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Dr. Rosemarie Brunnthaler-TscherteuÄrztin für Allgemein-medizin, ÖAK-Diplom für Homöopathie,Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathische MedizinPositive Picture

 

Abb. 1: Repertorisation (Radar Opus)

© Dean Mitchell / photos.com plus

 
Komplementärmedizin 16. August 2017

Homöopathie bei Kinderwunsch

Ungewollte Kinderlosigkeit sollte als bio-psycho-soziales Problem betrachtet werden, und hier kann Homöopathie als ganzheitliche Methode sehr wirksam sein.

So können nach meiner langjährigen Erfahrung individuell und ganzheitlich gewählte homöopathische Arzneien bei vielen Infertilitäts- ursachen eingesetzt werden. Auch psychischer Stress nach mehreren Fehlgeburten oder IVFs ohne Erfolg kann homöopathisch gut vermindert werden, wodurch eine neuerliche Schwangerschaft, ob spontan oder nach künstlicher Befruchtung, leichter eintritt. Homöopathische Arzneien wie Sepia, Pulsatilla, Lachesis, Aristolochia und Follikulinum können auch Nebenwirkungen der Hormonstimulation bei künstlichen Befruchtungen deutlich mildern.

Wettlauf gegen die biologische Uhr

Auch in meine Praxis begeben sich oft Frauen um die 40, die nach erfolglosen IVFs hoffen, durch homöopathische Begleitung sich den Kinderwunsch doch erfüllen zu können, wobei ein paar meiner Patientinnen noch gesunde Kinder bekamen. Wenn der Kinderwunsch aus nicht beseitigbaren Ursachen aber nicht mehr erfüllt werden kann, hilft oft die individuelle homöopathische Arznei, das anzunehmen und den Lebenssinn nicht an die Existenz eines Kindes zu knüpfen.

Homöopathische Anamnese

In der homöopathischen Anamnese frage ich das Paar immer, welchen Sinn das Kind in ihrem Leben stiften soll. Soll es z.B. das Gefühl des Gebrauchtwerdens geben, die Beziehung emotional bereichern oder die Ablösung von den eigenen Eltern fördern? Die Frage, was wäre, wenn der Wunsch unerfüllt bliebe, ermöglicht oft den Zugang zu Erwartungen und Vorstellungen des Paares. In der Identifikation mit dem erwarteten Kind werden eigene kindliche Gefühle aktiviert. Waren die Eltern der Frau/ des Paares etwa unverlässlich oder kühl distanziert, beeinflusst dies die eigene Vorstellung von Mütterlichkeit und Väterlichkeit.

Eigene Erfahrungen mit Homöopathie bei Kinderwunsch

In den letzten zehn Jahren hat sich bei 80 von mir homöopathisch behandelten Patientinnen/Paaren für 45 der Wunsch nach einem oder mehreren Kindern erfüllt. Erfreulicherweise waren diese Kinder durchwegs gesund.

Ein weiterer Vorteil der ganzheitlichen homöopathischen Behandlung liegt aber auch in der Heilung von Beschwerden, die mit Infertilität nur am Rande oder gar nicht zu tun haben.

Die folgende Krankengeschichte zeigt nicht nur den Erfolg einer individuell gewählten homöopathischen Arznei beim Kinderwunsch, sondern auch die reproduzierbare Besserung einer Autoimmunthyreopathie:

Frau S., geb. 1982, kommt im April 2011 zu mir in Behandlung, da seit Absetzen der Pille vor einem Jahr nur Schmierblutungen auftreten - wie auch früher in Pillen- pausen. Weiters besteht Verdacht auf PCOS und eine hyperthyreote Autoimmunthyreopathie: TSH < 0,01; fT3: 9,18; fT4: 27; Thyreoglobulin-AK: 57. Eine Therapie mit Prothiucil (2 x 2 Tbl.) wurde eingeleitet. Frau S. hatte in den letzten Monaten zwei Kilo Gewicht verloren, war innerlich unruhig und hatte Heißhunger- attacken.

Sie wünscht sich sehr ein Kind, weil sie das Alter dazu erreicht habe und der Partner passe. Selbst ist sie ohne Vater aufgewachsen, da er die Mutter in der Schwangerschaft verlassen hatte.

Frau S. fühlt sich oft zerrissen zwischen den Ansprüchen der Mutter nach Kontakt und den Wünschen ihres Partners. Außerdem brauche sie selber Freiraum, sei bisweilen gern allein und löse ihre Probleme auch eher eigenständig. Frau S. braucht Harmonie, Konflikte beschäftigen sie. Schreit sie jemand an oder kritisiert sie heftig, trifft sie das sehr. Dann zieht sie sich zurück. Sie tadelt sich eher selbst, aber wenn sie sicher ist, im Recht zu sein, kann sie offen Kritik üben. In ihrem Beruf als Krankenschwester fühlt sich Frau S. wohl.

