als Ausstellung mit dem Titel „Auf den Spuren der Schlacht von Aspern“ vor.

Bioarchäologin Michaela Binder beschreibt den Allgemeinzustand der in Massengräbern bestatteten Soldaten: „Der typische Soldat von Aspern war unter 30, hatte sehr schlechte Zähne und trotz des jungen Alters bereits fortgeschritten Abnutzungserscheinungen an den Gelenken und der Wirbelsäule. Sehr viele hatten auch Anzeichen von Mangelernährung und/oder chronischen Infektionskrankheiten in der Kindheit, was mit einem niedrigen sozialen Status in Zusammenhang steht. Darüber hinaus hatte natürlich fast jedes Skelett eine schwerwiegende Verletzung erlitten.“

Die Truppenstärke der Österreicher belief sich auf ca. 84.000 Mann, etwa 14.200 Reiter und 288 Geschütze. Zu einem überraschenden Faktor entwickelte sich ein durch die Schneeschmelze ausgelöstes Donauhochwasser, dass die Schiffsbrücke der französischen Pioniere immer wieder zerstörte. So kam es, dass Napoleon am ersten Tag der Schlacht nur etwa 30.000 Mann, 9.300 Reiter und 70 Geschütze zur Verfügung hatte. Der Kaiser konnte seine Truppenstärke daher nicht voll entwickeln. Bei den Kämpfen in den Donau-Auen, in Groß-Enzersdorf, Essling und Aspern kamen rund 20.000 Mann um. Die meisten Toten wiesen Schussverletzungen am Thorax (40,6 %), am Schädel (37,5 %) und an den unteren Extremitäten (25,0 %) auf.

Noch einmal Michaela Binder: „Der überraschendste Fund war eine große aber verheilte Hiebverletzung am Hinterkopf eines älteren Mannes. Es ist bemerkenswert, dass jemand erstens eine derartige Verletzung, die vermutlich ebenfalls am Schlachtfeld erlitten wurde, überlebte, und zweitens dann weiter im Kampfeinsatz stand. Das zeigt möglicherweise, wie hoch der Mannschaftsbedarf war.“

Die Kämpfe erreichten am 22. Mai 1809 ihren Höhepunkt und endeten mit Napoleons Rückzug auf die Lobau-Insel. Diese wurde in der Folge von den Franzosen zu einem befestigten Waffenplatz ausgebaut, der ihnen als Basis für die Schlacht von Deutsch-Wagram, in der die Österreicher vernichtend geschlagen wurden, diente.

In der Ausstellung und in dem Buch werden die Grabungen der Archäologen in der Seestadt Aspern erstmals zusammenfassend mit einer Analyse der geborgenen Uniformreste und der anthropologischen Auswertung im Kontext von Zeitgeschehen und Heerwesen präsentiert.

Ausstellungstipp

Auf den Spuren der Schlacht von Aspern

Ort Volkshochschule Meidling, 1120 Wien, Längenfeldgasse 13-15, 2. Stock

Ausstellungsdauer bis 31. Jänner 2018

Öffnungszeiten Montag bis Freitag von 8 bis 20 Uhr.

Infos zum neuen Buch „Napoleon in Aspern. Archäologische Spuren der Schlacht 1809“: Wien Archäologisch 13 (Wien 2017). 152 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen. EUR 21,90. ISBN 978-3-85161-170-0

Alle Infos auf www.wien.at/archaeologie

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 27/2017

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