Repertorisation

Nach Erhebung und Repertorisation auch der weiteren in der Anamnese angesprochenen Symptome entschied ich mich für Sepia (Tintenfisch). Tief im Inneren scheint mir Frau S. eine verletzliche Einzelgängerin zu sein, typisch für dieses Meerestier. Sie ist um Harmonie bemüht, kann aber kritisch werden, um sich und ihre Meinung zu verteidigen. Sepia-Frauen sind meist warmherzig und loyal, nur vor den Menses oder wenn sie durch Mehrfachbelastungen oder nach Geburten erschöpft sind, werden sie reizbar und distanziert gegenüber der Familie, ziehen sich enttäuscht zurück oder gehen zum Angriff über. Ihre weibliche Seite anzunehmen fällt schwer, daher ist Sepia häufig bei Problemen rund um Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit und bei allen hormonellen Störungen angezeigt. Es handelt sich oft um Frauen, die dem Druck eigener Erwartungen im beruflichen und familiären Bereich schwer gerecht werden können und bezüglich einer Schwangerschaft ambivalent sind.

Auch bei Schilddrüsenproblemen, wie bei Hashimoto-Thyreoiditis und anderen Autoimmunthyreopathien, die oft bei Kinderwunsch-Patientinnen zu finden, ist Sepia häufig hilfreich.

Verlauf unter Therapie

Unter Sepia LM 6 dauern bei Frau S. die Schmierblutungen länger, bis zu einer Woche. Ende Juni ist der TSH-Wert 4,0. Prothiucil® wurde vor einem Monat abgesetzt bei einem TSH-Wert von 10. Die innere Unruhe ist nicht mehr vorhanden, und sie kann ihre Meinung gegenüber Mutter und Partner besser vertreten.

Unter ansteigenden LM-Potenzen von Sepia kommt es anschließend zu normalen Menstruationen und zu völliger Normalisierung der Schilddrüsenwerte innerhalb eines halben Jahres. So wie ich es oft als positive Arzneiwirkung erlebe, wurde Frau S. auch gelassener bezüglich ihres Kinderwunsches. Im Juli 2012 trat die ersehnte Schwangerschaft dann auch ein.

Aufgrund des Auftretens von leichten Blutungen während der Dienstzeiten wurde im November frühzeitiger Mutterschutz bewilligt. Eine im Organscreening festgestellte leichte Hydronephrose links bildete sich unter Sepia LM 30 (in seltenen Gaben) zurück, und auch Ängste vor der Geburt gehen bald vorüber.

Im März 2013 entbindet Frau S. ihren Sohn (3000g GG) in einer neunstündigen Spontangeburt - die Wehen sind gut erträglich mit Sepia LM 35. Die Stillzeit verläuft ohne Probleme, Frau S. vergaß die Sepia-Einnahme.

Ende August 2013 bekam sie wieder Heißhunger-Attacken, wurde unruhig, schlief schlecht und verlor Gewicht. Die Schilddrüsenwerte: TSH 0,0 und fT3/fT4 grenzwertig erhöht, der Ultraschallbefund sprach für eine Autoimmunthyreoiditis, allerdings ohne Antikörper. Frau S. stillte noch ein wenig. Nach Sepia LM 40 (einmal pro Woche) sind die Schilddrüsenbefunde bis Jänner 2014 wieder im Normbereich, das TSH 2,2. Frau S. nimmt daher Sepia weiterhin, um keinen Rückfall der Autoimmunthyreoiditis zu riskieren, derzeit in LM 50, in seltenen Gaben. Im Oktober 2015 berichtet sie, wunschgemäß wieder schwanger zu sein und freut sich auf ihr 2. Kind.

Fazit für die Praxis

Aufgrund meiner Erfahrungen eignet sich die homöopathische Medizin sehr gut als unterstützende Behandlung bei primärer oder sekundärer Sterilität. Auch ein nicht ausgesprochener oder schon beiseite gestellter Kinderwunsch kann sich bei Frauen erfüllen, die wegen anderer Beschwerden hilfreiche homöopathische Arzneien bekommen, was auch dem Placebo-Argument zur Erklärung homöopathischer Therapie-Effekte widerspricht!

Bleibt der Kinderwunsch aus Altersgründen oder anderen nicht zu beseitigenden Ursachen unerfüllt, kann die individuelle homöopathische Arznei Frauen helfen, ihren Lebenssinn nicht an die Existenz eines Kindes zu knüpfen - auch dies habe ich schon öfter erlebt.

Literatur:

Radar Opus PC-Repertorisationsprogramm

F. Kusse: Homöopathische Typenbilder, 2009 Narayana Verlag

R.Brunnthaler-Tscherteu: Wege zum Wunschkind, In: Documenta Homoeopathica, Bd. 31, Maudrich, Wien.

 

Korrespondenzadresse:

Dr. Rosemarie Brunnthaler-Tscherteu

Industriezeile 4/2, 4020 Linz

E-Mail:

R. Brunnthaler-Tscherteu

, komplementärmedizin 2/2017

  • Herr Dominic Ehrig, 18.08.2017 um 12:13:

    „Möge uns SpringerMedizin künftig mit pseudomedizinischem Unsinn wie es die Homöopathie nun mal ist verschonen!

    Wissenschaftliche Seriosität und Homöopatie passen einfach nicht zusammen.“

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